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Karriere Zeigt her eure Tattoos!

Schaden Tattoos der Karriere? Forscher haben das mit einer umfangreichen Studie untersucht und geben Entwarnung. In einigen Fällen kann der Körperschmuck sogar förderlich sein. Eine neue Folge unserer Serie "Verteidigen Sie Ihre Forschung".
Das Interview führte Alison Beard
aus Harvard Business manager 4/2019
Foto: Zeljko Dangubic / imago/Westend61

Michael T. French von der University of Miami und seine Kollegen befragten mehr als 2000 US-Amerikaner und fanden heraus, dass tätowierte Menschen nicht seltener eingestellt werden als Menschen ohne Tattoos. Die durchschnittlichen Einkommen waren bei beiden Gruppen identisch. Tatsächlich hatten Männer mit Körperkunst sogar leicht bessere Jobaussichten als andere. 

Harvard Business manager: Bewerbern wurde früher meist geraten, ihre Tattoos zu verstecken. Gilt das heute auch noch?

Michael T. French: Wir hatten erwartet, dass Tattoos die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt schmälern. Meine Koautoren – Karoline Mortensen und Andrew Timming – und ich dachten, dass wir Gehaltseinbußen oder Schwierigkeiten bei der Jobsuche beobachten werden. Personalverantwortliche hatten in früheren Erhebungen gesagt, dass sie tätowierte Bewerber benachteiligen würden. Aber in unserer Studie konnten wir keinen Zusammenhang zwischen Körperkunst und Einkommen feststellen, nachdem wir mögliche Einflussfaktoren auf Jobchancen wie Alkoholkonsum oder Vorstrafen herausgenommen hatten. Unabhängig von Größe, Anzahl, Sichtbarkeit oder möglicher Anstößigkeit scheinen Tattoos keine Auswirkung darauf zu haben, ob jemand eine Stelle findet oder genauso viel verdient wie andere Menschen. Wir konnten sogar zwei positive Korrelationen beobachten: Tätowierte Männer hatten 7 Prozent höhere Chancen, eingestellt zu werden, als Männer ohne Tattoos. Und tätowierte Männer und Frauen arbeiteten mehr Stunden in der Woche.

Wenn ich als Mann also keinen Job finde, dann sollte ich einen Tätowierer aufsuchen?

Na ja, da wäre ich vorsichtig. Wir haben eine Korrelation beobachtet, aber keinen Kausalzusammenhang. Die Aussage unserer Studie ist nicht, dass man seine Jobaussichten durch Tattoos verbessern kann. Sondern die, dass es keine Nachteile auf dem Arbeitsmarkt gibt, wenn man ein Tattoo hat.

Was hat Sie an Tattoos interessiert?

Es gibt schon jede Menge Forschung zum Einfluss anderer persönlicher Eigenschaften auf die Karriere – Herkunft, Alter, Aussehen, Gesundheit, Größe, Gewicht und Behinderungen – und von Verhaltensweisen wie Trinken, Rauchen und Drogenkonsum. Zu Tattoos gab es aber fast nichts. Wir konnten nur zwei Datensätze finden, in denen Menschen gefragt wurden, ob sie tätowiert seien. Als wir die Antworten mit dem Beschäftigungsstatus der Befragten abglichen, fanden wir keinen signifikanten Zusammenhang. Nicht berücksichtigt wurden dabei allerdings die Größe oder die Körperstelle des Tattoos. Wir nahmen an, dass wir zu anderen Ergebnissen kommen, wenn wir nach Tätowierungen fragen, die sichtbar, besonders groß oder anstößig sind.

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Unsere Ausgangshypothese fußte auf Studien, die besagten, dass Tattoos am Arbeitsplatz ein Tabu sind. Eine besagte, dass tätowierte Menschen als weniger aufrichtig, motiviert und intelligent wahrgenommen werden. In einer anderen Studie äußerten 80 Prozent der Personalverantwortlichen und Recruiter eine negative Einstellung gegenüber sichtbaren Tattoos bei Bewerbern. Und 2016 fand Andrew Timming heraus, dass tätowierte Jobanwärter deutliche Nachteile bei Bewerbungen auf Jobs mit Kundenkontakt hatten. Bis vor Kurzem wurden Tattoos auch noch mit Rebellion, Kriminalität oder Bandenmitgliedschaft assoziiert – darauf legt man bei Mitarbeitern nun wirklich keinen Wert.

Aber die Zeiten haben sich geändert?

Ja, einige der Studien sind mehr als zehn Jahre alt. Seitdem hat die Akzeptanz von Tattoos eindeutig zugenommen, als Ausdruck der Persönlichkeit, ähnlich wie Kleidung, Schmuck oder die Frisur. Unter unseren Befragten waren 23 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen tätowiert. Schätzungen zufolge gibt es in 40 Prozent der US-Haushalte eine Person mit Tattoo, 1999 waren es noch 21 Prozent. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass, wie Ökonomen bei anderen Themen schon nachgewiesen haben, die geäußerten Präferenzen nicht immer mit den tatsächlichen Präferenzen übereinstimmen müssen. Vielleicht sagen Sie, dass Sie lieber jemanden ohne Tattoo einstellen. Aber wenn es hart auf hart kommt, wählen Sie dann doch den Bewerber aus, der am besten qualifiziert ist – mit oder ohne Tattoo. Sogar bei den US-Marines sind Tattoos bei Rekruten inzwischen erlaubt, solange sie nicht im Gesicht sind. Denn die Truppe befürchtete, dass sonst gute Kandidaten wegbleiben würden.

Gibt es einen Unterschied zwischen Arbeitern und Angestellten? Sind Tattoos bei Handwerkern okay, aber nicht bei Managern?

Das hätte ich gern abgefragt. Eine Studie von 2010 zeigte, dass Verbraucher bei sichtbaren Tattoos tatsächlich diesen Unterschied machen. Und es ist gut möglich, dass die meisten unserer Befragten eher schlechter bezahlte Jobs hatten, weil sie für das Beantworten unserer Fragen über die Plattform Mechanical Turk eine geringe Teilnahmegebühr erhielten. Das Durchschnittseinkommen lag bei 36.485 Dollar für Männer und 25.930 Dollar für Frauen. In einigen Jobs sind Tattoos weniger von Nachteil, in manchen werden sie vielleicht sogar positiv gesehen. Aber ich vermute, dass mittlerweile die meisten Menschen kein Problem damit haben, wenn Ärzte, Anwälte oder Buchhalter tätowiert sind.

Gilt das auch für Frauen?

Ja, zwei Drittel der Befragten waren weiblich, aber wir haben keine Nachteile bei Beschäftigung oder Gehalt für diejenigen mit Tattoo gefunden.

Und selbst anstößige Motive sind kein Problem?

Unseren Ergebnissen zufolge nicht. Die Befragten, die nach eigener Aussage anstößige Tattoos hatten, waren genauso häufig angestellt wie Menschen ohne Tattoo. Wir haben uns dabei aber auf Selbstauskünfte verlassen, deshalb war die Stichprobe klein. Und die Beurteilung der Motive ist natürlich subjektiv. Ist die Konföderiertenflagge Ausdruck von Südstaatentradition oder von Unterdrückung der Schwarzen? Es kann zudem auch sein, dass die Tattoos an Körperstellen waren, die leicht abzudecken sind.

Spielt der kulturelle Kontext eine Rolle? Würden Sie in anderen Ländern zu anderen Ergebnissen kommen?

Mein Gefühl sagt mir, dass wir in Westeuropa ähnliche Schlüsse ziehen würden. In Osteuropa oder auch Südamerika könnte es sein, dass Tattoos mehr wertgeschätzt werden. Bei asiatischen Ländern bin ich mir unsicher. Das wäre ein Ansatz für die Fortführung unserer Forschung.

Ich muss Sie fragen: Haben Sie selbst ein Tattoo?

Ich habe einige. Auf einer Wade habe ich ein Lagerfeuer und auf der anderen meine Lieblingsstrecke fürs Motorradfahren. Auf meinem Bizeps habe ich einen Wasserfall, auf der Innenseite meines linken Unterarms einen farbigen Pfeil, für den ich viele Komplimente bekomme. Mein erstes habe ich mir vor zehn Jahren stechen lassen.

Und, wenn ich persönlich werden darf, wie alt sind Sie?

57.

Könnte es nicht möglich sein, dass die Befragten sich erst dann Tattoos stechen ließen, als sie schon im Beruf waren, so wie Sie? Und dass sie deshalb keine Nachteile erlebt haben?

Wir schreiben in der Studie, dass wir nicht wissen, wann die Tattoos entstanden sind. Es kann sein, dass sie mit Erreichen einer gewissen Karrierestufe sagen: "Jetzt lasse ich mir ein Tattoo stechen." Aber das Pew Research Center fand heraus, dass 38 Prozent der Millennials tätowiert sind. Wir sprechen also auch über Menschen, die am Anfang ihrer Karriere stehen.

Wie geht es in der Tattooforschung weiter?

Wir wollen Eye Tracking einsetzen, um herauszufinden, wie Menschen auf Fotos von sichtbaren und anstößigen Tattoos reagieren. Aber ehrlich gesagt, auch wenn unsere Ergebnisse mit anderen Stichproben wiederholt werden könnten, sollten Wissenschaftler vielleicht weniger Zeit mit der Analyse von Tätowierungen und ihrem Einfluss auf Beschäftigung und Gehalt verbringen. Wir sollten andere möglicherweise benachteiligte Gruppen untersuchen und versuchen, existierende Vorurteile zu korrigieren, nicht nur solche, die wir vermuten. © HBP 2019

Dieser Beitrag erschien in der April-Ausgabe 2019 des Harvard Business managers.

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