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Fridays for Future-Sprecherin Carla Reemtsma über Zusammenarbeit Wir stehen alle für dieselbe Sache

Bei der jungen Protestorganisation Fridays for Future entsteht durch Aktionen und Kundgebungen ein starkes Wirgefühl. Carla Reemtsma ist eine der Sprecherinnen der Klimainitiative.
aus Harvard Business manager Spezial 1/2021
Foto: Frederike Wetzels / Der Spiegel

Rein juristisch betrachtet ist Fridays for Future eine "nicht rechtsfähige Personengemeinschaft". Es gibt folglich keine Vorstände, Geschäftsführer oder sonstigen Führungskräfte, die für den Teamgeist und den Zusammenhalt formal verantwortlich sein könnten. Vielmehr wirken alle, die bei den Streiks und Kundgebungen, Podiumsdiskussionen und Aktionen mitmachen, gleichermaßen daran mit, dass sich ein gutes Wirgefühl einstellt und dass es weiter wächst.

So viel kann ich schon jetzt sagen: Die Entwicklung verläuft dynamischer als erwartet! Was möglicherweise damit zusammenhängt, dass sich bei Fridays for Future überwiegend junge Leute engagieren, denen es leichter fällt, sich mit anderen Menschen eng zu verbinden.

Die Initialzündung für dieses Wirgefühl kam gleich mit Greta Thunbergs erstem Streik, ihrer ersten Rede bei der Klimakonferenz in Katowice im Jahr 2018 mit dem Zitat "No one is too small to make a difference". Auch ich habe ab Dezember 2018 den Teamspirit bei Fridays for Future erlebt. Von den Organisatorinnen und Organisatoren der ersten Klimastreiks an meinem Studienort Münster kannte niemand die anderen, wir haben fast ausschließlich über unsere WhatsApp-Gruppe kommuniziert.

Und als wir dann zur ersten Demonstration und Kundgebung aufriefen, kamen statt der erwarteten 100 Leute plötzlich 1000! Wir mussten die gesamte Planung über den Haufen werfen, alles neu organisieren. Das war eine Riesenherausforderung – aber auch eine großartige Erfahrung: Wir stehen alle für dieselbe Sache!

Natürlich entsteht der Zusammenhalt in einer Gruppe oder Organisation wie unserer vor allem aus dem Gefühl politischer oder aktivistischer Erfolge, aus der Teilhabe am Wachstum einer Idee und ihrer Umsetzung, ihrer Verankerung in immer größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen. Wir sind schließlich kein Verein, der sein Gemeinschaftsgefühl auf jährlichen Hauptversammlungen zelebriert, sondern wir bleiben eine freie Protestorganisation.

Jede Ortsgruppe wählt Delegierte, die bei den bundesweiten oder gar internationalen Treffen nicht nach eigenem Gutdünken abstimmen, sondern sich an das Votum der heimischen Gruppe halten. Dies lässt sich bei Bedarf auch gut über WhatsApp oder ähnliche Social-Media-Kanäle abrufen. Verbindliche Beschlüsse entstehen somit demokratisch von unten nach oben, nicht von oben verordnet.

Diese Graswurzeltradition ist sehr wichtig für unser Wirgefühl, lässt es in die richtige Richtung wachsen. Die Macht, so meine Erfahrung und die von vielen Mitstreitern, liegt bei Fridays for Future allein bei den Menschen, nicht bei Apparaten oder anderen anonymen Strukturen.

Gleichwohl haben auch bei Fridays for Future verschiedene Positionen und Personen manchmal unterschiedliches Gewicht. Wer schon gut anderthalb Jahre Schulstreiks organisiert hat, bringt eine andere Erfahrung mit als Neulinge. Da Engagierungswillige zu jedem Zeitpunkt einsteigen können, ist es umso wichtiger, Raum zu geben, Hierarchien zu vermeiden, transparent zu kommunizieren und alle Adressaten einzubeziehen, um ein starkes Gemeinschaftsgefühl aufzubauen. Dabei spielen diese Faktoren bei der Arbeitskultur, aber auch die gemeinsamen Aktionen, Feiern nach den Protesten und Veranstaltungen eine wichtige Rolle.

Zusammenarbeit

Die Mehrheit aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weltweit erledigt den größten Teil ihrer Tätigkeit in Teams. Dabei kann Großes entstehen oder es scheitert an den kleinsten Dingen. Gutes Teamwork ist kein Selbstzweck, sondern ein fragiles Konstrukt, um das man sich kümmern muss.

Wir haben alles Wichtige für Sie zu diesem Thema zusammengestellt.

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Druck von außen wirkt nicht immer positiv auf den Zusammenhalt, er weicht ihn aber auch nicht zwingend auf. Einige von uns wurden schon von Rechtsradikalen und Neonazis bedroht, die ihnen vor ihrem Haus auflauerten. Eine sehr unangenehme, unter Umständen auch einschüchternde Erfahrung für die Betroffenen, die aber immer große Solidarität hervorgerufen hat.

Letztlich ist Fridays for Future für alle Aktivisten viel mehr nur ein Einsatzort, an dem manche pro Woche 50 Stunden arbeiten. Unsere Protestbewegung ist auch ein Raum, in dem man viele Leute, viele Gleichgesinnte kennenlernt. Daraus entstehen stabile Freundschaften, manchmal sogar Paarbeziehungen.

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Dieser Artikel erschien im Spezial 2021 des Harvard Business manager.

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