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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Um die anstehende Entscheidungzu treffen, brauchtMichael Feldstein zusätzlicheInformationen. zum einen muss ermehr über seine Aufgabe in Chinawissen. welche Wachstumserwartungenfür den chinesischen Markt hatLafleur? wie viel Entscheidungsgewalthätte er in Sachen Personal, Budgetund in anderen Bereichen?

Nehmen wir einmal an, PierreHoffman, der CEO von Lafleur, istein geradliniger Charakter - dannwürde ich an Feldsteins Stelle gern genauervon ihm wissen, ob und wie derWechsel nach China die mittelfristigenChancen auf einen Topjob erhöhenkönnte.

Außerdem hegt Feldstein bestimmteVermutungen, die so möglicherweisenicht zutreffen. Beispielsweiseglaubt er, er habe keine Chanceauf Beaumonts Posten, da man ihmangeboten hat, nach China zu gehen.Diesen Punkt sollte er aber mit Hoffmanklären, bevor er seine Entscheidungtrifft, zumal er sich dem CEOgegenüber anscheinend ein gewissesMaß an Offenheit erlauben kann.

Des Weiteren unterstellt FeldsteinDanielle Harcourt ganz bestimmteAbsichten. Wir wissen aber nicht, obsie tatsächlich auf dem schnellstenWeg zu Beaumonts Job ist, und Feldsteinweiß es auch nicht. Wir wissenebenfalls nicht, warum sie ihn um einTreffen gebeten hat. Aufgrund derEinschätzung eines Kollegen unterstellter ihr unlautere Motive und hatdarüber sogar bereits mit seiner Fraugesprochen. Er sollte die Situation imZweifel aber erst einmal zugunstenvon Harcourt auslegen und herausfinden,was die tatsächlichen Beweggründefür ihr Handeln sind.

Unabhängig davon gilt: Wenn Feldsteinbei Lafleur weiter aufsteigenwill, wird er nach China gehen müssen.Wer erfolgreich auf der Führungsebeneweltweit agierender Konzernemitspielen will, muss eine Zeit langaußerhalb seines Heimatlandes gelebthaben. Wir kennen den beruflichenHintergrund von Harcourt zwarnicht im Detail, doch wir wissen, dasssie als Managerin in mindestens zweiKulturkreisen gearbeitet hat. Dieskönnte ihr zum Vorteil gereichen. Dabeigeht es keineswegs um "politischesTaktieren". Um in einem internationalenKonzern erfolgreich zu sein,muss man diese Erfahrung einfachmitbringen.

China wird Feldstein vor einzigartigeHerausforderungen stellen,schließlich sind die kulturellen Unterschiedezwischen dem Reich der Mitteund den USA enorm. Doch dieRegion bietet in nahezu jeder Brancheerhebliche Wachstumschancen.Schlussendlich ist Feldstein also zubeneiden.

Ich habe Leute beraten, die sich ineiner ähnlichen Lage wie Feldstein befandenund vor ähnlichen Entscheidungenstanden. In einem Fall zähltemein Kunde zu den Anwärtern aufeinen Posten als Chief Operating Officer.Einer seiner Konkurrenten hatteim Ausland gelebt und dort eine Firmageleitet. Mein Kunde arbeitete ineiner strategisch ausgerichteten Positionund verfügte nicht über Auslandserfahrung.Als er den angepeilten Jobnicht bekam, ging er ins Ausland. AmEnde schaffte er es zwar nicht in denVorstand. Nichtsdestotrotz sammelteer wertvolle Erfahrungen, die ihm zueinem tollen Posten als Executive VicePresident für Produktion und Qualitätskontrolleverhalfen - ein Top) obder ganz eigenen Art.

Und was vielleicht noch mehr zählt:Er rundete mit dem Wechsel ins Auslandseinen Lebenslauf ab. So steigerteer seine Attraktivität für potenzielleandere Arbeitgeber. Der Wechsel warein langfristig angelegter strategischerKarriereschritt. Nun verfügt er übermehr Optionen als jemals zuvor - undin der heutigen Wirtschaft zählen solcheOptionen oft mehr als der geradeaktuelle Job.

Ein weiterer Punkt ist wichtig: dieDynamik, die Feldstein als "Politik"abtut, ist normaler Bestandteil einesjeden Unternehmenskosmos undnicht zwangsläufig schädlich. Feldsteinscheint das direkte Gesprächnicht gerade zu suchen und trifftEntscheidungen eher aufgrund vonHörensagen als aufgrund von Fakten.Wenn er schon nicht gewillt ist, Harcourtim Zweifel lautere Motive zuzubilligen,sollte er das offene Gesprächmit ihr suchen.

"Politische" Aspekte spielen nuneinmal in jedem Unternehmen eineRolle. Wenn Feldstein aufsteigen will,muss er lernen, sich in dieser Weltentsprechend zu bewegen und seineeigenen Ziele auf intelligente Weise zuverfolgen.

Letzten Endes ist es unerheblich, obFeldstein seine Bestrebungen und seinHandeln als "politisch" ansieht odernicht. Auch wenn es schwer fällt - wiewir alle muss auch er begreifen: Leistungallein genügt nicht. Leistungist zwar eine Voraussetzung für denAufstieg, eine Garantie dafür ist sienicht.

gary b. rhodes
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