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FALLSTUDIE Meinung

aus Harvard Business manager Edition 5/2007

"Der erste Eierkuchen gerätleicht zum Teigklumpen" dieses russische Sprichwort istnicht ohne Ironie, immerhin stelltSieba Rührmaschinen her. Lernfähigkeit,Geduld und Durchhaltevermögenbilden im wesentlichen dasRezept, mit dem Hartmut Oppermanndem festgefahrenen Konflikt inZajkino begegnen sollte.

Auch Firmenschef Robert Siegelewird langfristig beim Export seinerFirmenphilosophie in andere KulturkreiseKompromisse eingehen müssen.Zwischen seinen Vorstellungenund der russischen Geschäftskulturliegen Welten. Diese wollen überbrücktund nicht einfach erobert sein.

Auf den ersten Blick könnten dieGegensätze in den Gepflogenheitenkaum größer sein: Siegele drückt seineProfessionalität mit straffem Zeitmanagement,sachlichem Umgangstonund klaren Ansagen aus - undstößt seine russischen Gesprächspartnervor den Kopf. Für sie bildenGeschäfte und Beziehungen einewichtige, unverzichtbare Einheit. Dabeihaben beide doch in Wirklichkeitmehr gemein, als sie trennt.Russen wie Deutsche teilen dieselbenunternehmerischen Ziele, undsie haben das starke Bedürfnis nachVerlässlichkeit.

Das Problem liegt jedoch in derWahl der Mittel. Während die traditionellsehr legalistisch geprägte deutscheKultur Sicherheit aus Formalitätund Regeln gewinnt, vertrauen dieRussen, die mit dem Recht keine allzuguten Erfahrungen gemacht haben,eher ihrem Gespür und der persönlichenBindung. Sie suchen die Annäherungauf einer persönlichen Ebene.Es erscheint ihnen geradezu unsinnig,diesen Prozess durch strikte Tagesordnungenund Vorgaben zu reglementieren.Nach ihrer persönlichenLebenserfahrung haben detailliertePlanungen meist nur geringe Chancenauf punktgenaue Umsetzung.

Diese unbewussten Erwartungen andas Gegenüber zu formulieren istschwer. Die Beteiligten müssen sichdieses Wissen gegebenenfalls mithilfeinterkultureller Trainings erarbeiten.Versuche der Konfliktbewältigungdurch wachsenden Druck vertiefendie unreflektierten Gegensätze zwischender Sieba und ZajChozMaschnur noch mehr.

Eine Vorbereitung auf diesen "Kulturschock"hätte vielleicht das Engagementder Sieba in Kroatien undder Türkei bieten können. Auch dortspielen persönliche Kontakte einewichtige Rolle. Viele Unternehmenbilden deshalb kroatische oder türkischeFachkräfte in Deutschland ausund entsenden sie dann. Deren Fähigkeit,mit beiden Denkweisen umzugehen,lässt viele Missverständnisseerst gar nicht entstehen. Darüberhinaus sind Erfahrungen mit der westlichenGeschäftskultur und marktwirtschaftlichenOrientierung in beidenLändern weiter verbreitet als inRussland.

In Russland hat Sieba einen Elitemanagereingesetzt, dessen persönlichesProfil nicht zur gestelltenAufgabe passt. Zielstrebigkeit undMacherqualitäten entsprechen denVorstellungen Robert Siegeles. DochOppermanns fehlende Neigung,Kontakte zu pflegen und sich auf seineGesprächspartner einzulassen, isteine der Ursachen für die Problemein Zajkino. Sein geschäftsmäßigerTon zwingt die Gesprächspartner,sich auf der Suche nach persönlicherOrientierung an die aus Deutschlandangereiste Führungsriege zu wenden.Von oben durchgereichte Entscheidungender Geschäftsführer, wie dieWahl des Joint-Venture-Partners oderdie Abordnung zur Schulung inDeutschland, vermitteln den Russendas Gefühl, entmündigt worden zusein. Obendrein rügt Oppermann dengut gemeinten Improvisationseinsatzder ZajChozMasch-Mitarbeiter als"Flickwerk". Er sorgt damit abermalsfür ein schlechtes Klima.

Ein von Anfang an geduldigeresund kooperativeres Herangehen hättemehr Raum gelassen, die beiderseitigenErwartungen zu sondieren. Undes hätte womöglich auch die Konkurrenzzweier verfeindeter Venture-Partnervermieden, die sich nun aufadministrativem Wege bekriegen.

Das Versäumte nachzuholen wirdein hartes Stück Arbeit. HartmutOppermann muss lernen, dem Verhaltenseiner Gesprächspartner aufden Grund zu gehen und mit viel Einfühlungsvermögenklare Grenzen zuziehen.

Mitarbeiter zu bevormunden zeugtweder in Russland noch in Deutschlandvon gutem Führungsstil. Dieneue Strategie der Sieba sollte denrussischen Partnern mehr Mitspracherechteund Verantwortung zugestehen.Neben nachhaltiger Lernbereitschaftwird das Robert Siegeleviel Geduld und Hartnut Oppermannein starkes Durchhaltevermögen abverlangen- eine unternehmerischeund vor allem eine persönlicheHerausforderung.

thomas seibold
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