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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Cheryl Jamis befindet sich ineiner sehr glücklichen Lage. Siehat einen guten Arbeitsplatzbei einem guten Unternehmen, einenChef, der sie unterstützt, und einenCEO, der sie sehr schätzt. Ihr größtesProblem ist nicht das Unternehmen,sondern ihre Tochter.

Jamis muss aufhören, sich wegenEmma schuldig zu fühlen, und anfangen,ihrer Tochter verständlich zumachen, dass die Arbeitswelt derErwachsenen die Realität ist. CherylJamis ist zweifellos eine gut ausgebildeteLeistungsträgerin, der es wirklichFreude bereitet, eingespannt zu sein,und die danach strebt, ihre Ziele zuverwirklichen. Sie hat sich ihren Platzin der Berufswelt verdient, und daraufsollte sie auch stolz sein. Sie muss sichfür das, was sie erreicht, bei niemandementschuldigen - auch nicht beiihrer Tochter. Durch ihre offen gezeigteAmbivalenz könnte Emmaallerdings viele falsche Botschaftenerhalten haben.

Die Zwickmühle, in der sich Jamisbefindet, ist sicherlich verständlich.Sie hat ihr ganzes Leben gearbeitet,um dorthin zu kommen, wo sie jetztist. Gleichzeitig liebt sie ihre Tochterund bedauert es, nicht mehr Zeit mitihr verbringen zu können. Wie es leiderin den meisten Familien noch derFall ist, in denen beide Ehepartnerarbeiten, schultert Jamis den Großteilder Kindererziehungslast.

Die Mehrzahl der Unternehmen istnoch nicht so weit, ihren fähigstenMitarbeiterinnen beim Umgang mitder schwierigen inneren Spannung zuhelfen, ein Gleichgewicht zwischenArbeit und Familie herzustellen.

Ich habe diesen Konflikt gemeistert,indem ich Teilzeit gearbeitet undmeinen Ehrgeiz zeitweise zurückgeschraubthabe.

Als ich 1991 zu Egon Zehnder kam,hatte ich zwei Kinder, eines davon warein einjähriges Baby. Damals gab esnoch nicht viele Frauen in höherenPositionen, und sie waren sehr davonangetan, mich als Beraterin zu haben.Wie Jamis bat ich darum, in Teilzeharbeiten zu dürfen, weil ich mich ummeine Kinder kümmern musste, unddie Firma entsprach meinem Wunsch.Aber so etwas wie einen Teilzeitpartnergab es nicht.

Sowohl die Unternehmensleitungals auch mein direkter Vorgesetzterwollten mir gern entgegenkommen,aber die Kultur der Firma verlangte,dass sich Inhaber von Spitzenpositionenuneingeschränkt engagierten. Wirtrafen eine Vereinbarung: Wenn ichwieder Vollzeit arbeitete, würde ichPartnerin werden.

Ich arbeitete weiterhin Teilzeit fürwichtige Projekte, einschließlich derGründung des größten Berufsnetzwerksfür Frauen in Frankreich. Dashalf mir, am Ball zu bleiben, meineigenes Netz aufzubauen und beruflichauf dem neuesten Stand zu bleiben.Nach der Geburt meiner drittenTochter, die zufällig auch Emma heißt,stieg ich als Vollzeitkraft im Unternehmenein, um Partnerin zu werden.

Aus eigener Erfahrung weiß ich,dass sich Frauen zwar niemals schuldigfühlen sollten, wenn sie um das bitten,was sie wollen, dass es aber naiv istanzunehmen, Arbeitgeber sollten oderkönnten für sie gegen die Regeln verstoßen.Immer mehr Unternehmenbieten zu ihrem eigenen Nutzen flexibleArbeitszeiten an. Gleichzeitigverlangen internationale Unternehmenvon ihren weiblichen Führungskräftenzu reisen, in verschiedenenZeitzonen zu arbeiten - all das zu tun,was für den Unternehmenserfolg erforderlichist. Frauen können ihreneigenen Arbeitsstil einbringen, aberdie Zeit und Energie, die dem Unternehmengewidmet werden muss,bleibt unabhängig vom Geschlecht fürjede Topführungskraft gleich.

Genauso wichtig für die Entwicklungvon Unternehmen sind zwei Fragen,die fast nie gestellt werden: Wasmacht einen guten Vater aus? und: Wiekann ein Mann sowohl ein guter Vaterals auch eine ausgezeichnete Führungskraftsein? Ich finde es ausgesprocheninteressant, dass 76 Prozentder männlichen, aber lediglich 27 Prozentder weiblichen Unternehmenschefseinen nicht berufstätigen Ehepartnerhaben.

Wenn Jamis ihren Arbeitsplatz behaltenwill und befördert werdenmöchte, sollte sie aufhören, sich wegenEmma schuldig zu fühlen, und anfangen,angemessener auf die Erwartungenihrer Tochter zu reagieren.Auch wenn es für sie momentanschwierig sein mag, dass sie nicht mitihrer Tochter zusammen sein kann,sollte sie sich mit dem Gedanken trösten,dass sie zwar nicht alles auf einmal,aber am Ende alles haben kann.Sobald Emma älter ist, wird sie verstehen,dass eine gute Mutter zu sein zueinem großen Teil auch bedeutet, eingutes Vorbild zu sein.

evelyne sevin
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