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Neue Bücher

aus Harvard Business manager 4/1989

PROF. ABRAHAM ROTSTEIN lehrt Wirtschafts- und Politikwissenschaft an der Universität von Toronto. Er schrieb das Buch "Rebuilding from Within: Remedies for Canada's Ailing Economy" (James Lorimer, 1984).

Bei einem Außenstehenden wie mir, der von Kanada aus die in den Vereinigten Staaten geführte Debatte über die ausländischen Direktinvestitionen verfolgt, stellt sich rasch ein Gefühl von Déjà vu ein. Denn über zwei Jahrzehnte, von der Mitte der 50er bis in die Mitte der 70er Jahre, erschienen die USA ihrem nördlichen Nachbarn in einer Rolle, die man - etwas überspitzt - als die von Kanadas "Japan" bezeichnen könnte. Ausländische Anleger kauften sich damals drei Fünftel der kanadischen verarbeitenden Industrie zusammen sowie große Teile unserer natürlichen Rohstoffvorkommen. Die Wirtschaft des Landes verwandelte sich in eine Wirtschaft von Tochterunternehmen, immerhin 80 Prozent des gesamten Auslandsbesitzes konzentrierte sich in den Händen von US- Amerikanern. Zu Anfang wurde die besorgte kanadische Öffentlichkeit mit allerlei Beschwichtigungen überhäuft: So gelte es doch, die globalen Perspektiven im Auge zu behalten, den normalen Lauf des Fortschritts anzuerkennen und nicht zuletzt die vergleichbaren Vorgänge überall draußen in der Welt zu sehen. Einige Versuche, den Unterschieden genauer nachzugehen, die zwischen einheimischen Unternehmen und Tochtergesellschaften in ausländischem Besitz existieren, wurden im allgemeinen als von Schwarzmalerei und Fremdenfeindlichkeit genährt rasch abgetan. Dennoch wuchsen die öffentlichen Besorgnisse, denn weitere Untersuchungen und Erfahrungen brachten einiges von den Versäumnissen und sonstigen Auffälligkeiten zutage, die für die in ausländischem Besitz befindlichen Teile der Wirtschaft anscheinend bezeichnend waren. In der Folge, präziser im Jahr 1973, rief Kanada eine Aufsichtsbehörde ins Leben, die die Investitionen des Auslands überprüfen und einige der Probleme lösen helfen sollte, denen sich das Land nun doch augenscheinlich gegenübersah. Ab da brauchte jeder ausländische Investor eine Genehmigung, falls er ein kanadisches Unternehmen zu übernehmen gedachte, und um die zu bekommen mußte er nun den Nachweis führen, daß die Übernahme "von erheblichem Vorteil für die Wirtschaft Kanadas" wäre. Obgleich der Erfolg der Behörde im ganzen noch nicht abzuschätzen ist - ihre Gründung half immerhin, die Besorgnisse der kanadischen Öffentlichkeit zu mindern. Etwas Ähnliches scheint sich nun in den USA abzuspielen, sofern diese Stimmen als repräsentativ gelten dürfen:

Der besorgte Tenor beider Bücher erinnert mich sehr an die Frühphase der Debatte in meinem eigenen Land. Falls diese Publikationen daher symptomatisch sein sollten für eine um sich greifende Unruhe in der amerikanischen Öffentlichkeit - und das scheint der Fall zu sein -, dann ist wohl demnächst mit einer veränderten amerikanischen Haltung gegenüber ausländischen Investoren zu rechnen - statt einer Politik der offenen Türen dann eine der gezielten Lenkungsmaßnahmen.

Japan - Amerikas großer
östlicher Rorschach-Test

Zweifellos nimmt Japans Präsenz in den Vereinigten Staaten rapide zu. Das in japanischem Besitz befindliche Wirtschaftsvermögen wächst mit einer viermal höheren Rate als die amerikanische Wirtschaft insgesamt. Rund 2000 japanische Unternehmen sind in den USA ansässig, darunter circa 30 Großunternehmen, die zu den "500" von "Fortune" gehören würden, wären sie nicht als Töchter japanischer Stammhäuser rubriziert. Im Jahr 1987 betrugen die japanischen Direktinvestitionen rund zehn Milliarden Dollar, für 1988 werden sie auf etwa 15 Milliarden Dollar geschätzt. Innerhalb des vergangenen Dezenniums gelangten japanische Banken in den Vereinigten Staaten aus dem Stand weitgehender Bedeutungslosigkeit in eine Position, von der sie aus nahezu zehn Prozent der privaten Bankeinlagen kontrollieren. Über die zurückliegenden drei Jahre hinweg kauften japanische Anleger außerdem für rund 18 Milliarden Dollar erstklassige gewerbliche Immobilien. Die Buchautoren, die Tolchins ebenso wie Daniel Burstein, schlagen angesichts solcher beeindruckender Zahlen Alarm: Die Japaner, so warnen sie, stünden mit enormen Mitteln gewappnet vor den Toren Amerikas, einigen sei es längst geglückt, über die Hintertüren einzudringen. Bei ihren Warnungen schlagen sie einen populistischen Ton an und lassen dabei Ängste ahnen, die mehr vage als direkt greifbar scheinen. Aber wahrscheinlich geben die Schreiber nur einfach die öffentliche Meinung Amerikas über diese Herausforderung wider. Für einen Betrachter von außen erweist sich Japan als der große Rorschach-Test Amerikas. In dem Maße, wie sich zwischen den beiden Ländern eine Art ominöser Ähnlichkeit entwickelt, scheinen die Amerikaner wie besessen von den befremdlichen Schatten, die durch ihre Vorstellungswelt geistern. Das Japan, das sie dabei heraufbeschwören, kommt ihnen im gleichen Augenblick exotisch und vertraut vor. Alte amerikanische Tugenden begegnen ihnen in ungewohntem Gewand: die Einfachheit eines Benjamin Franklin, der Erfindergeist eines Thomas Edison, die Tüchtigkeit eines Frederick Taylor im betrieblichen Management, der bahnbrechende Genius eines Henry Ford in der Produktion. Sie alle scheinen neuerdings von dem Geheimnis, dem Zauber und der Mißgunst umhüllt, die US-Amerikaner dem fernen/nahen Japan entgegenbringen. Wurde ihnen ihr amerikanisches Erbe entwendet? Irgendwie sehen sie die Zukunftstrümpfe von einst jetzt in fremden Händen. Mögen solche Empfindungen unnötig dramatisch sein, die zugrundeliegenden Tatsachen lassen sich nicht leugnen. Falls der Prozeß der Übernahmen so weiterläuft, sind die Vereinigten Staaten auf dem Weg zu einer "bionischen Volkswirtschaft" (gemeint ist eine Wirtschaft, die ihre Probleme nach dem Vorbild der Funktionen der menschlichen körperlichen Organe lösen müßte, H.G.K). Das Zeitalter des multinationalen Unternehmens ist das Zeitalter technisch komplizierter ökonomischer Verpflanzungen. Überlegene ausländische Unternehmen gleichen, indem sie zu Teilen einer fremden Volkswirtschaft werden, in nicht geringem Maß künstlichen Organen, die natürlicher Person übertragen werden: Wie überragend die Transplantationstechnik auch sein mag, das Manöver hat etwas Künstliches an sich. Folgerichtig setzt daher auch ein natürlicher Abstoßungsprozeß ein. Die Ärzte am Bett des Patienten sehen sich vor die Frage gestellt, ob sie diesen Prozeß beeinflussen sollen und wenn ja, wie. Sicherlich, biologische Analogien sind ein Wagnis (obwohl wir wissen, daß wir mit der unsichtbaren Hand ganz gut zurecht gekommen sind). Die Künstlichkeit einer Transplantation kann uns jedoch als Metapher dienen für die großen Besorgnisse, die beide hier besprochenen Bücher artikulieren. Der Prozeß der körpereigenen Abwehr steht stellvertretend für die Wahrnehmungen und politischen Bauchschmerzen, die die ausländischen Direktinvestitionen begleiten. Von einer bestimmten Reizschwelle ab beginnen sich die politischen Sorgen zu vervielfachen. Und sollten gar Schlüsselbereiche der Wirtschaft - fortgeschrittene Fertigung, Finanzwesen, Kommunikation, Verkehr, möglicherweise Immobilien - dem Ansturm erliegen, dann kommen mit Gewißheit die Forderungen nach wirtschaftspolitischen Begrenzungen oder letztlich nach Schutzvorkehrungen und Kontrollen auf. Wie weit kann der Prozeß des Erwerbs von US-Vermögenswerten durch die Japaner noch gehen, ehe ein heftiger politischer Umschlag in den USA zu einem neuen Kurs führt? Wie Autor Burstein darlegt, könnte die Furcht vor einem weiteren Abrutschen des Dollarkurses gegenüber dem Yen leicht die Umwandlung Wandlung des gewaltigen japanischen Portefeuilles an amerikanischen Staatspapieren in alle Arten von Kapitalbeteiligungen auslösen. Aber niemand braucht dieses schlimmste aller denkbaren Szenarien zu unterstellen, um zu erkennen: Die Japaner besitzen aufgrund ihrer vorzüglichen Finanzkarten genügend Bewegungsspielraum für den Fall, daß sie sich entschließen sollten, ihren Anteil an der US-amerikanischen Wirtschaft zu erhöhen. Vorerst steckt die politische Diskussion in den USA zu dieser Frage noch in den Anfängen. Wird die Wirtschaft Amerikas also demnächst aus einer Reihe spitzentechnologischer Implantate unter ausländischer (hauptsächlich japanischer) Kontrolle bestehen? Wieviel Bewegungsfreiheit wird es für Entscheidungen im Lande noch geben? Was bleibt natürlich und was ist künstlich in einer solchen bionischen Volkswirtschaft? Martin und Susan Tolchin haben ihr sehr lesbares und hochaktuelles Buch im Geiste ernstlicher Besorgnis verfaßt. (Er ist Korrespondent im Washingtoner Büro der New York Times, sie hat eine Professur für Öffentliche Verwaltung an der George Washington University.) Gemeinsam haben sie die Probleme kritisch untersucht und beschrieben, die aus der steigenden Flut von Übernahmen resultieren, mit denen Ausländer in die amerikanische Wirtschaft eindringen - besonders in Bereiche des Fertigungs-, Immobilien- und Kreditgeschäfts. Das Ergebnis ihrer Untersuchung ist ein bunter Teppich von Argumenten, unaufdringlich (wenn auch nicht immer) abgewogen zwischen Befürwortern und Gegnern dieser Vorgänge. In der Frage, ob die Investitionen des Auslands als geschenkter Gaul oder trojanisches Pferd anzusehen sind, neigen die Tolchins zu letzterem. Unglücklicherweise, die Autoren weisen daraufhin, ist die Statistik nur bruchstückhaft, so daß wir viel zu wenig über die wirklichen Besitzer von Amerikas bionischer Enklave wissen. Zu viele Schleier sehen wir vor den Unternehmen ausgebreitet, um wirklich erkennen zu können, wer diese Anlagen kontrolliert. Zudem enthalten die Informationen über Auslandsinvestitionen große Lücken - möglich, daß über so gut wie die Hälfte gar nichts verlautet, die Tolchins nehmen das jedenfalls an. In diesem Zusammenhang ist ihr Plädoyer für laufende und detaillierte Berichterstattung berechtigt und zwingend. Nur wieviel an Auslandsinvestitionen gibt es in den USA? Wer sind die Anleger und was tun Kommunen und Regierungen einzelner US-Bundesstaaten dazu, sie anzulocken? In welchem Ausmaß fließen Gewinne in die Ursprungsländer ab oder werden vor Ort reinvestiert? Nicht weniger zwingend sind die politischen Fragen, die das Autorenpaar aufwirft, Fragen die auch noch von einer brüchigen Datenbasis abhängen. Erwerben ausländische Investoren US-Firmen mit der klaren Absicht, Zugang zu fortgeschrittenen Technologien zu gewinnen? Drängen die amerikanischen Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen ihre US-Mitbewerber mit voller Überlegung aus dem Geschäft? Gibt es Schlüsselindustrien wie etwa Raumfahrt, Computerchips oder Rohstoffe, die zu verlieren sich die Amerikaner nicht leisten können? Das sind nur einige der peinigenden Fragen, die die Tolchins für eine landesweite Diskussion vorschlagen. Diese Fragen entspringen weder der Einbildung noch einer fremdenfeindlichen Haltung, sondern ergeben sich aus den im Buch beschriebenen Beispielen. Ziel der Autoren ist es nicht, den Investitionen des Auslands einen vernichtenden Schlag zu versetzen oder sie nicht mehr zuzulassen, sondern "mit der Aufgabe voranzukommen, sich ihrer Vorteile zu erfreuen und ihre Risiken zu verkleinern. Die Politiker müssen die Bürger vor den negativen Auswirkungen der Auslandsinvestitionen schützen und deren künftige Entwicklung mehr kontrollieren". Der Ratschlag der Tolchins ist gut - in seinen Grenzen. Aber er verhilft uns schwerlich zu einer angemessenen Politik gegenüber den Auslandsinvestitionen. Denn so vorläufig ihre Untersuchung auch sein mag, sie ist verwirrend genug. Das Problem dagegen ist nicht neu, und in der Tat gibt es niemanden, der bekannter als die Vereinigten Staaten dafür wäre, Multinationale zu unterstützen oder ihren Einfluß und die politischen Einstellungen zu untersuchen, die Gastländer einnehmen. Trotz all dieser Erfahrungen sind die USA seltsam kurzsichtig in Hinsicht auf die eigene Lage. Dazu gleich noch mehr. Daniel Burstein bewegt sich auf ähnlichen Pfaden wie die Tolchins, unterstreicht aber stärker, wie sich die japanischen Finanzinstitute international organisieren. Wie der Titel seines Buches nahelegt, macht ihn am meisten Japans beherrschende Stellung an den Weltkapitalmärkten Sorge. Die apokalyptischen Untertöne bei ihm wirken nicht immer überzeugend, aber sie helfen doch, die Probleme zu verdeutlichen. Burstein ist ein New Yorker Journalist, der seit über einem Jahrzehnt über die Pazifik-Anrainer schreibt. Er tritt dafür ein, daß Amerika damit aufhört, sich auf ausländisches Kapital zu verlassen, wenn es seinen defizitären Bundeshaushalt auszugleichen sucht. Aber er schlägt auch vor, eine große außenwirtschaftspolitische Wende zu vollziehen - vom Freihandel zum gesteuerten Außenhandel. Dieser Kurs solle dann auch eine Entscheidung darüber enthalten, welche Sektoren vor ausländischem Zugriff - und für welche Zeit - geschützt bleiben müssen. Die "Behandlung ausländischer Finanzinstitute wie Inländer" solle einer Politik der Gegenseitigkeit weichen, fordert er, die "eine weitere Expansion von Finanzinstituten in den Vereinigten Staaten unterbindet, deren Heimatländer umgekehrt ihre Finanzmärkte amerikanischen Instituten nicht hinreichend öffnen". (Für "Heimatländer" ist natürlich "Japan" zu lesen.) Die ökonomischen Analysen in Bursteins Buch sind dünn; weitgehend scheint es sich dabei um eine Art von volkstümlicher Reportage zu handeln. Zwar stimmen die zu jedem Problem mitgeteilten Pros und Kontras, doch ins Gewicht fallende politische Empfehlungen bleibt der Autor schuldig. Er wie gleichermaßen die Tolchins möchten die Japaner nicht völlig von weiteren Investitionen und Firmenkäufen in den USA ausschließen. Aber sie möchten ihnen auch nicht freie Bahn lassen, um alles kaufen zu können, was sie wollen. Für einen Kanadier ist Bursteins interessantester Vorschlag der "eines Procedere zur Überprüfung ausländischer Akquisitionen", um so jene zu erfassen, "die negative Auswirkungen haben könnten". Der Vorschlag einer Kontrollbehörde ist zwar vage, gleicht aber dem von Kanada in den vergangenen 15 Jahren geübten Vorgehen. Seine Foreign Investment Review Agency, kurz FIRA (aus der kürzlich Investment Canada wurde), soll sicherstellen, daß im Falle einer angekündigten Übernahme das Land davon Vorteile hat, sei es in Form von Einstellungen, Aufträgen an heimische Ausrüstungszulieferer, Exportzusagen oder ähnlichen Firmenaktivitäten. Ironischerweise stieß sich gerade die amerikanische Geschäftswelt stets an diesen kanadischen Anforderungen. In welche Richtung aber sollen nun die US-amerikanischen Wirtschaftsführer und Politiker marschieren? Werden die Vereinigten Staaten in der Lage sein, ihren Weg zu finden, trotz ihres wunderlichen Astigmatismus, was die eigenen Erfahrungen im Ausland angeht? Es ist schon zwei Jahrzehnte her, daß Raymond Vernon und seine Kollegen ihre "Harvard Multinational Enterprise Study" begannen. Eine Menge ausgezeichneter Forschungsberichte erschienen in der Folgezeit, eingeschlossen Vernons eigenes Buch "Sovereignty at Bay" (Basic Books 1971). Beim Gebrauch des Ausdrucks "multinational" merkte er sorgsam an, daß er damit US-Unternehmen meine, die im Ausland operieren; entsprechend lautete der Untertitel seines Buches auch "The Multinational Spread of U.S. Enterprises". Andere Autoren später waren nicht so präzise. Sie fingen einfach damit an, den Ruf für bare Münze zu nehmen, und sahen die Multinationalen als Institutionen an, die über ihre nationalen Ursprünge tatsächlich hinausgewachsen sind. Nicht wenigen kamen sie so vor, als repräsentierten sie eine höhere Klasse von weltwirtschaftlicher Organisation. Roy Ash zum Beispiel, der einstige Chef von Lytton Industries, sah das multinationale Unternehmen eine "überragende Einheit" mit sich bringen - und, wie er es sah, "könne niemand eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist". Vernon selbst sah voraus, daß sich bei diesen US-Multinationalen in der Zukunft ein Wandel ereignen werde - "von einer beschränkt nationalen Orientierung zu einer olympischen Sicht ihrer Bedrohungen und Chancen". Er antizipierte zudem, daß eines Tages eine echte internationale Körperschaft diese multinationalen Unternehmen beaufsichtigen könnte. Sehr wenig von dieser Stimmung und Sprache eines frohgemuten Idealismus findet sich noch in den beiden hier betrachteten Büchern. Da gibt es kein Versehen, die Banken und Industrieunternehmen, auf die sich die Autoren beziehen, sind natürlich japanische (nur gelegentlich auch europäische und kuwaitische). Da scheint es so, als ob ausländische Unternehmen aufhörten, multinational zu sein, wenn sie über Amerikas Türschwelle kommen. Und da gibt es nirgendwo ein Quentchen ungezwungenen Hochgefühls. Kein Wort hören wir mehr über so etwas wie Vorboten einer höheren Weltwirtschaftsordnung, "deren Zeit gekommen ist". Im Gegenteil, es ist so, als ergebe sich aus den Arbeitsergebnissen der Harvard-Untersuchung nichts im Hinblick auf das gegenwärtige amerikanische Dilemma. Wohl aber herrscht eine gewisse schiefe Blickrichtung vor: Denn von den 600 Topmultis der Welt, mit Jahresumsätzen von mehr als einer Milliarde Dollar, sind knapp über die Hälfte US-amerikanisch; Japans Multinationale machen von der Gesamtheit nur 13,6 Prozent aus. Manche Rezensenten der beiden Bücher gehen beim Läuten der Alarmglocken wesentlich heftiger zu Werke als die Autoren selbst. William Safire von der New York Times nannte das Buch der Tolchins "eine überraschende Ansicht von einer Gefahr für Amerikas Sicherheit". Kein geringerer als ein Geschäftsmann wie Malcolm Forbes äußerte: "Ehe Japan zu viel von den USA aufkauft, sollten wir unverzüglich ein Gesetz über einen vom Präsidenten zu besetzenden Rat der Weisen erlassen, dessen Genehmigung vorliegen muß, bevor irgendeine nur halbwegs wichtige Kapitalanlage durch Ausländer vor sich gehen kann." Diese Ansichten werden nicht von jedermann geteilt, natürlich nicht. So verteidigt eine Gruppe von Ökonomen nachdrücklich die vorherrschende Meinung, wie sie auch Jane Sneddon Little vertritt. In der Juli/August-Ausgabe 1988 der New England Economic Review schreibt sie: "Alles zusammengenommen ist die amerikanische Politik gegenüber den ausländischen Direktinvestitionen in diesem Land auf dem richtigen Kurs und muß kaum, wenn überhaupt, geändert werden. Diese Politik trägt dazu bei, die Türen offen zu halten, und sorgt dafür, daß ausländische Anleger von staatlicher Seite aus nicht diskriminiert werden, sobald sie da sind." Damit kommen wir zum Kern des Dilemmas. Muß die amerikanische Öffentlichkeit wirklich dazu gedrängt werden, zwischen Adam Smith und Paul Revere zu wählen? Nach den kanadischen Erfahrungen zu urteilen heißt die Antwort sehr wahrscheinlich 'nein'. Wir hatten - und wir haben - Probleme mit den US-Multis, Probleme, die unsere Freihandels-Anwälte versäumten vorauszusehen. Aber sie haben sich auch als weniger schwerwiegend erwiesen als jene Probleme, die die Gegner von Auslandsinvestitionen ursprünglich erwarteten. Das erste Problem hat mit dem Faktum der Exterritorialität und dem Umstand zu tun, daß US- Tochtergesellschaften im Ausland US-amerikanischem Recht unterliegen. Dort wo amerikanische und kanadische Vorschriften und Maßnahmen differierten - und das war der Fall im Kartell- und Wertpapierrecht sowie beim Verkehr mit Staatshandelsländern -, genossen US-Gesetze Vorrang. Folglich sah man Kanadas Souveränität auf seinem eigenen Territorium beeinträchtigt. Auch ökonomische Probleme tauchten auf. So litten F + E bei den US-amerikanischen Töchtern, weil sie diese Aktivitäten beim Sitz der Mütter konzentriert ließen. Ortliche Lieferanten fanden sich ausgebootet, weil die US-Auslandsunternehmen dazu neigten, Ausrüstungen und Materialien von denselben Unternehmen zu beziehen, die auch die Hauptbetriebe in den USA belieferten, und weil sie darum mehr vorgefertigte Teile importierten als heimische kanadische Unternehmen. Endlich wurde die Entwicklung von Managementfähigkeiten auf Seiten der kanadischen Mitarbeiter unterbunden, weil sie von US- Konzernzentralen an der kurzen Leine geführt wurden. Noch etwas kam hinzu. Während die Praxis dieser US-Töchter im einzelnen beträchtlich variierte, entwickelten sich doch viele von ihnen zu dem, was wir in Kanada "Rumpfunternehmen" ("truncated companies") nennen. Solche Unternehmen kümmern sich nicht um sämtliche Aufgaben, die das Entwickeln, Herstellen und Vermarkten von Wirtschaftsgütern normalerweise erfordern, sondern überlassen einen Teil davon der Muttergesellschaft. Aus deren Sicht mag eine derartige Amputation gewiß eine geschäftlich vernünftige Entscheidung sein, weil sie den eigenen globalen Zielen nutzt - aus Sicht des Gastlandes freilich sieht das jedoch kaum so günstig aus. Wie der 1972 veröffentlichte Regierungsbericht "Foreign Direct Investment in Canada" unterstrich, kann "Truncation" (je nach Umfang der Tätigkeiten, die betroffen sind) bedeuten: "weniger Produktionsvolumen für den kanadischen Markt, weniger Gelegenheit für Innovation und unternehmerisches Wagnis, weniger Exporte, weniger Ausbildung für das kanadische Personal". Diese Schwierigkeiten mögen nicht direkt mit den Sorgen zu tun haben, die sich die Amerikaner jetzt wegen der Auslandsinvestitionen in ihrem Land machen, obgleich ich sicher bin, daß sie Lesern bekannt vorkommen müssen, die die Debatte um den Ausverkauf der US-Wirtschaft verfolgen. Doch eine systematische Untersuchung, die die beunruhigendsten Vorgänge gesondert und mit akribischer Genauigkeit klärt, könnte ein entscheidender erster Schritt sein auf dem Weg zu praktikablen politischen Lösungen. Sind die wirklichen Probleme erst einmal empirisch erkannt und analysiert, kann eine Politik eingeleitet werden, die die Grundregeln des Gastlandes für Ausländer festschreibt und damit ungute Erwartungen und Sorgen dämpft. Dazu bedarf es nicht der Wiedererweckung von Paul Revere. Die Hinwendung zu weltumspannenden Handelsbeziehungen gleicht ein wenig dem Fahren eines Autos. Der Gashebel bringt uns voran in der Weltgemeinde - oder in irgendeinem annehmbaren Teil von ihr. Aber ohne Bremsen zu fahren ist gefährlich. Ich vermute, es ist das Fehlen dieser Bremse, das hinter dem Unbehagen und dem dringenden Wunsch nach Abhilfen steckt, wie sie aus beiden Büchern herauszulesen sind. Als Kanadier überzeugen mich die Appelle der Autoren für den Einbau von Bremsen. Dazu möchte ich auch vermuten, daß sie in ihren nächsten Büchern jene Maßnahmen kritisch durchnehmen werden, die andere Länder bisher gegenüber den US-amerikanischen multinationalen Unternehmen angewandt haben. Einiges von den dabei gewonnenen Aufschlüssen wird sich gewiß als nützlich für den US-Hausgebrauch erweisen. Copyright: © 1989 by the President and Fellows of Harvard College; ursprünglich veröffentlicht in "Harvard Business Review" Nr. 1, Januar/ Februar 1989, unter dem Titel "When the United States Was Canada's 'Japan'"; Übersetzung: Dr. Horst Georg Koblitz.

Abraham Rotstein
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