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Fünf Minuten mit ... Mikhail Baryshinikov

aus Harvard Business manager 8/2011
Mikhail Baryshnikov

Mikhail Baryshnikov

Foto: Mark Seeliger, Courtesy of NIKON USA

Neuanfang scheint bei Ihnen Programm zu sein - Sie waren erst im klassischen Ballett und dann im modernen Tanz zu Hause, haben nach der Bühne auch Leinwand und Fernsehen für sich entdeckt, standen im Rampenlicht, saßen dann im Büro - und sind immer wieder zwischen all diesen Genres hin und her gesprungen. Warum?

Baryshnikov Ich folge meinem Instinkt. Ich habe eine innere Uhr, die mich regelmäßig mahnt, dass es an der Zeit ist, etwas Neues zu unternehmen. Wir Menschen werden zu Veränderungen von einem uns innewohnenden Bedürfnis, Neues zu entdecken, angetrieben, wir wollen unsere eigenen Grenzen austesten. Ich folge einfach diesem Trieb. In einigen Fällen beobachte ich, was andere Menschen machen, und entscheide mich dann trotzig für das Gegenteil. Manchmal führt das zum Erfolg, manchmal aber auch nicht.

Wie schwierig war die Umstellung vom Künstler zum Manager?

Baryshnikov Ich hatte das große Glück, zuvor mit sehr organisierten Tanzkompanien zu arbeiten, daher hatte ich bereits eine Ahnung davon, was für eine große Herausforderung das Management im künstlerischen Bereich sein würde. Als es so weit war, bin ich an der Aufgabe gewachsen. Ich musste plötzlich künstlerische Entscheidungen unabhängig von meinen eigenen Karriereplänen treffen und stattdessen Mitstreitern den Weg bereiten.

Ich bin sehr gut darin, an einer Vision festzuhalten. Wenn es für die Organisation Sinn macht, kann ich Entscheidungen auch gegen den Willen von Menschen durchsetzen, die ich sehr schätze. Im Büro bin ich viel selbstbewusster als auf der Bühne: Dort möchte ich keine Anweisungen annehmen, und dort war ich auch schon oft ungeduldiger, als ich hätte sein sollen. Ich erwarte schnell zu viel in zu kurzer Zeit und bin leicht darüber frustriert, wie lange es dauern kann, bis eine Idee umgesetzt wird. Aber ich bin lernfähig.

Sind Sie ein guter Lehrer?

Baryshnikov Ich empfinde mich gar nicht als Mentor, eher als Cheerleader. Aber die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe, ist: Man muss sich selbst erkennen. Egal was man neu lernen will - wenn man sein Publikum später damit unterhalten und begeistern will, muss man es mit jeder Zelle seines Körpers und Geistes durchdringen.

Und wie entsteht ein gutes Team?

Baryshnikov Wenn man wirklich miteinander arbeiten will, muss man offen sein und immer 100 Prozent geben. Man muss sein Ego vergessen und vollkommen in der Gruppe aufgehen. Aber Obacht: Vor allem wenn es darum geht, gemeinsam etwas Neues zu entwickeln, fliegen manchmal auch die Fetzen: Kre-ative können sehr temperamentvoll sein. Wenn Sie damit nicht umgehen können, sollten Sie es lieber gleich lassen.

Was ist Ihr Geheimrezept, wenn Sie sich auf eine neue Rolle vorbereiten?

Baryshnikov Leider habe ich keins. Man braucht viel positive Energie, Talent, harte Arbeit und den Willen, sich vollkommen auf die Menschen, mit denen man arbeitet, einzulassen.

Wie gelingt es Ihnen, in allem, was Sie machen, so erfolgreich zu sein?

Baryshnikov Herumzusitzen und sich selbst zu loben ist das Schlimmste, was man machen kann. Darüber hinaus bin ich übrigens längst nicht in allem gut - fragen Sie mal meine Frau.

Mikhail Baryshnikov

Bereits in der Sowjetunion wurde der Tänzer Mikhail Baryshnikov, Jahrgang 1948, als Ikone verehrt, doch 1974 nutzte er eine Tournee zur Flucht und siedelte in die USA über. Er war erster Tänzer am New York City Ballett und Leiter des American City Balletts. Später übernahm er auch Rollen in Broadway-Shows und Spielfilmen. Heute fördert er mit seinem "Baryshnikov Arts Centre" in New York Nachwuchstalente.

Mit Mikhail Baryshnikov sprach Alison Beard, Redakteurin der "Harvard Business Review".

Nachdruck

Nummer 201108106, siehe Seite 102 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Publishing

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