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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2007

Diese Geschichte ist ein gutesBeispiel dafür, wie man eineÜbernahme in der heutigenSituation nicht angehen sollte. Paragonscheint Übernahmen noch ausder Perspektive der 90er Jahre zu betrachten.Ich weiß, wovon ich spreche:Das Abstoßen mehrerer Firmen,die HealthNet erst in der vergangenenDekade akquiriert hatte, war ein wesentlichesKennzeichen für unserenStrategiewandel.

Paragon scheint kein ausgereiftesWachstumskonzept zu haben. Siekönnen eine Firma kaufen, wenn dieeigenen Zukunftsaussichten schlechtsind und eine risikoreiche Übernahmedie einzige Hoffnung ist, eine nochrisikoreichere Zukunft abzuwenden der klassische Fall des Betrunkenen,der einen anderen stützen soll. Siekönnen eine Akquisition wagen,wenn Ihr eigenes Unternehmen einestarke Marktposition, ein solides Produktoder eine gute Vertriebsinfrastrukturhat und Sie Ihre Stellung aufdem Aktienmarkt durch den Kaufweiter ausbauen können. Oder wennSie es für eine Katastrophe halten,wenn Ihnen jemand zuvorkommt.

Sie brauchen in jedem Fall einen eindeutigenGrund. Paragon schwanktin seiner Argumentation ständigzwischen den drei genannten Alternativen.Eigentlich ist AnaptyxisÜbernahmeidee in erster Linie eineReaktion auf die Initiative seines Mitbewerbers:Als die beiden Unternehmenzuvor über eine Zusammenarbeitsprachen und es noch keine Gerüchteüber eine feindliche Übernahme gab,dachte Paragon gar nicht daran, MonitoRoboticszu kaufen. Sicher ist einKaufmann manchmal gezwungen, aufeinen Schachzug eines Mitbewerberszu reagieren. Ist dies jedoch der einzigeGrund für eine Übernahme, wirdsie mit ziemlicher Sicherheit ein Misserfolg.Paragon hat kein klares Wachstumskonzept.Das zeigt auch die Uneinigkeitunter den Führungskräften.Anaptyxi und Littlefield hätten ihreMeinungsverschiedenheiten über dierichtige Strategie lange vorher ausfechtensollen.

Die Akquisition von MonitoRoboticsbirgt noch andere Gefahren. Esscheint sich im Wesentlichen um einestrategische Maßnahme zu handeln.Das heißt, der finanzielle Nutzenwird sich erst in ferner Zukunft erweisen,falls er sich überhaupt jemals inZahlen ausdrücken lässt. Ich glaube,diese Übernahme wird Paragon finanziellziemlich belasten und es wirdmehr oder weniger Glückssache sein,ob der Deal überhaupt klappt.

Ist ein Firmenkauf Teil eines schlüssigenWachstumskonzepts, kann erdurchaus gerechtfertigt sein. Aberhier scheint es sich eher um einenZusammenschluss auf Teufel kommraus zu handeln, wie es in den 90erJahren so oft der Fall war.

Was noch bedenklicher ist: DieseÜbernahme soll zu einer Umstrukturierungdes Konzerns führen. Ein riskantesUnterfangen, denn ein solchesVorgehen erfordert einen raschenWandel der Unternehmenskultur. DasManagementteam von Paragon scheintkeine Ahnung zu haben, wie esMonitoRobotics in sein Unternehmenintegrieren soll. Dabei ist dasWertvollste eines Dienstleisters seineBelegschaft. Eine Übernahme, die einenso radikalen Neuanfang bedeutet,ist doppelt riskant, wenn man sie alsreine Defensivmaßnahme betrachtet als bloße Reaktion auf den Vorstoßeines Konkurrenten.

Anaptyxi muss sich auch über dieReaktion der Aktionäre und AnalystenGedanken machen. Vor fünfJahren wären sie vielleicht noch begeistertgewesen. Aber heute werdensie einen solchen Schritt wohl kaumbegrüßen. Aktionäre glauben nichtmehr ohne Weiteres daran, dass aushöheren Einnahmen unbedingt auchhöhere Profite werden. Früher konntenFirmen nicht schnell genug expandieren.Heute fürchten sie eher, siekönnten sich über die Schwierigkeiteneiner Fusion nicht im Klaren sein.Sie sind skeptischer und wollen aucheinen eindeutigeren Zusammenhangzwischen einer Übernahme und demzu erwartenden Nutzen sehen. Angesichtsdes noch gar nicht so langezurückliegenden Enron-Desasterswürden sicher bei vielen Anteilseignerndie Alarmglocken läuten, wennein angesehener, konservativer Finanzchefwegen einer solchen Übernahmedie Firma verlässt.

Vor vier Jahren wäre dieser Dealnoch eine ausgezeichnete Chance fürParagon gewesen. Damals hätten sichwohl viele Firmen zu so einem Schrittentschlossen. Doch die Zeiten habensich geändert. Inzwischen sehen unserManagementteam und unser Vorstanddie möglichen Gefahren derartigerAkquisitionen viel deutlicher. Wirdenken daher auch genauer nach, ehewir uns zu einem solchen Schritt entschließen.Paragon sollte die gleichenstrengen Maßstäbe an seine Expansionspolitikanlegen.

jay gellert
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