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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Die Entwicklung von Online-Medienund sozialen Netzwerkenverändert die Rahmenbedingungenfür das Personal-Recruitingsubtil, aber grundlegend.Die meisten Arbeitgeber und Jobsuchendenlernen gerade erst, diese neueRealität zu verstehen und mit ihrumzugehen. Zu den Veränderungengehört unter anderem, dass einigePersonalabteilungen sich vor einemBewerbungsgespräch im Internet überBewerber informieren.

Früher wurde der Hintergrundeines Bewerbers erst dann genauer abgeklopft,wenn dieser bereits alle Bewerbungsgesprächeund -tests hintersich hatte und daraus als Wunschkandidatoder -kandidatin hervorgegangenwar. Es ist auch noch nicht allzulange her, da konnte) emand mit dunklenStellen in seiner Vergangenheiteinfach weit wegziehen und woandersneu anfangen. Heute können qualifizierteBewerber schon aus dem Rennengegoogelt werden, noch bevor sieüberhaupt Aussicht auf ein Bewerbungsgesprächhaben. Die Vergangenheithinter sich zu lassen ist heuteselbst dann schwierig, wenn man insAusland geht, denn das Internet kenntkeine Grenzen.

Im vorliegenden Fall sind FredWesten und seine Personalchefinschon bei den ersten Schritten des Bewerbungsprozessesauf Warnsignalegestoßen, die ich zum Anlass nehmenwürde, Mimi Brewster nicht mehr alsKandidatin für den Job in Shanghai inBetracht zu ziehen. Dabei sind diebeunruhigenden Funde im Internetnicht alles. Brewsters ehemalige Arbeitgeberbeschreiben sie als eigensinnig,und es scheint mir ziemlich unangemessen,dass sie Westen am Endedes Gesprächs zuzwinkerte und ihnbeim Hinausgehen mit "Chef" anredete.Würde sich Mimi Brewster aufeine Stelle in einem westlichen Landbewerben, wäre dies alles vielleichtnicht der Rede wert, aber in Chinagelten ganz andere Regeln.

Auch wenn Brewster hoch qualifiziertist, reicht ihr Hintergrund inBezug auf China nicht aus, um sie zueiner guten Managerin zu machen.Hathaway Jones eröffnet sein erstesGeschäft in Shanghai.

Da braucht das Unternehmen einenManager, der konstruktive Beziehungenzu den örtlichen Behörden aufbauenkann. Wird für diese Aufgabejemand eingestellt, dem die nötigenFähigkeiten und die richtige Einstellungfehlen, könnte dies dazu beitragen,dass Hathaway Jones der Erfolgauf diesem Markt versagt bleibt. Dassdie Chinesen sehr internetaffin sindund wissen, wie man mit Google umgeht,verbessert Brewsters Situationauch nicht gerade.

Da sowohl der Einzelhandel alsauch der Dienstleistungssektor vonNatur aus stark lokal geprägt sind,würde ich ehrlich gesagt zögern, dieStelle in Shanghai mit einem Ausländerzu besetzen. Chinesische Beschäftigteerwarten von Führungskräften,dass sie zurückhaltend und bescheidensind. Für sie sind Chefs hoch angesehenePersonen, denen sie ähnlichviel Respekt zollen wie ihren eigenenEltern. Eine Managerin westlicherPrägung, die dies nicht versteht, wirdmit einer hohen Fluktuation und einergeringen Produktivität zu kämpfenhaben. Da helfen auch ihre Sprachkenntnissenichts: Brewster kann füreine chinesische Belegschaft keinglaubwürdiger Elternersatz sein.

Dieser Fall verdeutlicht, wie wichtiges für Jobsuchende ist, dass sie ihrenRuf schützen und sich genau überlegen,welches Bild sie im Internetabgeben. Dies gilt ganz besonders fürjunge Leute, die viel Zeit mit allenmöglichen Aktivitäten im Web 2.0verbringen. Was sie heute ins Netzstellen, wird auch in vielen Jahrennoch verfügbar sein und könnte wieein Bumerang zu ihnen zurückkommen.Vielen Schul- und Uniabsolventenwird dies erst in vollem Umfangbewusst, wenn sie bei einem Bewerbungsterminsitzen und der Personalmanageraus seiner Akte nicht nurihren Lebenslauf, sondern auch ihrejüngsten Blogs und Partyfotos zieht.Dinge, die ins Netz gestellt werden,sind öffentlich zugängliche Informationen.Es ist völlig legitim, dass Arbeitgeberdanach fragen.

Wir empfehlen immer, dass Bewerberim Internet alles über sich selbstsuchen, das bei einem Bewerbungsgesprächzur Sprache kommen könnte.Nur so können sie angemessen daraufreagieren. Sie sollten darüber nachdenken,wie sie das Internet nutzenkönnen, um Eigenschaften zu demonstrieren,die einen positiven Eindruckauf mögliche Arbeitgeber machen.Es ist allemal besser, Dingeonline zu veröffentlichen, die einen alsfähig und kompetent ausweisen undals Bereicherung für potenzielle Arbeitgebererscheinen lassen, als Einzelheitenseiner jüngsten Wochenendabenteuerins Netz zu stellen.

jeffrey a. joerres
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