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Psychologie Trügerische Charts

Auch wer sich vermeintlich gut mit Kurven und Diagrammen auskennt, lässt sich unwissentlich beeinflussen. Forscher untersuchten dafür die Darstellung von Aktienkursen - und täuschten sogar Börsenexperten. Eine neue Folge unserer Serie "Verteidigen Sie Ihre Forschung".
aus Harvard Business manager 2/2019
Foto: Elena / imago images/Shotshop

Die Bonner Verhaltensökonomin Zwetelina Iliewa hat untersucht, ob unterschiedliche Darstellungsformen von Aktienverläufen das Anlegerverhalten manipulieren. Dazu bekamen die Testteilnehmer zwei Diagramme vorgelegt, die identische Informationen enthielten – nur verschieden aufbereitet: Mal wurde die Preisentwicklung abgetragen (Kurvenabbildung), mal die Entwicklung der monatlichen Aktienrenditen (Balkendiagramm). Das Preisdiagramm stimmte die Probanden wesentlich optimistischer – auch Profis ließen sich täuschen.

Harvard Business manager: Frau Iliewa, erklären Sie Börsenexperten jetzt ernsthaft den Unterschied zwischen Kursen und Renditen?

Zwetelina Iliewa: Wir versuchen es! Meine Kollegen und ich halten laufend Vorträge. Kürzlich war ich in Paris und habe bei einer bekannten Vermögensverwaltung unsere Ergebnisse vorgestellt. Eigentlich sollte die Art der Darstellung für einen rationalen Anleger keinen Unterschied machen. Wir haben allerdings herausgefunden: Selbst Börsenexperten, die mehr als 20 Jahre Erfahrung mitbringen, handeln nicht rational.

Bauch schlägt Kopf – wieso sind Sie sich da so sicher?

Experten haben sich im Versuch von der Art der Fragestellung täuschen lassen: Fragten wir sie nach den erwarteten Renditen statt den Preisen, schätzten sie die Aktienentwicklung zu positiv ein. Auf dem Finanzmarkt treffen CEOs und Börsenanalysten häufig schnelle und intuitive Entscheidungen. Doch ihre Intuition ist fehleranfällig. Das kann gravierende Folgen haben, denn auf sie hören viele andere.

Übertreiben Sie da nicht? Ist der Effekt der Visualisierung wirklich so stark, dass Anleger Gefahr laufen, sich zu verspekulieren?

Absolut. In unserem Experiment haben wir den Laien zwei Diagramme vorgelegt: ein Kurs- und ein Renditediagramm. Deren Verlauf zeigte dieselbe Entwicklung einer fiktiven Aktie über ein Jahr. Mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate sollten die Probanden dann ihre Rendite für den nächsten Monat schätzen.

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Wer das Kursdiagramm sah, erwartete im Schnitt 1,7 Prozentpunkte mehr Gewinn als jemand, dem das Renditediagramm vorgelegt wurde. Das heißt konkret: Bei einer Anlage von 1000 Euro im Dax, die in der Vergangenheit durchschnittlich acht Euro Gewinn pro Monat erzielt hat, erwarten Investoren 17 Euro mehr Gewinn, sollten sie das Kursdiagramm statt des Renditediagramms sehen.

Wie erklären Sie den Unterschied? Warum ist ausgerechnet das Kursdiagramm Anlass für Optimismus?

Das menschliche Gehirn kann positive Zahlen viel leichter verarbeiten als negative. Im Kursdiagramm sind nur positive Zahlen abgetragen, da der Preis nie negativ wird. Das lässt uns vergessen, dass die monatliche Rendite auch negativ sein kann. Im Renditeformat werden wir hingegen durch die Balken unterhalb der Nulllinie daran erinnert.

Sollten Unternehmen ihre Aktienkurse dann nur noch als Kurven veröffentlichen, um Anleger anzulocken?

So kann man tatsächlich Erwartungen kurzfristig manipulieren. Unternehmen müssen dabei aber bedenken: Systematische Manipulationen von Aktienkäufen helfen auf Dauer niemandem. Denn wenn der Optimismus der Anleger langfristig unbegründet ist, verkaufen sie ihre Anteile.

Inwieweit kann man Börsenexperten überhaupt noch trauen?

Finanzprognosen darf man generell nicht trauen, weil auf effizienten Märkten niemand die Zukunft vorhersagen kann. Trotzdem brauchen vor allem Kleinanleger, die kein oder wenig wirtschaftliches Know-how haben, Berater, die das Risiko einer Anlage einschätzen können. Darin liegt ein Vorteil für sogenannte Robo Advisors ...

... also Finanzdienstleister, die automatisierte, auf Algorithmen beruhende Vermögensverwaltung anbieten ...

... Robo Advisors können unverzerrte Anlagetipps geben und somit den menschlichen Berater ersetzen. Doch auch sie müssen berücksichtigen, wie Formatänderungen die Erwartung ihres Klienten verändern. Denn sie kommunizieren ausschließlich über Zahlen und Diagramme.

Lassen sich Ihre Erkenntnisse auch auf Geschäftsberichte übertragen?

In Geschäftsberichten, genauso wie in Fondsprospekten, findet man beide Diagramme wieder. Manchmal sind sie nebeneinander dargestellt, manchmal entscheidet sich das Unternehmen für ein Format. Wenn dies das Kursdiagramm ist, besteht die Gefahr, dass die Aktionäre überoptimistisch werden. Ich betone dabei das Wort "Gefahr".

Tritt das Problem auch bei der Umsatzentwicklung auf? Im Harvard Business manager stellen wir Gewinne und Umsätze von Unternehmen meist als Balkendiagramme dar.

Umsatzzahlen haben wir in unserer Studie nicht untersucht. Aus der Untersuchung der Aktiendarstellung haben wir aber gelernt, dass Investoren das Minuszeichen brauchen, um eine negative Entwicklung auch als solche wahrzunehmen.

Start-ups  reden gern über ihr sensationelles Umsatzwachstum, aber weniger über die Gewinne, die es ja meist nicht gibt. Amazon und Tesla, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind damit lange Zeit gut gefahren. Sind hier Manipulanten am Werk?

Möglicherweise. Man darf aber auch nicht aus jeder Wahl der dargestellten Zahlen auf Manipulation schließen. Oft sind es Marktgepflogenheiten, die die Wahl bestimmen. Über den Effekt von diversen Darstellungsweisen im Allgemeinen weiß man relativ wenig – viel zu wenig im Vergleich zu den unterschiedlichen Darstellungsweisen, die man heute in den Berichten und Nachrichten sieht. Das gilt es in Zukunft zu verbessern.

Noch ein kleiner Tipp für Unternehmen: Wie können sie ihre Geschäftszahlen möglichst positiv darstellen?

Ganz klar: positive Geschäftszahlen erwirtschaften und diese möglichst unverzerrt darstellen. Abkürzungswege durch kurzfristige Manipulationen der Investorenstimmung nützen langfristig niemandem. Wenn der Optimismus nicht fundamental begründet ist, verkaufen die Investoren ihre Anteile früher oder später.© HBM 2019

Dieser Artikel erschien erstmals in der Februar-Ausgabe 2019 des Harvard Business managers.

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