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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

John Clough sollte sich genauüberlegen, ob er dem Aufsichtsratvon Benchmark beitritt. Aus viertriftigen Gründen könnte er absagen.

Erstens verfügt Benchmarks Vorstandschefzwar über einen ähnlichenfachlichen Hintergrund wie Clough beide sind Finanzexperten. DochCharlie Duer und sein Unternehmenscheinen eine Finanzberichterstattungnach Wildwest-Manier zu betreiben.Das ist bei Clough undNetRF nicht der Fall. In modernenAufsichtsgremien sollten unabhängigeMitglieder den Aufsichtsrat bilden.Stimmt die Chemie zwischen einemAufsichtsratsmitglied und demUnternehmenschef nicht, wird dieserAufsichtsrat nicht besonders effektivarbeiten. Er wird weniger zu Rate gezogenwerden als ein vom Unternehmenschefgeschätztes Mitglied.

Zweitens verwenden die amtierendenMitglieder unbekümmert Standardfloskeln,wenn es um die Haftungvon Aufsichtsratsmitgliedern geht,statt Cloughs berechtigte Fragen zuQualität und Transparenz der Unternehmensbilanzenzu beantworten. Sievergessen, dass sie dafür genauso verantwortlichsind wie Clough.

Drittens stellt sich die Frage, obNetRF wirklich von Cloughs Tätigkeitals Aufsichtsrat bei Benchmarkprofitieren würde. Wenn NetRF eineerhebliche Anzahl von RFID-Lesegerätenan Benchmark verkaufenwürde, verlöre Clough seinen Statusals unabhängiger Director im Sinnedes Börsengesetzes und somit dieMöglichkeit, im Prüfungsausschusszu sitzen. Das feudale Leben frühererAufsichtsräte und das Aufpolierendes eigenen Lebenslaufs sind ebenfallskeine guten Gründe, einen Aufsichtsratspostenzu übernehmen.

Viertens wäre Clough wegen seinesFinanzfachwissens die wichtigste Personim Prüfungsausschuss. Er würdedie Zusammenarbeit mit dem externenPrüfer organisieren, was mit einembeträchtlichen Zeitaufwand einhergeht.Er wäre auch einer der erstenZeugen, die in einem eventuellen Aktionärsprozessoder einer Regierungsuntersuchungaussagen müssten.

Es gibt jedoch auch gute Gründefür Clough, Benchmarks Angebot anzunehmen.Er könnte Erfahrungensammeln: im Handel, über interneKontrollmechanismen sowie die Finanzberichterstattungeiner großenbörsennotierten Gesellschaft. NetRFsVorstandschef und die unabhängigenAufsichtsräte sollten letztlich darüberentscheiden, ob Cloughs Mitgliedschaftim Benchmark-Aufsichtsratmit seiner Loyalität und seinen Verpflichtungengegenüber NetRF kollidiert.Sie werden darüber nachdenkenwollen, ob Cloughs neues Engagementdie Bemühungen von NetRFuntergräbt, Produkte an Benchmark-Konkurrentenzu verkaufen. MancheUnternehmen werden vielleicht misstrauischwegen der entstehenden Verbindungzwischen den beiden Firmen.Etwaige erneute BilanzproblemeBenchmarks unter Cloughs Aufsichtkönnten zudem dem tadellosen Rufschaden, den sich NetRF durch diefrühe Ausgabe von Aktienbezugsrechtenerarbeitet hat.

Nehmen wir einmal an, Cloughselbst, der Vorstandschef sowie derAufsichtsrat von NetRF sehen vor allemdie Vorteile. Dann sollte Clougheinige Sorgfaltsgrundsätze beachten.Er muss die Termine der Aufsichtsratsund Ausschusstreffen beiBenchmark mit seinem NetRF-Terminkalenderabgleichen. Für einenFinanzchef sind die Zeiten besondersstressig. Er muss die Quartalszahlen,das Jahresergebnis und den Berichtfür die Börsenaufsichtsbehörde veröffentlichen.Kann Clough beide Verpflichtungenunter einen Hut bringen?Ein versierter Jurist (vielleichtTedeschi) sollte Benchmarks Satzung,die Statuten und die Versicherungsmaßnahmenfür Vorstand und Aufsichtsrätedurchsehen. Nur so lässtsich bestimmen, ob Haftungs- undVersicherungsschutz ausreichen.

Bei Treffen mit dem neuen Finanzchefund den externen Prüfern sollteClough deren Bereitschaft ausloten,sich in ein transparentes Berichterstattungssystemeinzugliedern. Und - damithat er bereits begonnen - er sollteAnalystenberichte und Zeitungsartikelder letzten zwölf Monate lesen. Sobekommt er eine genauere Vorstellungdavon, wie Benchmark in derFinanzwelt eingeschätzt wird. Er sollteaußerdem die Veröffentlichungsrichtlinienanfordern und dabei besonderesAugenmerk auf mögliche Änderungenbei den Buchungsgrundsätzen,angeführte Eventualverbindlichkeitenund den Lagebericht legen.

Die Entscheidung, dem Aufsichtsrateiner anderen Firma beizutreten,ist genauso bedeutsam wie die, einJoint Venture mit dieser Firma einzugehen.Beides kann den Ruf einerPerson und die Zukunft eines Unternehmensgefährden.

john olson
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