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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Für uns gehört es zum Standardinstrumentarium,über Kandidatenauch im Internet zu recherchieren,etwa bei Google oder inMetasuchmaschinen (wie Dogpile,Metacrawler). Wir sind uns der damitverbundenen Probleme bewusst: Internetrechercheist immer eine Einbahnstraße.Die Quellen der Informationensind wenig transparent, undder Wahrheitsgehalt der Ergebnisse istoft nur schwer einzuschätzen.

Aus diesem Grund sind für unsandere Quellen viel wichtiger. So istdie Prüfung relevanter Referenzen einwesentlicher Bestandteil der Kandidatenevaluation.Sie sind von derValidität und der Qualität her nichtzu übertreffen, vor allem auch, weilwichtige Aspekte stärker hinterfragtwerden können. Wo bekommen wirdiese Daten her? Sie sind entwederbereits Bestandteil unseres Knowledge-Managementsoder wir führenim Verlauf eines Besetzungsmandatsgezielt persönliche Gespräche beispielsweisemit ehemaligen Kollegen,Vorgesetzten oder Kunden der Kandidaten.

Die Einträge, die die Personalchefinüber Mimi Brewster gefunden hat,sind relevant. Letztlich sollten sie abernur ein kleines Puzzleteil in einemGesamtbild darstellen. Ob sie imvorliegenden Fall negativ oder positivzu interpretieren sind, kann erst eineFolgeanalyse - zum Beispiel über unserReferenzennetzwerk - ergeben.Denn Brewsters Vergangenheit lässtdurchaus auch positive Interpretationenim Hinblick auf eine Führungspositionzu. So wollen doch Unternehmengerade Persönlichkeiten fürsich gewinnen, die in ihrer Karrieregezeigt haben, dass sie für ihre Überzeugungeneinstehen, in KonfliktenStellung beziehen können und sichengagieren.

Das hat die Kandidatin offensichtlichgetan, wenn sie für die Freiheit desDenkens und die Menschenrechte derBevölkerung in China eingetreten ist.Aus meiner Sicht ist daran nichts zumonieren, auch wenn noch deutlicherzu klären wäre, welche Rolle sie indieser Bewegung tatsächlich gespielthat und inwieweit ihre Kritik über dasVertretbare hinausging.

Dennoch kann dieser Artikel imInternet im Hinblick auf die Zielpositionin China natürlich ein Risikodarstellen. Hathaway Jones machtsich damit in gewisser Weise angreifbar,was das China-Engagement angeht.Man sollte nicht unterschätzen,dass auf Basis derartiger Informationeneine mediale Dynamik entstehenkann, die in einer PR-Krise endenkönnte, welche den schnellen Markteintrittbehindert.

Ich würde darüber hinaus das Augenmerkdes Managements gern nochauf eine andere Facette des Auswahlprozesseslenken: Hathaway Jonessollte unbedingt überdenken, in welcherKonstellation der Manager oderdie Managerin dort arbeiten soll. Jenach Aufgabe sind lokale asiatischeManager mit westlicher Erfahrungden klassischen Expatriates vorzuziehen,etwa weil sie ein breiteres relevantesNetzwerk in der Region mitbringen,Kontakte zu Behörden habenund zu Kunden oftmals alleinschon sprachlich einen schnellerenZugang finden. Wenn der Flagship-Storeetwa als strategischer Brückenkopffür einen großflächigen Markteintrittgedacht ist, sollte HathawayJones daher über eine Doppelspitzeaus westlichem und lokalem Managementnachdenken.

Da gegenwärtig viele westlicheUnternehmen geeignete lokale Führungskräftefür den chinesischenMarkt suchen, gestaltet sich die Suchesehr schwierig. Diese Unternehmensuchen alle einen Kandidaten mit ähnlichemProfil. Also idealerweise denlokalen Manager mit westlicher Unternehmenserfahrung,der relevanteBranchenexpertise besitzt, in beidenKulturräumen zurechtkommt undneben der Landessprache zumindestfließend Englisch sprechen sollte.Diese Leute sind rar und deshalb heißbegehrt.

Daher ist nach der erfolgreichenRekrutierung vor allem die Bindungder Führungskraft an das Unternehmenzu einer der größten Herausforderungenin den asiatischenWachstumsmärkten geworden. Hiergeht es darum, eine einmal gewonneneFührungskraft durch geeignete Instrumentarienlangfristig für das Unternehmenzu erhalten, da ja in denMitarbeiter investiert wird.

Wenn Hathaway Jones unser Klientwäre, würden wir Firmenchef WestenMimi Brewster vorbehaltlich positiverReferenzen als geeignete Kandidatinvorstellen, aber in jedem Fall aufdie Informationen im Internet hinweisen,mit deren positiven und negativenInterpretationsmöglichkeiten.Außerdem würden wir die Vorteileeiner Doppelspitze gemeinsam mitunserem Klienten prüfen.

heiko wolters
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