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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2008

Michael Feldstein setzt diefalschen Schwerpunkte. Ersollte Wettbewerb um Postennicht grundsätzlich als schädlich ansehen,und eine Kollegin wie DanielleHarcourt - die immerhin mehrfachauf ihn zugegangen ist - nicht meiden.Stattdessen sollte er sich grundsätzlicheGedanken darüber machen,was er in seiner Karriere - und in seinemLeben - erreichen will. Und ersollte ein besseres Gespür für dieBedeutung der Bündnisse entwickeln,die innerhalb eines Unternehmens geschmiedetwerden. Man kann dieseAspekte der Unternehmenskultur abfälligals "Politik machen" bezeichnen- aber diese müssen nicht automatischals negativ angesehen werden undkönnen sich sogar als recht produktiverweisen.

Außerdem muss sich Feldstein fragen,ob er Beaumonts Job ernsthafthaben will oder ob sein sehnlicherWunsch danach nicht eher ein Reflexauf die äußeren Umstände ist. Ist seinFortkommen in diese Richtung imMoment tatsächlich so wichtig? Willer wirklich die Aufgaben eines Geschäftsführersübernehmen und dieBereiche Verkauf und Marketing, indenen er sich auskennt, hinter sich lassen?Schließlich ist Beziehungspflegeim geschäftsführenden Bereich nochwichtiger als in seiner jetzigen Position.Es ist keineswegs verwerflich,eine Beförderung nicht anzustreben,selbst wenn sie sich aufzudrängenscheint.

In seine Entscheidungsfindungmuss Feldstein auch seine Familie miteinbeziehen. Er und seine Frau solltenihre unterschiedlichen und ihre gemeinsamenBedürfnisse und Zieleumreißen und erörtern. Wenn Feldsteindie Leiter bei Lafleur weiterhinaufklettert, wird er viel unterwegssein. Will er das? Schließlich hat erKinder. Die beiden sollten auch herausfinden,ob es für Karen Feldsteinin China eine Möglichkeit gibt, ihreKenntnisse und karriererelevantenKontakte auszubauen.

Feldstein ist nicht der erste Manager,der nichts mit Taktierereien undBündnispolitik zu tun haben will.Aber in jedem großen Unternehmengibt es solche "politischen" Zonen.Schließlich versammeln sich hier vieleverschiedene Abteilungen und Menschen,und die Ziele, die sie verfolgen,sind bisweilen gegensätzlich. Der"politische" Prozess innerhalb einesUnternehmens ist ganz natürlich undnicht zwangsläufig destruktiv. Undje weiter man vorankommt, destopolitischer wird der eigene Job. DieZeithorizonte, die nötig sind, um diejeweiligen Beiträge zum Unternehmenserfolgzu beurteilen, werdenlänger, und bei der Bewertung derpersönlichen Leistung kommen andereFaktoren ins Spiel: schwer greifbareWerte wie Vertrauenswürdigkeit,Initiative, die Fähigkeit, mit Widersprüchenumzugehen oder das großeGanze im Blick zu behalten.

Manche mögen mit harten Bandagenkämpfen - bei Lafleur scheintes da einige zu geben -, doch solangeniemand lügt, andere bewusstschlecht macht oder unzulässigenDruck ausübt, ist nichts Hinterhältigesoder Unstatthaftes an der Sache.Ist man tatsächlich einmal mit echterGemeinheit und Boshaftigkeit konfrontiert,sollte man auf die "Sonnenscheinregel"zurückgreifen, also soviel wie möglich ans Licht bringenund öffentlich machen. Bei Lafleurscheint man aber nicht an diesemPunkt zu sein, auch wenn einige Mitarbeiterdie Stimmung als belastenderleben.

Abgesehen davon kursieren in jedemgroßen Unternehmen Spekulationen,und die Gerüchteküche brodelt.Wenn nicht allzu lange nach einerÜbernahme eine Schlüsselfigur plötzlichohne Erklärung ihres Postensenthoben wird und gleichzeitig Umstrukturierungsmaßnahmenim Raumstehen, wächst nun mal die Unruhe.Feldstein und andere interpretierenbestimmte Ereignisse und Verhaltensweisen- einschließlich der durchauslegitimen Bestrebungen von Harcourt- als bedrohlich. Man kann es aberauch anders betrachten. Harcourt undFeldstein versuchen beide, ihre Karrierevoranzutreiben, doch währender grollt und Ausreden vorschiebt, liefertsie frische Ideen und streckt ihreFühler in viele Richtungen aus.

Feldsteins Auffassung, dass seineZahlen für sich - und für ihn - sprechensollten, ist weit verbreitet; siezeigt indes, dass er eine zu vereinfachteVorstellung von der Art und Weise hat,wie Personal für die oberen Führungsebenenrekrutiert wird. Seine Arbeitgut zu machen ist zwar die Voraussetzungfür eine Beförderung, aber nochlange keine Garantie dafür. Kluge Managerwissen: Entscheidend für ihrenErfolg ist ein dichtes Kontaktnetz, ausdem sie Unterstützung, Informationenund Ressourcen beziehen. Angenommen,Harcourt bekommt den Posten,auf den Feldstein spekuliert-wärees da nicht trotzdem klug, sich gutmit ihr zu stellen? Vielleicht braucht erihre Unterstützung j a in der Zukunft.

Bleibt die China-Frage: Die Chance,ein Unternehmen in China zu leiten,eröffnet traumhafte Möglichkeiten fürFeldsteins weitere Karriere. Und siestellt sein Können ernsthaft auf dieProbe. Dort muss er ohne klare Richtlinienarbeiten, improvisieren, überkulturelle Barrieren hinweg verhandeln,Dinge aus dem Nichts aufbauen,statt anderer Leute Pläne auszuführen.Er muss neue Fähigkeiten entwickelnund Wege finden, die in ihn gesetztenErwartungen zu erfüllen, ohne auf Erfahrungenzurückgreifen zu können.

Durch solche Feuerproben wachsendie Fähigkeiten - und das Ansehen von Führungspersönlichkeiten. Feldsteinsollte sich nicht zuletzt auchFolgendes vor Augen halten: Geradein China muss er Kontakte zu denrichtigen Leuten aufbauen und Beziehungenpflegen. Gelingt ihm diesnicht, wird er scheitern.

allan cohen
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