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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 1/2007

Vor einigen Jahrzehnten wandertenviele Leute aus Indienin die Vereinigten Staaten aus,um sich wirtschaftlich zu verbessern.Auch wenn diese "Berufsflüchtlinge"sich sicherlich ganz gut in den USAeinlebten, blieben viele in emotionalerund familiärer Hinsicht doch eng mitihrer Heimat verbunden und sehntensich insgeheim danach, eines Tageswieder zurückzukehren. Aber da zwischenden beruflichen Möglichkeitenin Indien und denen in den USA oderauch in Großbritannien ein himmelweiterUnterschied klaffte, siegte dieVernunft oft über das Herz. Nur wenigeEmigranten kehrten tatsächlichwieder nach Hause zurück.

Heutzutage muss man sich nichtmehr zwischen Herz und Vernunftentscheiden. Viele Länder - Indien,China und Irland - befinden sich aufsolidem Wachstumskurs. In Bangalorelassen sich Chips der kommendenGeneration für Intel ebenso gut herstellenwie im Silicon Valley. Natürlichwird dabei auch Ausschusswareproduziert; doch alles in allem sind dieVoraussetzungen für ein langfristigesWachstum in diesen Ländern gut.

John Dooley sollte drei Dinge imAuge behalten: das Wirtschaftswachstum,seine berufliche Positionierungund die Frage, wo er am meisten bewegenkann.

Der Entwicklungsstand von Ländernwie Irland und Indien, verglichenmit dem der Vereinigten Staaten,zeigt: Diese Länder werden wohlweiter wachsen, das heißt mit Ratenvon 8 oder 9 Prozent. Ein solcherAufschwung bietet viel größere undattraktivere Möglichkeiten als daslangsamere Wachstum in den USA.

Und wie steht es um die beruflichePositionierung im Vergleich zu denanderen Arbeitnehmern? Menschen,die - wie Dooley und ich - in den USAstudiert und gearbeitet haben, sind inihrer Heimat im Vorteil. Denn durchdie Arbeit in einem Land, das in wirtschaftlicherHinsicht als das fortschrittlichstegilt, haben sie an Erfahrunggewonnen und ihren Horizonterweitert. Das öffnet viele Türen. Inden USA dagegen würde es John keinenVorteil bringen, Ire zu sein.

Und nicht zuletzt empfinden esviele Auswanderer, die nach Hausezurückkehren, als sehr befriedigend,in ihrer Heimat so viel bewirken zukönnen. Natürlich kann man überalleinen wertvollen Beitrag leisten; dochhier in Indien konnte ich ungeheuerviel bewegen. So war ich im Jahr 2000an der Gründung der Akshaya PatraFoundation beteiligt, einer Organisation,die für die Verpflegung vonKindern in staatlichen Schulen sorgt.Heute bekommen jeden Tag 253 000Kinder von dieser Stiftung ihr Essen.An vielen Schulen stieg wegen diesesProgramms die Anwesenheitsquoteder Kinder von unter 50 auf über 90Prozent. Das Programm kostet für einganzes Jahr nur ungefähr 22 Dollarpro Kind, und wir haben damit eingutes Beispiel gegeben, dem mittlerweileviele Bundes- und Staatsregierungenfolgen.

Wäre ich an Dooleys Stelle, fiele mirdie Entscheidung leicht. Ich habe Indienim Alter von 17 Jahren verlassenund meine Ausbildung in den USA erhalten.Und ich war mit meinem Lebendort sehr zufrieden: Als Unternehmensberater,Investmentbankerund Investor hatte ich viele Möglichkeiten.Trotzdem bin ich 1999 wiedernach Indien zurückgekehrt und habedort den ersten unabhängigen Risikokapitalfondsgegründet.

Damals zeichnete sich der wirtschaftlicheAufschwung in Indiennoch nicht so eindeutig ab. Nur wenigehoch qualifizierte Leute kehrtenzurück. Doch in den vergangenensechs Jahren hat Indien aufgeholt:Dort vereinen sich wirtschaftlicheMöglichkeiten, Nähe zur Familie unddie Chance, etwas zu bewegen, zu einemunschlagbaren Vorteil. Natürlichsind die schlechte Infrastruktur unddie deutlich sichtbare Armut manchmalfrustrierend; andererseits gibt geradedas mir die Energie, mich nochmehr anzustrengen.

Wer an einem wichtigen beruflichenScheideweg steht, muss zuerst dieGrundsatzentscheidung treffen: Inwelche Richtung will ich gehen, undwas für einen Sinn soll mein Lebenhaben? Erst dann sind untergeordnetePunkte an der Reihe: Wo soll ich arbeitenund in welcher Position? SetzenSie Ihre Prioritäten richtig. Dooleymuss Irland nicht unbedingt verlassen,um beruflich erfolgreich zu sein;seinem Land geht es in wirtschaftlicherHinsicht sehr gut. Und wenndieser Aufwärtstrend eines Tages abflauensollte, ist es - wie Fergal schonangedeutet hat - vielleicht tatsächlichan der Zeit, dass Dooley die Ärmelhochkrempelt und seinem Land hilft,wieder auf die Beine zu kommen.

raj kondur
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