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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 1/2007

John Dooley wägt das Für und widerder beiden Möglichkeiten ab.Kein Wunder, dass er am nächstenTag immer noch nicht weitergekommenist. Sinnvoller wäre es, Szenarienzu entwickeln, die ihm die Konsequenzenseiner Entscheidung zeigen.

Nehmen wir an, Dooley geht in dieUSA und blickt drei Jahre später aufdie Entscheidung zurück. Dann sollteer sich fragen: "Was müsste ich bisjetzt erreicht haben, um wirklich sagenzu können: Das war die klügsteEntscheidung meines Lebens?" Oderaber: "Unter welchen Umständenwäre ein Wechsel nach Kalifornien diekatastrophalste Entscheidung meinerKarriere?" Wenn Dooley sich solcheSzenarien ausmalt und darüber nachdenkt,unter welchen Bedingungen sieeintreten könnten, wird ihm die Entscheidungleichter fallen. Außerdemerkennt er, über welche Aspekte desAngebots er noch verhandeln muss.

Wenn Dooley die beiden Szenarienskizziert, sollte er sich vor allem aufdrei Perspektiven konzentrieren. Erstens:seine berufliche Entwicklungund das, was er mit seiner Arbeit bewirkenkann; zweitens: die Situationseiner Familie; drittens: die finanziellenund sonstigen Vorteile. WelcheAspekte aus diesen drei Bereichensind ihm wirklich wichtig?

Als positive Entwicklung in punctoFamilie könnte man es zum Beispielbezeichnen, wenn Dooley ein schönesHaus für sich und seine Familie finden,seine Kinder auf eine erstklassigeSchule schicken und seine Frau Fionainteressante Aufträge als Buchillustratorinbekommen würde. In beruflicherHinsicht könnte Dooley seineBegeisterung für strategische Arbeitauf höherer Ebene entdecken und sichfreuen, dass er auf diesem Gebiet mehrerreichen kann als der typische US-Manager.Als Ire mit einem Doktortitelvom MIT könnte er in der US-Zentraleseiner Firma sogar einen gewissenRuhm erlangen. FinanziellerErfolg bedeutet für Dooley vielleichteinfach nur, dass es ihm besser gehensoll als vorher (unter Berücksichtigungder Unterschiede in den Lebenshaltungskosten).Wenn man das alleszusammen betrachtet, scheint seinWechsel in die USA tatsächlich einesehr gute Entscheidung zu sein.

Betrachten wir nun auch noch dasnegative Szenario: Fiona Dooley findetin Kalifornien beruflich oder gesellschaftlichkeinen Anschluss, dieKinder werden in der Schule wegenihres komischen Akzents gehänselt.Dooley muss sich in seiner neuen Positionmit langweiligen administrativenAufgaben herumschlagen und hatnicht mehr viel mit der Aufgabe, neueMedikamente zu entwickeln, zu tun.

Das Leben in Kalifornien erweistsich als so teuer, dass Dooley kaummehr Geld hat als vorher; und was amschlimmsten ist: Seine Familie sitzt inden USA fest. Wenn sie nach Irlandzurückwill, bleibt ihr nichts anderesübrig, als auf eigene Kosten umzuziehen.Wenn Dooleys Entscheidung soausginge, würde er sich im Nachhineinsicherlich dafür ohrfeigen.

Wenn Dooley sich diese beidenMöglichkeiten ausmalt, kann er systematischan seine Entscheidung herangehen:Er kann sich überlegen, wiewahrscheinlich diese verschiedenenSzenarien sind. Ein paar der offenenFragen sollte er versuchen zu beantworten.Was weiß er von seinen bisherigenReisen nach Kalifornien undseinen Kontakten mit Kollegen dortbereits? Vielleicht empfiehlt es sichsogar, noch einmal mit seiner Fraudorthin zu reisen, um ein Gefühl dafürzu bekommen, wie es wohl wäre, dortzu leben. Er könnte auch mit seinemneuen Chef in der Zentrale telefonieren,um mehr über sein Aufgabenfeldzu erfahren: Wie sehen die Arbeitsabläufeaus? Was muss man tun, um indieser Position erfolgreich zu sein?

So lassen sich Risiken auf ein Minimumreduzieren. Dooley könnte vorschlagen,dass beide Seiten etwa nachzwei Jahren eine Bestandsaufnahmeder Situation vornehmen. Er könntesich ausbedingen, dass seine Familieauf Firmenkosten wieder nach Irlandübersiedeln darf, falls eine solche Veränderungangebracht erscheint.

Soll Dooley diesen gedanklichenProzess auch für die Position durchlaufen,die das Unternehmen in Irlandihm angeboten hat? Meiner Ansichtnach nicht. Er sollte das Angebothöflich, aber bestimmt ablehnen undsich weiterhin auf seine beruflicheZukunft bei BioSol konzentrieren.Ich vermute, dass Dooley kein risikobereiterUnternehmertyp ist; sonstwäre er in einem großen multinationalenKonzern wie BioSol nicht soglücklich und erfolgreich. In jedemFall werden sich ihm noch genügendandere Chancen bieten - und sie werdenimmer besser werden, je höher erin seiner Firma aufsteigt.

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