Zur Ausgabe
Artikel 6 / 27
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Psychologie Ein reizarmer Ausschnitt der Lebenswelt

Im Homeoffice entgehen uns wichtige Reize und Impulse, sagt Psychologin Antje Flade. Sie warnt vor Vereinzelung und fehlender Grenze zwischen Arbeit und Privatleben.
aus Harvard Business manager 9/2020
Foto: Privat

Wenn mehr Menschen zu Hause arbeiten: Was heißt das für die Sinnhaftigkeit der Arbeit, Wohnungen, Stadtplanung, Möbel, Innovation und Mieten? In unserem Schwerpunkt "Das Büro der Zukunft" antworten Expertinnen und Experten auf diese Fragen.

Eine länger dauernde Verlagerung vom Büro ins Homeoffice ist aus psychologischer Sicht problematisch: Man bekommt weniger Anregungen aus der realen Außenwelt, der soziale Austausch ist reduziert, die raumzeitliche Ordnung des Wohnalltags wird überstrapaziert, und die Wohnung verliert ihre erholende Wirkung.

Der Mensch stößt im Außenraum auf Fragen, die ihm sonst nicht in den Sinn gekommen wären und die ihn motivieren, sich mit weniger Ich-bezogenen Themen zu befassen. Der Erfahrungshorizont wird erweitert, das Umweltwissen vermehrt. Das Homeoffice ist im Vergleich dazu ein reizarmer Ausschnitt der Lebenswelt.

Zudem fehlen bei einem verordneten, länger dauernden Arbeiten im Homeoffice wichtige soziale Kontakte, auch wenn diese nur beiläufig sind und nicht auf tieferen Bindungen beruhen. Das wiegt schwer. Der Mensch ist nicht nur ein Einzelwesen, sondern bleibt Zeit seines Lebens ein Sozialwesen mit Bedürfnissen nach Kontakt, Kommunikation und Zugehörigkeit. Gefühle der Einsamkeit sind die Folge nicht befriedigter sozialer Bedürfnisse. Einsamkeit schmälert die Zufriedenheit mit der Arbeit und dem Leben insgesamt, was sich nicht nur negativ auf die Arbeitsleistung, sondern auch auf das Wohlbefinden auswirkt.

Das Homeoffice wird zu einem Stressor, wenn sich die Lebensbereiche Wohnen und Arbeiten so überlagern, dass es schwer fällt, die bisherige raumzeitliche Ordnung des Wohnalltags und eingespielte Verhaltensroutinen in Einklang zu bringen mit der zeitlichen und räumlichen Flexibilität mobilen Arbeitens. Eine neue Ordnung muss hergestellt werden – was nicht immer gelingt. Das zeigt das Ergebnis einer Umfrage unter Büroangestellten, die einräumten, dass sie im Homeoffice mehr arbeiten als zuvor im Büro. Eine Work-Life-Balance stellt sich also nicht automatisch ein.

Überdies können sich Beschäftigte in ihren Wohnungen kaum mehr erholen, wenn sie dort zugleich auch im Homeoffice arbeiten. Erholungswelten bieten typischerweise ein psychisches und physisches Weit-weg-Sein von der Alltagswelt, von allen dort verorteten Verpflichtungen und Anforderungen. Vom Büro aus gesehen ist die Wohnung ein "Anderswo". Im Homeoffice entfällt der Wechsel von der Arbeits- in die Nichtarbeitswelt.

Die Vorstellung, dass das Homeoffice und seine Unabhängigkeit von festen Arbeitszeiten als Gewinn an Freiheit und Selbstbestimmung zu bewerten ist, beruht allzu sehr auf dem Trend in Richtung einer Individualisierung der Gesellschaft, die den Menschen auf die Daseinsform eines örtlich und sozial ungebundenen Einzelwesens reduziert.

Sollte Arbeiten im Homeoffice – nach dem Motto: Es geht ja! – zur Norm und Arbeiten im herkömmlichen Büro zur Ausnahme werden, würde man die Bedeutung des umgebenden Lebensraums für den Menschen unterschätzen. Die örtliche und soziale Verbundenheit in zwei wichtigen Lebensbereichen, die den Menschen vor Vereinzelung bewahren, kämen dadurch abhanden.

Optimal wäre hingegen ein Modell, wonach künftig sowohl im Büro als auch im Homeoffice gearbeitet werden kann. Die Selbstbestimmung bezieht sich dann nicht mehr nur darauf, wann man arbeitet, sondern auch, wo das geschieht.

Protokoll: Michael O. R. Kröher

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2020 des Harvard Business manager.

Zur Ausgabe
Artikel 6 / 27
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.