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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2007

Für Michael Brighton gibt esein britisches wir und ein deutschesdie. Für Dieter Wallachist das uns deutsch und das die britisch.Für beide bedeutet wir Vertrauenund Kompetenz, die steht fürkeines von beidem. Vor der Fusionwaren Royal Biscuit und Edeling das,was Psychologen rivalisierende Koalitionenin einem Nullsummenspielnennen. Beide bildeten jeweils eineüberaus kooperative Gruppe, derenMitglieder ihr Handeln auf ein gemeinsamesZiel ausrichteten: denenMarktanteile wegzunehmen.

Haben Unterschiede in den kulturellenNormen zu dieser ausweglosenSituation geführt? Oder ist MichaelBrightons und Dieter Wallachs Widerwillengegen die Normen des jeweilsanderen ein Ergebnis ihrerfrüheren Mitgliedschaft in jeweils rivalisierendenKoalitionen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg fragtensich Psychologen - wie alle anderenMenschen natürlich auch - wiees zum Holocaust kommen konnte.Gibt es etwas, was die deutsche Bevölkerungoder die deutsche Kulturgrundlegend von anderen unterscheidet?Oder gibt es etwas Universellesin der menschlichen Natur - etwas dasdurch ganz bestimmte Situationenausgelöst wird -, das die Menschendazu bringt, etwas als ein Nullsummenspielzwischen zwei rivalisierendenKoalitionen zu sehen?

In den 50er Jahren teilte der PsychologeMuzafer Sherif eine ethnischhomogene Gruppe von elfjährigen Jungenin einem Zeltlager in zwei Fraktionen.In der ersten Woche wusstendie Kinder nicht, dass es zwei Gruppengab. Die Jungen spielten mit denMitgliedern ihrer Gruppe. Dann sagtenihnen die Verantwortlichen, siewürden in einem Wettkampf gegeneinanderantreten. Innerhalb eines Tagesfingen die Jungen an, wie Brightonund Wallach zu reden. Jede Gruppezerredete die Fähigkeiten, den Charakterder anderen und brüstete sichmit den eigenen. Innerhalb von zweiTagen brach ein kleiner Krieg aus, mitallem was dazugehört: Faustkämpfen,Kommandoüberfällen auf Hüttenund improvisierten Waffen. (Aufpassergriffen ein, um die Jungen zuschützen.). Das Fazit aus Studien wiedieser ist klar: Verhaltensmuster, dieeine Wir-gegen-die-Psychologie hervorrufen,sind in jedem vorhandenund leicht zu aktivieren.

Weshalb ist das so? Die natürlicheSelektion stattete den Menschen miteiner Reihe von Verhaltensmusternaus. Jedes war darauf spezialisiert, einProblem zu lösen, mit dem unsereVorfahren als Jäger und Sammler konfrontiertwaren. Unsere Vorfahrenlebten in Verbänden; ihr Leben hingvon ihrer Fähigkeit ab, mit Gruppenmitgliedernzu kooperieren und sichgegen Rivalen zu verteidigen. BenachbarteGruppen waren mal freundlich,mal aber auch nicht. Das Kostbarstekonnte innerhalb eines Tages verlorengehen - Kinder getötet, Frauen entführtund Territorien für die Nahrungssucheerobert werden.

Ein Kampf ist ein Konflikt zwischenzwei Individuen. Ein Krieg aberist ein Konflikt zwischen zwei Koalitionen,die jeweils zusammenwachsenund als kooperative Einheit funktionierenmüssen. Daraus ergeben sichspezifische Probleme, die durch einspezielles Verhaltensmuster gelöstwerden. Um sich gegen eine rivalisierendeGruppe zu verteidigen odereinen gemeinsamen Angriff zu wagen,müssen Individuen zu drei Dingenin der Lage sein: ihr Verhalten miteinanderabzustimmen, um ein gemeinsamesZiel zu erreichen; diedaraus resultierenden Vorteile untereinandergerecht zu teilen und Trittbrettfahrervon diesen Vorteilen auszuschließen.Das gemeinsame Ziel imKampf gegen eine rivalisierendeKoalition in einem Nullsummenspielführt zum Zusammenhalt zwischenuns. Ressourcen sind dazu da, uns zustärken, nicht die.

Michael Brighton und Dieter Wallachwaren bis vor Kurzem Rivalen.Ihr Verhalten ist Produkt ihrer Wirgegen-sie-Psychologie,nicht das Ergebniskultureller Unterschiede. Werzwei Koalitionen vereint, muss diegemeinsamen Ziele des zusammengeführtenUnternehmens definieren.Brighton, Wallach und andere Führungskräftewerden sich auf Methodeneinigen, sobald John Callaghanfestlegt, welche Werte das neue Führungsprogrammbeinhalten soll.

Aber wie kann Callaghan seine Mitarbeiterdazu bringen, nicht mehrzu streiten? Anstatt sich mit RoyalEdelings Position als zweitgrößterLebensmittelkonzern zufriedenzugeben,sollte er den Blick seinerMitarbeiter auf ein neues Ziel lenken:die Konkurrenz zu schlagenund Nummer eins zu werden. Sobalddies geschieht, werden das Misstrauenund der Unmut innerhalbder neuen Organisation Royal EdelengSchritt für Schritt nachlassen.Konkurrierende dies werden zu einemvereinigten wir werden.

leda cosmides, john tooby
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