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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Die Welt scheint Alan Wilsonoffenzustehen, aber das Vermächtnisseiner Mutter verhindert,dass er sein Leben genießt.Seine Verwirrung rührt teilweise daher,dass er seine Trauerarbeit nochnicht abgeschlossen hat. Als seineMutter im Sterben lag, bürdete sie ihmeine schwere Last auf. Der Wunsch,den sie im Sterben äußerte, brachteWilson in die unglückliche Position,den von ihr vorgegebenen Weg zuvollenden, statt seinen eigenen zugehen. Wenn er seine Zukunft an derErfüllung der Wünsche seiner Mutterorientiert, könnte er die Chance verpassen,das ganze Potenzial seineseigenen Lebens zu entfalten.

Wilson muss damit beginnen, sichein paar Schlüsselfragen zu stellen:Was treibt mich wirklich an - beruflichund privat? Lebe ich mein eigenesLeben und folge meinen eigenen Idealen,oder handele ich aus einem belastetenGewissen heraus? Worin bestehenmeine zentralen Fähigkeiten, undwas befriedigt mich am meisten?

Einige von Wilsons persönlichenVorlieben zeigen bereits einen Wegauf. Man denke nur an die Art, wie erSki fährt. Er geht kalkulierte Risikenein. Statt die enge Piste zu wählen,auf der man gegen einen Baum prallenkönnte, entscheidet er sich für diebreite, offene Abfahrt. Indem er vorKarl losfährt, zeigt er, dass er ein Führer,kein Geführter ist.

Solche Hinweise legen den Schlussnahe, dass die Arbeit für einen Hedgefondsdie falsche Entscheidung seinkönnte. Statt seine Kompetenz durcheine Vielfalt von Erfahrungen zu erweitern,würde er sie verengen, indemer seine Tage damit verbrächte, dieBewegungen an den Aktienmärktenzu untersuchen. Zudem sind zwischenmenschlicheBeziehungen wichtigfür ihn, aber möglicherweise würdeer mit den Leuten beim Hedgefondsnicht viel kommunizieren. UndGeld scheint ihn nicht so stark zu interessierenwie Karl - zumindest nichtum seiner selbst willen. Ich habe denVerdacht, dass Wilson um das Suchtpotenzialdes Geldes weiß: Je mehrman verdient, desto mehr gibt manaus, und es macht einen nicht unbedingtglücklich.

Wilsons Fähigkeit, mit Menschenumzugehen, lässt das Angebot in Kaliforniengeeigneter erscheinen, aberer muss sich fragen, ob professionellesNetworking wirklich das ist, was ertun möchte. Eine weitere Frage stelltsich: Ist es sinnvoll, mit einem Freundin ein Geschäft einzusteigen? Was geschieht,wenn Wilson, ein geborenerAnführer, zum direkten Untergebenenvon Shiori Masaki wird - odervon Karl? Wenn er mit einem der beidenkonkurriert oder etwas schiefgeht,kann die Freundschaft dannüberleben?

Grepter hingegen befriedigt WilsonsBedürfnis, mit Menschen zusammenzuarbeiten,und bietet ihmausgezeichnete Perspektiven. Eine internationalePosition im Ausland unddie Verantwortung für ein Integrationsprojektwürden Wilson außerordentlichwertvolle Erfahrungenvermitteln. Der CEO hat angedeutet,dass er ihn möglicherweise fördernwürde, und sogar darauf angespielt,dass Wilson sein Nachfolger werdenkönnte. Wilson sollte sich Gary Dreisingeranvertrauen und mit ihm offenüber seine Optionen und Sorgen sprechen.Er könnte sagen, dass er gerneinen Weg finden würde, eine Karrierein einem großen Pharmaunternehmenmit sozial engagiertem Unternehmertumzu verbinden. Für Grepterkönnte es tatsächlich strategisch interessantsein, ein Geschäft aufzubauen,das darauf basiert, die Armen der Weltmit erschwinglichen Medikamentenzu versorgen. Während dieser Diskussionkönnte Wilson viel über DreisingersInteresse an ihm und seinePläne für ihn erfahren.

In seiner Rolle als Mentor könnteder CEO von Grepter Wilson auchdabei helfen zu entdecken, dass esnicht nur mit der Arbeit, sondern mitallen Aspekten des Lebens zu tun hat,ob man für die Gesellschaft nützlichist - nicht nur mit den Wohltätigkeitseinrichtungen,die er unterstützt, sondernauch mit den Produkten undDienstleistungen, die er bereitzustellenhilft, mit den Beziehungen, die eraufbaut, sogar mit den Steuern, die erzahlt. Indem Wilson seinem Mentorgegenüber offen ist und auf sein Herzhört, wird ihm möglicherweise klar,dass er seinem wahren Ich folgen undzugleich mehr für die Welt tun kann,als es sich seine Mutter je hätte träumenlassen.

daniel vasella
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