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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Cheryl Jamis' Frustration ist verständlich.Sie kämpft gegen das,was der Wissenschaftler ArlieRussel Hochschild die "zweite Arbeitsschicht"genannt hat. Frauen erledigennach wie vor meist den Großteilder häuslichen Aufgaben, habenalso eine Doppelbelastung. Fügen Siedem noch die unsichtbaren Hürdenfür Frauen in den höheren Ebenenhinzu, dann ist es nicht verwunderlich,dass viele Managerinnen irgendwanndarüber nachdenken, wie hocheigentlich der Preis ist, den sie fürihren Ehrgeiz bezahlen. Und aus Verdrusskündigen sie dann oft.

Vor ihrem privaten Hintergrund istJamis völlig unfähig, mit Addisonoffen zu diskutieren. Statt strategischzu denken, fühlt sie sich als Opfer,und sie erwartet von ihrem Chef undihrem Unternehmen, dass diese dieProbleme für sie lösen. Das ist bestenfallsnaiv und schlimmstenfalls gefährlich,denn dadurch fragt sich Addisonunwillkürlich, ob Jamis wirklich sokompetent ist, wie sie erscheint.

Für Jamis wäre es allerdings eingroßer Fehler, für eine Weile auszusteigenoder sich eine "Karrierepause"zu gönnen - wie es Sylvia Ann Hewlettin einem Beitrag (Harvard Businessmanager,Oktober 2005) genannthat. In zehn Jahren, wenn Emma aufsCollege geht, wird es für Jamis sehrschwer, wenn nicht gar unmöglichsein, beruflich wieder Fuß zu fassen.Wie Hewlett in dem genannten Beitragbemerkte, ist die Karrierepausein den meisten Fällen tatsächlichein Karriereknick, da nur 40 Prozentder Frauen wieder auf eine qualifizierteVollzeitstelle zurückkehren.

Und wenn Jamis die Lösung darinsieht, sich selbstständig zu machen,sollte sie bedenken, dass fast dieHälfte aller Neugründungen das ersteJahr nicht übersteht.

Angenommen, Jamis entscheidetsich dafür, ihre Karriere bei Coprofortzusetzen, dann muss sie ihre widersprüchlichenPrioritäten in einersowohl für sie als auch für ihr Unternehmenpraktikablen Weise handhaben.Eine Beförderung ist für Jamisnur denkbar, wenn sie sich von derlächerlichen Annahme verabschiedet,es sei schwer, Nein zu sagen. Schließlichsagt sie bereits Nein zu dem Versprechen,dass sie sich selbst hinsichtlichEmma gegeben hat. Es ist an derzeit für sie, für sich selbst einzustehenund dieses Problem mit derselbenEnergie und demselben Optimismuszu lösen, mit denen sie irgendein Problemin ihrem Job angehen würde.

Jamis sollte sich ein paar Tage freinehmen,um sich über ihre Situationklar zu werden. Als Erstes sollte sieversuchen, die Dinge aus der Perspektiveihres Vorgesetzten zu sehen. MarcusAddison mag fürsorglich und mitfühlendsein, aber sein Hauptinteressegilt dem, was am besten für das Unternehmenist, und nicht Emma. Er hatzu Hause die Unterstützung einerFrau; man kann nicht von ihm erwarten,dass er Jamis' Situation voll undganz versteht oder Entscheidungen fürsie trifft. Als Jamis' Vorgesetzter musser dafür sorgen, dass sie ihr Team führtund zum Gewinn beiträgt. Punktum.

Wenn Jamis an ihren Arbeitsplatzzurückkehrt, sollte sie Addison einenklaren Plan für flexible Arbeitszeitenvorlegen. Nachdem sie ihrem Chefvor Augen geführt hat, dass sie einefähige, ehrgeizige, kompetente undbewährte Führungskraft, aber gleichzeitigauch Mutter ist, sollte sie ihreBedingungen für einen Vertrag vorlegen.zum Beispiel sollte sie sagen,dass sie an einigen Tagen in der Wochefrüher gehen und freitags von zu Hauseaus arbeiten möchte. Sie sollte einräumen,dass das, worum sie bittet, zwarnicht der Norm entspricht, aber daraufhinweisen, dass es keinen Grundgäbe, es nicht auszuprobieren. Sie solltevorschlagen, dass sie sich für eine bestimmtezeit an diesen flexiblen Zeitplanhält - sagen wir, bis zu ihrernächsten Leistungsbeurteilung - undman dann schauen könnte, ob er sichbewährt hat.

Sie muss Addison davon überzeugen,dass sich das Risiko lohnt. Siesollte mögliche Vorteile für ihn darlegenund konkrete ziele und Meilensteinefestlegen, die zu erreichen siesich verpflichtet. Angesichts ihrerguten Beziehung zu Addison undihrem Wert für das Unternehmen hatsie gute Chancen, dass sie bekommt,worum sie bittet.

Anschließend liegt es bei Jamis, ihreziele zu erfüllen - oder besser noch:sie zu übertreffen. Indem sie das tut,überzeugt sie sowohl Addison alsauch die Personalabteilung und denFirmenchef davon, dass sie eine Beförderungzum Vice President verdienthat. Gleichzeitig beweist sie demManagement, dass es für Führungskräftemöglich ist, bei Copro zuarbeiten und dabei ein gesundes underfülltes Privatleben zu haben. Undsie wird zeigen, dass Frauen wie siewichtig für den Geschäftserfolg sind.

monica mcgrath
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