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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Sogar in der heutigen Zeit ist esimmer noch eine Ehre, einePosition im Aufsichtsrat einesgroßen Unternehmens angeboten zubekommen. Und es ist noch beeindruckender,wenn es sich bei dem Angebotum die Position des Vorsitzendenhandelt.

Wie Cloughs Diskussion mit Tedeschizeigt, ist die Entscheidung,einen solchen Posten anzunehmen,leider nicht einfach. Ich teile GordonTelfords positive Auffassung über dieArbeit in einem Aufsichtsrat: Generellüberwiegen die Vorteile die Risikenbei Weitem, vorausgesetzt, manfüllt die Position verantwortungsvollaus. Clough sollte sich vier Fragenstellen, um herauszufinden, was erwill und ob er die Aufgabe gut erfüllenkann.

Die erste und wichtigste Frage wäre:"Habe ich genügend Zeit für denPosten?" Noch bis vor wenigen Jahrentrafen sich Aufsichtsräte vier- oderfünfmal im Jahr, wobei die Treffen inder Früh begannen und alle vor demMittagessen beendet waren. In derheutigen zeit sollte jedes Aufsichtsratsmitgliedeiner großen Aktiengesellschaftwie Benchmark zwischen100 und 150 Stunden im Jahr an Zeitaufwandeinplanen, Gremienarbeit,Reisen und mögliche Krisen nicht miteingerechnet. Als Finanzchef einerAktiengesellschaft hat Clough sicherlichbereits abenteuerliche Arbeitszeiten.Er muss entscheiden, ob erdiese zusätzliche Verantwortung aufsich nehmen will.

Angenommen, er hat die Zeit, ineinem Aufsichtsrat zu arbeiten. Dannmuss er sich fragen: "Ist Benchmarkdas richtige Unternehmen für mich?"Anschuldigungen wegen Unregelmäßigkeitenin der Bilanz sollten Cloughnicht davon abhalten, Aufsichtsrat zuwerden. Er sollte) edoch mehr darüberherausfinden, wie Aufsichtsrat undManagement solche Unregelmäßigkeitenanalysieren und ob der Entscheidungsfindungsprozessim Unternehmenmit seinen professionellen undethischen Grundsätzen vereinbar ist.

Er sollte auch mit NetRFs Rechtsberaterabklären, ob seine Zugehörigkeitzum Aufsichtsrat von Benchmarkirgendwelche Interessenkonflikte verursachenkönnte. Da Benchmark sichden Rücktritt eines gerade erst ernanntenAufsichtsratsmitglieds nichtleisten kann, würde das Gremiumsicherlich alle von ihm vorgeschlagenenReformen unterstützen und ihndadurch vor beruflicher Bloßstellung(oder Schlimmerem) schützen.

Sind diese Punkte für Clough geklärt,muss er sich fragen: "Fühle ichmich in der Rolle wohl, die ich zuspielen gebeten werde?" Es reichtnicht, dass er Erfahrung in den BereichenFinanzwesen und Bilanzierunghat und dass Benchmark einen Aufsichtsratsucht. Clough sollte sichüberlegen, ob er die richtigen Erwartungenan die Position hat und dierichtige Persönlichkeit mitbringt, umgute Arbeit zu leisten. Wäre ihm eineüberwiegend überwachende Funktionbei Benchmark recht, nachdem erals Finanzchef von NetRF operativeVerantwortung ausübt? Wahrscheinlichnicht.

Das lassen zumindest die Reibereienmit Charlie Duer vermuten.Würde er Probleme haben, die notwendigenFragen eines Aufsichtsratszu stellen, um zu erfahren, wie dasUnternehmen funktioniert? CloughsHartnäckigkeit und sein Finanzwissensprechen dagegen. Auf jeden Fallscheint er aber Fragen stellen zu wollen,die das Management nicht gernhört. All das ist auch notwendig füreine gute Aufsichtsratsarbeit.

Die letzte Frage, die Clough sichselbst stellen muss, lautet - in Anlehnungan Nikita ChruschtschowsWorte während der Kuba-Krise formuliert:"Ist Benchmark wirklich aufdas Schlimmste vorbereitet?" Umhierüber etwas herauszufinden, mussClough seine finanziellen Kenntnissenutzen und mehrere Quartalsergebnisseauf mögliche Krisenherdedurchleuchten. Außerdem sollte ersich dahingehend absichern, dass ihnBenchmarks Haftungsabsicherungund Entschädigungsvereinbarungenim Fall möglicher Klagen schützen.

Selbst in der heutigen Geschäftsweltgehen Aufsichtsräte ein sehr geringesRisiko ein, persönlich zur Verantwortunggezogen zu werden. Vorausgesetzt,sie investieren genug zeit,handeln ohne böse Absicht und habendie nötigen Kenntnisse, das Geschäftdes Unternehmens zu verstehen.

Einige immaterielle Vorteile derMitgliedschaft können von großemWert sein. In John Cloughs Fall wärendies unter anderem ein tieferEinblick in die unterschiedlichenUnternehmensbereiche einer großen,börsennotierten Aktiengesellschaft,die Gelegenheit, neue persönliche undprofessionelle Netzwerke aufzubauen,und die Chance, daran womöglichSpaß zu haben.

david j. berger
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