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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Seit zehn Jahren verfasse ich Einträgein Blogs. Angefangen habeich mit 19 Jahren. Davor habeich regelmäßig Beiträge für öffentlicheMailinglisten, Message Boards unddas Usenet geschrieben. Ich bin mitdieser Technologie aufgewachsen undgehöre zu der Generation, die sichdafür schämen sollte, was sie schon allesveröffentlicht hat. Das tue ich abernicht. Diese Veröffentlichungen sindTeil meiner Vergangenheit und damitein Teil von mir.

Ich blicke auf mein 15-jähriges Ichzurück und denke: "Mein Gott, warstdu dumm." Viele der heutigen Teenagerwerden später ebenfalls zurückblickenund verlegen über ihre Unreifelächeln. Digitale Dokumente der eigenenVergangenheit werden mit der zeitzu einem Teil unserer Kultur werden.

Die jungen Leute heute tun das, wasjunge Menschen schon immer getanhaben: Sie finden heraus, wer sie sind.Indem sie sich in die Öffentlichkeitstellen und sich damit der Begutachtungdurch andere aussetzen, testenTeenager, inwieweit die Wahrnehmungihrer Umwelt mit ihrer eigenen übereinstimmt.Auf der Grundlage der Reaktionenderer, die sie respektieren,passen sie ihr Verhalten und ihre Ansichtenan. Sein Image managt manheute online.

Genau wie früher regen sich die Älterendarüber auf, wie die jüngere Generationmit kulturellen Neuerungenumgeht. Moralisch begründete Ängstegehen immer mit der Frage einher,ob den unschuldigen Kindern) emandschaden könnte. Gleichzeitig fürchtetman sich vor den teuflischen Aktivitätendieser Kinder. Besonders schwierigist, dass viele Eltern Teenager heutestark reglementieren, sie gleichzeitigaber unter enormen Erfolgsdruck setzen.Die widersprüchlichen Signale,die Erwachsene aussenden, könnenemotionalen Schaden anrichten.

Was Erwachsene als problematischesVerhalten von Teenagern werten,findet sich häufig in der Botschaftder Massenmedien an die jungenLeute wieder. Dazu zählt auch derfragwürdige Promi-Status, den Celebritieswie Paris Hilton und LindsayLohan haben. Aufgrund einer Reihevon komplexen sozialen Faktoren istder Narzissmus auf dem Vormarsch.Narzissten suchen Beachtung undRuhm. Die Reality-TV-Welle vermitteltden Jugendlichen, dass sie dies erreichen,indem sie möglichst alles vonsich preisgeben. Wen wundert es da,dass um Aufmerksamkeit heischendeTeenager auch das Privateste an dieÖffentlichkeit tragen? Nicht alle jugendlichenwollen diese Art von Aufmerksamkeit,doch die kulturellenNormen haben sich gewandelt. DasInternet ist sowohl ein Treffpunkt fürFreunde geworden als auch ein Ort,um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Was heißt das im vorliegenden Fall?Wenige junge Leute haben in SachenInternetpräsenz eine absolut weißeWeste. Wenn Hathaway Jones nur solcheBewerber einstellen will, entgehendem Unternehmen die klügsten Köpfemeiner Generation. Clevere Leutetesten, wie weit sie gehen können,doch diese Grenzen hängen immervon der jeweiligen zeit ab. Heute gehtes nicht mehr um Miniröcke undRock 'n' Roll, sondern um eine komplexeOnline-Identität.

Natürlich wird es immer eine Handvolljunger Leute geben, die mit einerblütenreinen Weste durch ihre zeit alsTeenager und junge Erwachsene kommen.Natürlich brauchen ArbeitgeberLeute, die sich an die Regeln halten,aber sie brauchen auch kreative Köpfe.Mimi Brewster ist kreativ. Und fürdie Stelle, die Fred Westen besetzenwill, eignen sich nun mal keine Traditionalisten.Westen sollte seinem Gespürvertrauen und Brewster einstellen.Ich würde ihm raten, sofort dasGespräch mit ihr zu suchen. Die beidensollten eine Strategie entwickeln,wie Mimi Brewster möglichen Problemenbegegnen kann, die sich durchihre Online-Daten ergeben können.

Westen wird aus diesem Fall lernen.Anders als seine Generation fürchtensich meine Altersgenossen nicht sosehr vor der öffentlichen Meinung.Wir wissen, wie wir sie managen müssen.Wir dokumentieren auf digitalemWege jede Liebesgeschichte und jedesTeenagerdrama und veröffentlichenInhalte, die eine nuancierte öffentlichePerson entstehen lassen. Wer nur einenEintrag liest, erhält ein verzerrtesBild. Deshalb würde ich Mimi Brewsterraten, an ihrer eigenen Google-Geschichtezu arbeiten. Sie sollte publikmachen, was sie heute denkt, und daraufeingehen, wie sich im Laufe derJahre ihre Perspektive verändert hat.Wer in einer vernetzten Gesellschaftlebt, muss lernen, seine digitale Präsenzmit Accessoires zu versehen - genausowie wir das Richtige anziehen,wenn wir ins Büro gehen.

danah m. boyd
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