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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Fred Westen sollte auf jeden Fallseinem Instinkt folgen undMimi Brewster einstellen, wennsie alle anderen Kriterien erfüllt. Ichempfehle, offen mit ihr zu sprechenund ihr genau zu erzählen, was seinePersonalchefin Virginia Flanders imInternet herausgefunden hat. Schließlichhat er nichts zu verlieren.

Aus rechtlicher Sicht muss Westensich wegen der Internetrecherche überBewerber überhaupt keine Sorgenmachen. Einjuristisches Problem entstehterst, wenn ein Kandidat aufgrundsolcher Suchergebnisse rechtswidrigdiskriminiert wird.

Außerdem: Wenn die Verantwortlichenim Unternehmen nur auf Bewerbersetzen, die richtige Heiligesind und nie etwas getan haben, das imInternet Erwähnung gefunden hat,bleiben unter Umständen nur sehrlangweilige Kandidaten übrig. Einesolche Strategie könnte sich langfristigrächen: Wer keine Leute mit einergehörigen Portion Chuzpe in seinemTeam hat, dem fehlen echte Führungskräfte.

Die von der Personalchefin Flandersaufgedeckte Geschichte könnteauch noch eine andere Dimensionhaben: Digitale Daten können äußerstleicht manipuliert werden. Jeder,der auch nur über einen FunkenErfahrung verfügt, kann sie verändern- zum Beispiel indem er in einemChat Unwahrheiten über jemandenverbreitet.

Auf diese Weise werden viele Gerüchtein die Welt gesetzt, die sichverbreiten und zu einer "Wahrheit"werden. Falsche Behauptungen ziehenim Internetzeitalter rasend schnellihre Kreise - vielleicht sogar nochschneller als wahre Informationen.Sie aufzuspüren und zu beseitigen istfür die Betroffenen enorm schwierig.Wenn also etwas über einen Kandidatenin Erfahrung gebracht wird,möge es nun zutreffen oder nicht, istes entscheidend, dass die Person eingeladenwird, um die Angelegenheitaufzuklären. Hier wird auch deutlich,dass die Quellen von Informationennoch eingehender überprüft werdenmüssen.

Mimi Brewster hat es sich vermutlichnicht ausgesucht, dass irgendwelcheZeitungen über ihre Aktionschreiben. Doch viele andere, die sichin der digitalen Kultur zu Hausefühlen, drängen geradezu an dieÖffentlichkeit. Menschen, die mitComputern groß geworden sind,verbreiten Informationen viel freigebigerals andere. Sie geben im Internetvöllig sorglos Dinge preis, die anderenoch nicht einmal ihrer Mutter erzählenwürden. Ohne einen radikalenKurswechsel bei den sozialen Normenwird sich daran wohl auch nichtsändern.

Angesichts dieser Entwicklungmüssen Unternehmen ihre Einstellungskriterienund -vorgehensweisenüberdenken. Sonst wird es künftig garnicht mehr möglich sein, erstklassigeBewerber zu rekrutieren. Für dieUnternehmenschefs und Personalmanagervon heute ist das schwer zuverstehen. Schließlich sind die meistenTopmanager nur "Einwanderer" inder digitalen Welt.

Sie fühlen sich in der digitalen Kulturnicht wirklich zu Hause. DieBabyboomer der Nachkriegszeit undmanchmal auch etwas jüngere Managerkämpfen mit ihrer zwiespältigenHaltung gegenüber der Generationder heute 25- bis 30-Jährigen. Diesehat keine Scheu, auch negative Informationenüber sich ins Internet zustellen.

Das Hauptproblem der älteren Generationbesteht darin, dass sie gegenihren Instinkt ankämpfen muss. IhrBauchgefühl legt den Managern nahe,die Vertreter der digitalen Generationkomplett auszusondern. Die Kluftzwischen den beiden Gruppen wirdnoch so lange immer größer werden,bis der internetaffine Nachwuchsselbst an der Spitze von Unternehmenund Personalabteilungen steht.

Ich kann natürlich nicht hellsehen,daher weiß ich nicht, ob die aktuellenVeränderungen in irgendeiner Weiselangfristige Wirkungen zeitigen werden.Ich vermute aber, dass es irgendwannzu einer heftigen Gegenreaktionkommen wird. Einige Bewerber werdenSchiffbruch erleiden, und alleMenschen, die allzu freigebig persönlicheDaten im Internet veröffentlichen,werden sich mit einem Schlagder unangenehmen Konsequenzenbewusst werden.

Wenn die digitale Generation ihrenKindern erklären muss, warum imInternet Nacktfotos aus den Jugendjahrender Eltern kursieren, wird beieinigen möglicherweise ein Gefühlder Reue aufkommen. Ich glaube aberwiederum nicht, dass sich diese Gesprächenennenswert von denen unterscheidenwerden, die Eltern, die inden 60er Jahren groß geworden sind,mit ihren Kindern über Drogen unddie freie Liebe geführt haben.

john g. palfrey
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