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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Es gibt nicht die eine, richtigeFührungsmethode. Deshalb hatPaul Kennedys Problem auchviel mit der Kultur von Daner Associateszu tun. Larry vermittelt nichtden Eindruck, als sei er ein Chef, dersich allwissend stellt und das Urteilseiner Manager abtut. Er führt dasUnternehmen bestimmt nicht wie einTrainingslager bei der Armee - dannwäre Kennedy schon längst gegangen.Unterstellen wir also, dass Larry liebereinen Konsens erzielt und seineMitarbeiter ebenfalls zur Konsensfindungermutigt. In diesem Fall hatKennedy durchaus noch eine Chance,seine Fähigkeiten in die Waagschalezu werfen und seine Führungskompetenzenzu verbessern.

Wie so viele Führungskräfte, die zurKategorie der netten Vorgesetztengehören, macht sich auch Paul Kennedydauernd Sorgen. Er fürchtet,seine Mitarbeiter zu vergraulen, wenner nicht auf ihre Bedürfnisse eingeht.Das ist legitim. So hat Lisa schon unterBeweis gestellt, dass sie hervorragendeArbeit leistet, wenn sie nicht geradedurch familiäre Sorgen abgelenktwird. Offensichtlich hat sie Kennedyin ihre privaten Probleme eingeweiht.Aber er erreicht nichts mit seinemNettsein, denn er hat Angst, sich derRealität zu stellen. Damit steht er seinemErfolg selbst im Weg.

Drehen wir die Uhr etwas zurückund stellen uns vor, Kennedy habezum ersten Mal etwas von Lisas Sorgengehört. Lisa hat bisher tapfer versucht,mit der Pflege ihrer Mutterzurechtzukommen, bevor sie ihremChef davon erzählt. Sie weiß nicht,wie sie ihr Problem bewältigen kann,aber sie erwartet die Lösung auchnicht von ihrem Vorgesetzten. Vielleichtbraucht sie einfach nur jemanden,der ihr zuhört.

Hier hätte Paul erstmals Gelegenheit,eine Methode anzuwenden, dieich "Führungstherapie" nenne. Mitdieser Technik zeigt ein Manager seineBereitschaft, zuzuhören und Unterstützungzu leisten. Gleichzeitig abermacht er auch deutlich, wer für dieLösung des Problems letztlich verantwortlichist.

Ich habe die Methode der Führungstherapieschon oft angewandt.Wenn ein Manager zu mir ins Bürokommt, um ein Problem zu besprechenoder sich über etwas zu beschweren,lege ich mir ein Blatt Papierund einen Stift zurecht. Während erspricht, mache ich mir Notizen. Wenner fertig ist, überfliege ich sie und sage:"Ich möchte sicher sein, dass ich Sieverstanden habe." Dann fasse ich dasGehörte in wenigen Sätzen zusammen.Nach meiner Erfahrung findendie Mitarbeiter diese Vorgehensweisesehr hilfreich. Sie haben) emanden vorsich, der ihnen seine volle Aufmerksamkeitwidmet und sich bemüht, siezu verstehen. Meist sind sie dann sogarbereit, mein Urteil zu akzeptieren,auch wenn es ihren persönlichenInteressen zuwiderläuft. (Und es istauch völlig in Ordnung, das BlattPapier nachher wegzuwerfen.)

Im Hinterkopf habe ich dabei immerdie übergreifenden Grundsätze,Richtlinien und Werte des Unternehmens.Wenn etwa ein geschätzter Mitarbeiterzu mir kommt und mir erklärt,er bräuchte sofort eine Gehaltserhöhungund könne nicht bis zumJahresanfang warten, antworte ichetwa folgendermaßen: "Ich versteheIhren Wunsch gut. Leider können wirIhre Bitte nicht erfüllen, weil es hiernicht üblich ist, im Laufe des JahresGehaltserhöhungen zu gewähren.Aber wenn Sie weiterhin so guteArbeit machen oder noch bessere,dann werden wir Ihre Situationim Januar noch einmal besonders genauprüfen." Greift der Mitarbeiterdaraufhin zum letzten Mittel und sagt:"Ich habe ein anderes Angebot, alsogeben Sie mir bitte die Erhöhung,sonst kündige ich", dann lasse ichmich darauf nicht ein. Ich gratuliereihm und wünsche ihm alles Gute fürseine Zukunft.

Kennedy kann diese Methode derFührungstherapie mit Lisa, Justin undall den anderen praktizieren, die bewusstoder unbewusst ihre Verantwortungauf ihn abwälzen - weil sieihn für einen netten Kerl halten. Erkönnte Lisa zuhören und ihr dannvorschlagen, ein halbes Jahr lang nurin Teilzeh zu arbeiten. Als Gegenleistungfür sein Entgegenkommenkönnte sie ihm verbindlich zusagen,danach wieder Vollzeit zu arbeiten. Somachte er Lisa deutlich, dass er ihreBedürfnisse respektiert, aber von ihrerwartet, das Problem selbst zu lösen.Wenn Lisa eine so gute Mitarbeiterinist, wie Kennedy glaubt, wird sie mitdoppelt so viel Loyalität und Engagementan ihren Arbeitsplatz zurückkehren.Auf diese Weise kann Kennedyseine Führungskompetenzenallen - auch sich selbst - beweisen.

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