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Karriere Die DNA der Sieger

Welchen Einfluss haben Gene auf unseren beruflichen Erfolg? Forscher fanden in einer Studie einen Zusammenhang. Eine neue Folge unserer Serie "Verteidigen Sie Ihre Forschung".
aus Harvard Business manager 9/2017
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Andrew Brookes / Image Source / Getty Images

Daniel Belsky, Professor an der Duke University School of Medicine, hat mit seinen Kollegen den Lebensweg von 918 Neuseeländern mit ihrer DNA in Verbindung gebracht. Dabei fanden die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen bestimmten Genen und sozioökonomischem Erfolg.

Harvard Business manager: Professor Belsky, lässt sich aus unserer DNA herauslesen, wie weit wir es im Leben bringen?

Daniel Belsky: Obwohl die DNA nicht unser Schicksal bestimmt, sagt sie doch etwas darüber aus, welche Art Mensch wir werden und was wir im Leben erreichen. Unsere Daten stammen von Personen, die alle in der Stadt Dunedin geboren wurden und während der ersten vier Jahrzehnte ihres Lebens in regelmäßigen Abständen befragt wurden. Als wir die Datenreihe untersuchten, fanden wir heraus, dass diejenigen, die bestimmte genetische Varianten aufwiesen – die andere Studien bereits mit Bildungserfolg in Verbindung gebracht hatten –, als Kinder früher Entwicklungssprünge gemacht hatten und sich als Jugendliche ehrgeizigere Ziele gesetzt hatten. Im Erwachsenenalter wurde ihnen mehr Bildung zuteil, sie arbeiteten in angeseheneren Berufen, erzielten ein höheres Einkommen, hatten wohlhabendere Partner, waren sozial und geografisch mobiler, verwalteten ihr Geld effektiver und häuften mehr Vermögen an. All das weist darauf hin, dass unsere Gene unsere Zukunft beeinflussen können. Aber wir wissen auch: Die menschliche Entwicklung beruht auf einer komplexen Interaktion der Gene, die wir geerbt haben, und dem Umfeld, in dem wir uns wiederfinden. Die Natur und unsere Erziehung machen uns in Kombination zu denen, die wir sind. Wir fangen gerade erst an zu verstehen, wie dieses Zusammenspiel funktioniert.

Sie schlagen also nicht vor, Babys nach der Geburt – oder gar noch vorher – zu testen, um zu sehen, wer das Potenzial zur Promotion oder zu einer effektiven Führungskraft hat?

Nein. Wir sind immer noch weit davon entfernt, das menschliche Potenzial durch einen Gentest korrekt einschätzen zu können. Selbst wenn dies möglich wäre, gäbe es eine Menge Gründe, das nicht zu tun.

Um unser Vorhersagemodell zu entwickeln, verwendeten wir die Ergebnisse großer Datenerhebungen zur DNA Zehntausender Menschen. Diese Studien haben Gene identifiziert, die mit bestimmten Bildungserfolgen zusammenhängen, und die Stärke dieser Zusammenhänge gemessen. Wir haben auf Basis dieser Informationen einen Algorithmus erstellt. Damit können wir eine sogenannte polygenetische Punktzahl für Einzelpersonen berechnen. Sie gibt an, wie viele der genetischen Varianten jemand besitzt. Als wir uns die Daten der Dunedin-Studie anschauten, fanden wir heraus, dass Teilnehmer mit einer höheren polygenetischen Punktzahl etwas erfolgreicher waren als die mit niedrigeren Punktzahlen. Aber der Effekt war sehr klein – er machte nur 1 bis 4 Prozent der Varianz aus.

Außerdem reden wir hier über Durchschnittsergebnisse. Einige Menschen mit niedrigen polygenetischen Punktzahlen waren in ihrem Leben sehr erfolgreich, manche mit hohen Punktzahlen nicht. Es gibt viele andere Tests für Kinder und Erwachsene, die sich nicht an Genen orientieren und mit denen sich die Erfolgschancen von Menschen viel besser vorhersagen lassen.

Wenn andere, vermutlich günstigere Methoden besser sind, warum sollten wir dann Gene in diesem Kontext überhaupt untersuchen?

Wir wollen verstehen, wie die Gene unser Leben beeinflussen, was manchen Leuten zum Erfolg verhilft und andere scheitern lässt. Sich die DNA anzuschauen hat einen Vorteil: Sie steht seit der Geburt fest und verändert sich unser Leben lang nicht mehr. Sie gibt uns einen guten Anhaltspunkt. Wir hoffen, dadurch umsetzbare Erkenntnisse für die Politik zu gewinnen. Wir möchten helfen, Strategien zu entwickeln, die die soziale Mobilität verbessern.

Welche Art von Strategien?

In unserer Studie haben wir etwa herausgefunden, dass Kinder mit hohen polygenetischen Punktzahlen schon früher eine Sprache beherrschten; sie fingen früher an zu sprechen, lernten eher lesen und lasen zudem schneller als ihre Altersgenossen. Vielleicht könnten Eingriffe, die die Sprachfähigkeiten von Kindern in einem jüngeren Alter fördern, mehr Menschen auf einen erfolgreichen Pfad bringen. Wenn wir nach vorn schauen, könnten uns größere Datenreihen verstehen helfen, warum manche Kinder mit niedrigen polygenetischen Punktzahlen Erfolg haben oder warum einige mit hohen Punktzahlen Probleme haben. Diese Ausreißer können uns Hinweise geben, wie wir das Umfeld von Kindern verändern müssen, um ihre Chancen zu verbessern.

Woher könnten diese großen Datensätze kommen?

Großbritannien hat eine nationale Datenbank aufgebaut, in der Gendaten und eine Unmenge anderer Informationen von einer halben Million Menschen gespeichert sind. In den USA hatte Ex-Präsident Barack Obama die Precision Medicine Initiative auf den Weg gebracht, um eine ähnliche Informationsquelle zu schaffen. Aber diese Big-Data-Projekte können nicht vollständig Kohortenstudien ersetzen wie diejenige, auf die wir uns in unserer Forschung konzentriert haben. Zunächst können sie nicht derart ins Detail gehen, insbesondere was die ersten Lebensjahre angeht. Dann müssen die Teilnehmer sich selbst anmelden. Deshalb repräsentieren diese Datenbanken nicht die Gesamtbevölkerung. Repräsentativität ist aber sehr wichtig. So ist es beispielsweise eine wichtige Frage, ob unsere Erkenntnisse auch auf Bevölkerungsgruppen zutreffen, die nicht aus Europa stammen. Es könnte sein, dass sie nicht auf Menschen mit einem anderen ethnischen Hintergrund oder aus anderen Weltregionen zutreffen.

Das hört sich an, als ob wir an der Grenze zu einem ganz neuen Forschungszweig stünden, der sich mit Genetik und sozioökonomischen Zusammenhängen beschäftigt. Um welche Themen geht es dabei sonst noch?

Dieses neue Feld nennt sich Soziogenetik und entwickelt sich in mehrere Richtungen. Es gibt große Konsortien wie das Social Science Genetic Association Consortium unter der Leitung von Dan Benjamin von der Universität von Südkalifornien und Philipp Koellinger von der Freien Universität Amsterdam, aber auch Projekte wie Sociogenome unter der Leitung von Melinda Mills von der Universität Oxford. Sie untersuchen den genetischen Einfluss auf Risikoneigung, Unternehmertum, Reproduktionsverhalten und anderes. Ein anderes großes Forschungsgebiet ist die Frage, wie Gene unsere sozialen Beziehungen beeinflussen. Mein Kollege Ben Domingue aus Stanford hat sich zusammen mit den Soziologen Dalton Conley und Jason Boardman sowie dem Wirtschaftswissenschaftler Jason Fletcher mit der Frage beschäftigt, ob Freunde und Ehepartner sich genetisch ähneln und wenn ja, warum. Jeden Tag schließen sich weitere Sozialwissenschaftler diesem Forschungsgebiet an.

Die von Ihnen untersuchten Gene wurden schon vorher mit Bildungserfolg in Verbindung gebracht, und Bildungserfolg hängt natürlich von Intelligenz und sozioökonomischem Status ab. Brauchen wir wirklich wissenschaftliche Studien, die uns sagen, dass kluge und reiche Menschen eine bessere Ausbildung bekommen und deshalb im Erwachsenenalter mehr erreichen?

Ich denke, ein wichtiger Beitrag unserer Arbeit ist der Nachweis, dass die Gene, die zuvor in Studien zum Bildungserfolg entdeckt wurden, sich nicht nur auf die Bildung auswirken. Sie stehen vielmehr mit einer Reihe persönlicher Merkmale in Zusammenhang. Dazu gehören der Intelligenzquotient, aber auch nicht kognitive Fähigkeiten wie Selbstkontrolle und die Fähigkeit, mit anderen gut auszukommen. Diese Merkmale ermöglichen es Kindern mit einer hohen polygenetischen Punktzahl, nicht nur in der Schule, sondern auch weit darüber hinaus Erfolg zu haben. Im Übrigen erklären die Bildungsunterschiede in unserer Untersuchung nur rund die Hälfte des Effekts auf den langfristigen Lebenserfolg. Außerdem: Obwohl Kinder aus wohlhabenderen Familien in der Regel etwas höhere polygenetische Punktzahlen aufweisen, deutet ein höherer Wert auf ein erfolgreiches Leben hin, egal unter welchen Bedingungen ein Kind aufwächst.

Das macht mich trotzdem nachdenklich. Haben Sie gar keine Bedenken, dass uns eine Zukunft wie im Film "Gattaca" bevorsteht, in der Menschen mit "guten" Genen bevorzugt werden?

Wie bereits angedeutet, ist "Gattaca" angesichts der geringen Aussagekraft unseres Vorhersagemodells heute nicht möglich. Trotzdem glaube ich, dass die Zeit gekommen ist, jetzt die Debatte zu führen. Auch ich finde die Idee, Menschen nach Genen zu sortieren, unheimlich. Deshalb ist es wichtig, dass wir darüber reden, wofür diese Art der Forschung genutzt werden soll und wofür nicht. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir Menschen heute schon häufig ein- und aussortieren. Unter den unterschiedlichsten Überschriften teilen wir sie in Gewinner und Verlierer ein, noch bevor sie überhaupt die Chance haben, sich zu beweisen. Schulen verwenden Einstufungstests, um Kinder für Programme zur Begabtenförderung auszuwählen. Konzentrationsschwächen oder Verhaltensauffälligkeiten, die in jungen Jahren auftreten, können Kinder auf den entgegengesetzten Weg leiten. Vielleicht kann die DNA uns helfen zu verstehen, wo diese sozialen Regeln fehl am Platze sind, wann sie Menschen daran hindern, ihr Potenzial zu entfalten, und wo wir sie ungerechtfertigterweise ins Abseits befördern.

Wie sehen eigentlich Ihre Gene aus?

Diese Studie ist noch nicht abgeschlossen. © HBP 2017

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2017 des Harvard Business managers.

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