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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Beim Lesen dieser Fallstudiezuckte ich bei jeder neuenEntwicklung zusammen. DieHandlungsweisen der Charaktereverstoßen nicht nur gegen gute CorporateGovernance, sondern auch gegenden gesunden Menschenverstand.

Beginnen wir mit dem Hauptdarsteller.John Clough scheint über eingesundes Selbstbewusstsein zu verfügen(offenbar ist er zuversichtlich,dass Benchmark von ihm in derPosition des Aufsichtsrats profitierenwürde), hat sonst anscheinend abernur wenig vorzuweisen. Seine eingeschränkteErfahrung mit Börsengesellschaftenin einem kleinen, ganzanderen Wirtschaftszweig hat ihnnicht auf die komplexen Gegebenheiteneines "Fortune"-500-Unternehmensvorbereitet - und ganz sichernicht auf ein Unternehmen mit denoffensichtlichen Herausforderungen,die Benchmark zu meistern hat.

Halten wir ihm zugute, dass er vielerichtige Fragen stellt-insbesondere inBezug auf die Bilanzierungsprobleme,die zur Entlassung der ehemaligenFührungsspitze führten. Dies allessind deutliche Warnzeichen.

Weniger klar ist, ob Clough dievielen anderen Warnzeichen erkennt.Dazu zählen das rücksichtslose Verhaltender Aufsichtsräte in Bezug aufihre Verantwortung, die offensichtlichenReibereien zwischen demneuen Vorstandschef und dem Aufsichtsratund die Abneigung beider,Clough mehr Zeit zu geben undihm Zugang zu den entsprechendenUnterlagen zu gewähren, damit ereine sorgfältige Prüfung vornehmenkann. Ein weiteres Warnsignal ist dieTatsache, dass John Clough der einzigeFinanzexperte in einem Prüfungsausschusswäre, der mit erheblichenBilanzproblemen zu kämpfen hatte.Und die Chemie zwischen Cloughund dem neuen Vorstandschef stimmtoffensichtlich auch nicht. Jeder rationaldenkende Mensch würde sofortdie Beine in die Hand nehmen unddavonlaufen.

Als Personalberater möchte ich einigeWorte über Tom Russell sagen.Russell bringt seinem Kunden unddem Kandidaten nur Geringschätzungentgegen. Er greift wahrscheinlich nuraus Verzweiflung auf einen Freundzurück, der in vielerlei Hinsicht fürdie Herausforderung absolut unterqualifiziertzu sein scheint. Das istnicht nur falsch, sondern auch unmoralisch.Offensichtlich ist Russellnoch ein Personalberater der altenSchule.

Tom Russell demonstriert außerdemseine miserablen Kenntnisse guterCorporate Governance, indem erargumentiert, Clough könne Benchmarkwomöglich einige NetRF-Produkteverkaufen. Abgesehen davon,dass geschäftliches Interesse eine völligungeeignete Motivation ist, umeine Position im Aufsichtsrat zu übernehmen,würde dieses Vorgehen auchdie rechtliche Unabhängigkeit desGremiums gefährden. Clough könnteseine Arbeit im Prüfungsgremiumnicht mehr korrekt ausführen. Daswird immerhin von NetRFs Rechtsberaterangeführt.

Selbst wenn Personalbeschaffungunter den gestiegenen Anforderungendes Sarbanes-Oxley-Gesetzes einegrößere Herausforderung gewordenist, gibt es ausreichend Talente aufdem Markt, die den Bedürfnissen jedesUnternehmensgremiums gerechtwerden. Tatsächlich haben renommiertePersonalfirmen für Kundenmit vergleichbaren oder sogar größerenProblemen als Benchmark dieHerausforderung bereits erfolgreichgemeistert.

In solchen Situationen gestalten dieUnternehmen ihre Suche allerdingsvollständig transparent - eine absoluteNotwendigkeit, wenn man qualifizierteAufsichtsräte anwerben will.Der Personalberater ist sowohl demKunden (der ihn bezahlt) als auch demKandidaten verpflichtet. Beide Parteienverlassen sich auf ihn als professionellenVermittler. Er muss deshalbuneingeschränkt ehrlich sein und imInteresse aller Beteiligten handeln.Das Verhalten des Personalberaters istin diesem Punkt skrupellos.

Der Einzige, der das Ausmaß derRisiken zu erkennen scheint, ist PhilipTedeschi, der Rechtsberater vonNetRE Benchmarks Aufsichtsrätesind in unterschiedlichem Maße Karikaturenängstlicher, schlecht qualifizierterKontrolleure, die verzweifeltnach einer raschen Lösung suchen und damit wohl kaum ein Team, demClough angehören möchte.

Die Szenen, die sich im Aufsichtsratabspielen, sind echte Possen undwürden einen guten Stoff für eineFernsehkomödie zur besten Sendezeitabgeben. Traurigerweise spielensich vergleichbare Szenen tatsächlichheute noch in so mancher Vorstandsetageab.

charles h. king
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