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Whistleblowing Warum wir Kollegen nicht verpfeifen

Wenn die Unternehmenskultur besonders familiär ist, wird Fehlverhalten am Arbeitsplatz seltener aufgedeckt. Das fanden Forscher in einer aktuellen Studie heraus.
aus Harvard Business manager 3/2021

Illustration: Gary Waters / Ikon Images / imago images

Es ist schwer zu verstehen, aus welchem Grund Fehlverhalten am Arbeitsplatz oft ohne Konsequenzen bleibt – auch wenn Kolleginnen und Kollegen genau wussten, was vor sich geht. Zwei Wissenschaftlerinnen der Universitäten San Francisco und Zürich haben nun eine einleuchtende Erklärung dafür gefunden: Wo sich die Belegschaft als Familie versteht, wo Mitarbeiter gute persönliche Beziehungen pflegen, da ist die Bereitschaft zum Whistleblowing deutlich geringer als anderswo. Damit bekommt das Ideal der familiären Unternehmenskultur deutliche Risse.

Für ihre Studie baten die Forscherinnen Probanden, sich vorzustellen, sie arbeiteten in einem biomedizinischen Start-up, das ein Gerät zur Erkennung von Krebs bei Kindern entwickelt. (Die Studie war inspiriert vom Skandal um das US-Einhorn Theranos.)

Dann erfuhren sie, dass ein Kollege die Wirksamkeit des Geräts übertrieben habe und nicht vorhabe, sich zu korrigieren. Ein Teil der Probanden arbeitete in diesem fiktiven Szenario in einem familiären Umfeld, der andere in einer eher distanziert-professionellen Kultur. Zudem variierten die Wissenschaftlerinnen den Grad an Reue, den der Übeltäter an den Tag legte.

Dabei zeigte sich, dass die Probanden dieses ernsthafte Vergehen seltener nach oben meldeten, wenn sie in einer familiären Kultur arbeiteten – allerdings nur dann, wenn der Täter Reue zeigte. In diesem Fall machten sie sich deutlich mehr Gedanken darüber, welche Folgen ihre Meldung für den Täter haben würde.

Wie können Unternehmen diesem Effekt entgegenwirken und trotzdem ihre familiäre Kultur erhalten? "Wenn wir Whistleblowing als Chance umdeuten, Übeltätern zu helfen und ihr Leben zu verändern", schreiben die Autorinnen, "dann trauen sich womöglich mehr Menschen, Fehlverhalten zu melden – selbst in eng verbundenen Gruppen."

Quelle: Saera Khan, Lauren Howe: "Concern for the Transgressor's Consequences: An Explanation for Why Wrongdoing Remains Unreported", Journal of Business Ethics, Juli 2020

Ausgabe März 2021

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Dieser Artikel erschien in der März-Ausgabe 2021 des Harvard Business managers.

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