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Forum Naiv-romantisches Verständnis

Authentizität: Führen mit Charakter (März 2006)
aus Harvard Business manager 4/2006

Immer noch herrscht gerade in Kreisen von Führungskräften ein seltsam unreflektiertes und nahezu naiv-romantisches Verständnis von "Authentizität". Wie oft begegnet einem beispielsweise als vermeintlich ultimativer Erfolgstipp die Floskel "seien Sie einfach Sie selbst". Doch damit ist die Arbeit nicht getan. Denn wie die Autoren überzeugend zeigen, geht es bei Authentizität in erster Linie um Bewusstheit der eigenen Herkunft, der eigenen Ziele und - ganz wichtig - der eigenen Wirkung. Und das erfordert Zeit und Reflexionsfähigkeit. Insbesondere der Aspekt der Fremdwahrnehmung wird gern übersehen. Die Vorstellung, dass man nur so authentisch ist, wie andere einen sehen, und dass "Authentizität" Hand in Hand mit Wirkungsbewusstsein geht, klingt für viele ja eher wie eine Antithese zum "man selbst sein". "Authentizität" als Inszenierung von verschiedenen Facetten der Persönlichkeit - eine Idee, die irritiert, aber nichtsdestotrotz der Realität entspricht.

Viele Führungskräfte machen diese Erfahrung in Coachingsitzungen, bei denen Interventionen wie die Arbeit mit dem "Inneren Team" zum Einsatz kommen. Diese metaphorische Herangehensweise an die unterschiedlichen Facetten der Persönlichkeit, führt oftmals zu schnellen und intuitiven Einsichten, ohne jeden persönlichen Konflikt gleich zu "pathologisieren".

Nur zwei Aspekte kommen meines Erachtens zu kurz:

1. Persönliche Werte, die als verbindendes Korsett der unterschiedlichen Rollen einer Führungskraft dienen. Als Erfolgsfaktor von authentischen Managern wird unter anderem die "überschaubare Zahl von Zielen" genannt, die eng mit der Persönlichkeit der Führungskraft verknüpft seien. Aber sind es nicht die persönlichen, grundlegenden Werte, welche die gemeinsame Basis aller unterschiedlichen Rollen des Managers bilden?

2. Der Entwicklungscharakter von "Authentizität". Es heißt, authentische Führungskräfte "wissen, woher Sie kommen und wer Sie sind." Der nächste Schritt einer authentischen Entwicklung muss aber nun lauten: Sie wissen auch, wer sie sein können. Denn nur mit dieser Feststellung wird deutlich, dass "Authentizität" eben nicht angeboren, sondern ein kontinuierlicher, bewusster Prozess ist.

Dr. Sven Brodmerkel, Faktor::a, Atelier für authentische Kommunikation, Gerolstein

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