Zur Ausgabe
Artikel 29 / 43
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Nach meiner Erfahrung zeichnensich gute Führungskräftedurch drei Eigenschaftenaus, die man bei den alten Griechen"Ethos", "Pathos" und "Logos"nannte. Ethos bezieht sich auf diepersönlichen Werte, die man im Laufseines Lebens vertritt. Pathos beschreibtdie Fähigkeit, genau zuzuhörenund Mitgefühl zu zeigen.Logos schließlich geht auf den Begriff"Logik" zurück und bezeichnetdie Fähigkeit, rational und strategischzu denken.

Pauls Stärken liegen im Bereich seinerpersönlichen Werte. Er hat hoheethische Ansprüche und stellt immerwieder unter Beweis, wie wichtig ihmdas Wohlergehen seiner Mitmenschenist. Aber diese Medaille hat eine Kehrseite:Paul lebt zu sehr in seiner eigenenWelt - in der er sich komfortabelund authentisch fühlt. Doch seineVorstellungen tragen wenig zu seinerEffektivität im Beruf bei.

Paul Kennedy muss eine Entscheidungdarüber treffen, wie weit er sichfür das Unternehmen engagieren will.Wenn er wirklich die Leitung übernehmenwill, muss er aufwachen. BeiDaner Associates geht es nicht umseine persönlichen Erfahrungen, Werteund Ambitionen - es geht um Kundenund darum, wie Umsatz undGewinne gesteigert werden können.Ein Leopard kann an seinen Fleckennichts ändern. Aber Menschen könnenalte Gewohnheiten ändern. Paulkann lernen, eine netter und gleichzeitigkonsequenter Chef zu sein. Einereife Führungskraft beherrscht beides.Wenn Paul wirklich den Chefsesselanstrebt, stehen ihm einige Möglichkeitenoffen, um Larry seine Eignungdoch noch zu beweisen. Paulmuss demonstrieren, dass er seine Arbeitsbeziehungeneffektiver gestaltenkann, angefangen bei Larry. Die beidensind mit ihrer Kommunikation ineiner klassischen Sackgasse gelandet.Zugegeben: Larry hat bis dahin alsKommunikator nicht brilliert. Andererseitsscheint sich Paul nicht viel ausdem zu machen, was Larry denkt. Genauergesagt: Der nette Paul Kennedyrespektiert seinen Chef eigentlichnicht. Sonst würde er ihm nicht unterstellen,sich mehr für das Golfspielenals für das Wohl des Unternehmens zuinteressieren. Statt Larry wirklich zuzuhören,rechtfertigt sich Kennedyselbst und versucht, das Feedback seinesChefs wegzuerklären.

Gehen wir davon aus, dass Larrysich tatsächlich noch nicht endgültigentschieden hat und versucht, nochherauszufinden, welcher Kandidatdas Unternehmen am besten voranbringenwird. Wir können getrost annehmen,dass der CEO Paul Kennedyfür einen netten Menschen mit hohenmoralischen Ansprüchen hält, der dieUnternehmenswerte achtet und guteArbeit leistet. All dies ist Larry wichtig.Davon abgesehen ist er sich keineswegssicher, ob Kennedy stark undaggressiv genug ist, um das Unternehmenzu leiten. Er teilt ihm seine Überlegungenoffen mit und möchte sehen,wie dieser darauf reagiert.

Anstatt sich einzubilden, er müssesich zwischen seiner persönlichen Integritätund seinem Ehrgeiz entscheiden,sollte Paul Kennedy eine dritteMöglichkeit nutzen - das Pathos. Erkann seine hoch entwickelte Fähigkeitzur Empathie dazu nutzen, um Larrywirklich zuzuhören und seine Äußerungenernst zu nehmen. Er kann ihmzeigen, wie er aus seinen Erfahrungengelernt und sich weiterentwickelt hat.Wenn ich Kennedy wäre, würde ichzu Larry gehen und ihm sagen: "AlsSie mir Feedback gaben, hätte ichIhnen besser zuhören müssen." Ersollte herausfinden, welche AnsichtenLarry zu wichtigen betrieblichen Fragenhat und welche Dinge ihm besondersam Herzen liegen. Im LaufeinigerGespräche wird Paul dannzweifellos vieles erfahren, was er bishernicht einmal ahnte.

Sobald Paul bewiesen hat, wie gut erdie Sichtweise seines Chefs versteht,wird er in Larrys Wertschätzung sicherlichnoch steigen. Möglicherweiseist Larry angenehm überrascht vonPauls Offenheit. An diesem Wendepunktwäre es gut, wenn er Larry auchnoch seine Eigenschaften im Bereichdes Logos demonstrieren würde.Er könnte mit Larry über seine Ideenzur strategischen Entwicklung undzum Wachstum des Unternehmenssprechen. Er könnte auch mit ihmdarüber diskutieren, wie er die Unternehmenskulturmit der Strategie inEinklang bringen will, indem er einenFührungsstil anwendet, der stark inden Werten verankert ist. Wenn Larryentdeckt, dass Paul Kennedy über diedrei entscheidenden Eigenschafteneiner guten Führungskraft verfügt,könnte er doch noch zu der Überzeugunggelangen, dass Paul der bessereNachfolger ist.

stephen r. covey
Zur Ausgabe
Artikel 29 / 43
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.