Zur Ausgabe
Artikel 16 / 20

Kolumne Marktforscher beim Müßiggang

aus Harvard Business manager 4/2009

Ich möchte, wo das Frühjahr beginnt, an eine frühlingshafte Kunst erinnern, die leider in Vergessenheit geraten ist: das Flanieren. Das ziellose Umherstreifen in den Gassen und Winkeln einer Stadt, ohne vordefiniertes Ziel, mit offenen Sinnen für die Belanglosigkeiten am Rande des Weges, die doch am Ende in ihrer Summe das Abenteuer des Alltags ausmachen - und einen tiefen Einblick in die Wirklichkeit bieten. Wer flaniert, stößt auf Fragen.

Wovon leben die vielen Textilgeschäfte (vermutlich mit Waren aus Hongkong und Taiwan) in der Vorstadt eigentlich? Warum gibt es draußen, wo die Stadt sich allmählich im Ländlichen verliert, andere Farbkombinationen als drinnen in den Geschäften des ersten Bezirks? Da findet man sehr viel häufiger das Gelb mit dem Braun garniert, krasse Gegensätze aus Rot und Grün, Blau und Gelb, auch schreiend Neonfarbiges in den Auslagen. Warum gehen die weiblichen Teenager der Vorstädte anders als die in den Bezirken der saturierteren Milieus? Warum schauen sie beim "Weg", den sie haben, mit schnellen Schritten voranschreitend auf ihre Schuhspitzen, warum halten sie so häufig die Arme unter der Brust verschränkt? War es verschmitzte Absicht oder bloßer Zufall, ein Geschäftslokal, in dem Bilder, Drucke und Rahmen verkauft werden, "Rahmenhandlung" zu nennen? Warum behalten Damen in den traditionellen Cafés die Hüte auf, Herren nicht?

Was bedeutet das? Wofür steht dieser "Habitus" eines Milieus, das man nie zuvor wahrgenommen hat? Nur der Flaneur besitzt die Geduld, nun, um das Bild abzurunden, es in sich aufzunehmen, es zu "reflektieren", als teilnehmender Beobachter ein, zwei Stunden bei Kaffee und Gebäck in einer Nische eines kleinen Cafés ("Aida", "Bei Gitti", "Café Wien" oder in koketter Bescheidenheit: "Das kleine Café") zuzubringen, bevor er seinen müßiggängerischen Weg fortsetzt.

Der Flaneur wird nie eine Kamera mit sich tragen, nicht einmal ein Handy, mit dem er sozusagen Skizzen anfertigen könnte. Er ist der Sammler unwiederbringlicher Momente, die nicht für sich selbst stehen, sondern für eine Art, mit der Welt umzugehen. Der Flaneur ist eine ganz und gar gegenwärtige Existenz, die allerdings, so hat es den Anschein, nicht mehr in unsere Gegenwart passt, weil diese Gegenwart von einer geradezu manischen Zukunftsorientierung überlagert wird. Doch der Anschein trügt: Ich glaube, die Zukunft des Flaneurs beginnt gerade jetzt, wo sich zeigt, dass der Blick auf die Wirklichkeit, das heißt den Alltag, verloren gegangen ist und neu geschärft werden muss.

Für seine mußevolle Hingabe an das wenig Spektakuläre wird er denn auch über die Maßen belohnt: mit Selbstverständlichkeiten von einer Exotik, dass er niederknien möchte, um seinem Schöpfer für die Gabe zu danken, Dinge wahrzunehmen, die andere nicht sehen, weil sie durchwegs den Trampelpfaden ihrer Gewohnheit folgen. Diese Hüte, diese Farben, die Dekorationen in den kleinen Geschäften, diese Gespräche!

Doch das Glück ist kein privates. Denn der Flaneur weiß trotz aller Selbstvergessenheit um den tieferen Wert seines Tuns: Das, was er sieht da draußen, ist nichts anderes als sein Markt.

© 2009 Harvard Businessmanager

Produktnummer 200904099, siehe Seite 104

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 20
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.