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Vordenker-Serie: Roger Martin Denker und Designer

Roger L. Martin hat es geschafft, der kanadischen Rotman Business School zu einem exzellenten Ruf zu verhelfen. Weil er seinen Studenten einbläut, dass nicht Auswendiglerner oder Analytiker die Geschäftswelt verändern, sondern Querdenker und kreative Geister.
aus Harvard Business manager 8/2011
Foto:

imago stock&people / imago/ZUMA Press

Werk und Wirkung

Es gibt so manchen Vordenker, der ein einziges Thema über Jahre durchdenkt, untersucht und predigt - Roger L. Martin gehört nicht dazu. Keine Frage, Martin, der ehemalige Dekan der Rotman School of Management an der University of Toronto, ist einer der namhaften Managementköpfe unserer Zeit. Die Londoner "Times" hat ihn 2009 einen der weltweit führenden Vordenker genannt. Sicher ist er einer der Vielseitigsten.

Er beschäftigt sich mit der mangelnden Qualität der Ausbildung an Business Schools, ruft das Zeitalter des Kundenkapitalismus aus, in dem die Käufer und nicht die Aktionäre an erster Stelle stehen - dann wieder veröffentlicht er Thesen zum Change-Management.

Profil

Wissenschaftler

Roger L. Martin stammt aus Wallenstein im kanadischen Ontario. Er studierte Wirtschaftswissenschaften am Harvard College und machte 1981 seinen MBA an der Harvard Business School.

Berater

Praktische Erfahrung sammelte er über 13 Jahre bei der Unternehmensberatung Monitor in Cambridge. Er gründete die Monitor University, das Weiterbildungsinstitut der Firma, und leitete Monitor als Co-Chef, bevor er an die Universität in Toronto wechselte.

Autor

Martin ist Autor zahlreicher Beiträge in der HBR.

Integration

Zwei Themen, mit denen der Professor immer wieder in Verbindung gebracht wird, heißen "Integrative Thinking" und "Design Thinking". Ersteres beschreibt die Notwendigkeit für moderne Führungskräfte, komplexe Sachverhalte anzunehmen und gegensätzliche Modelle zu betrachten. Dies sollte geschehen, ohne eine Entscheidung für die eine oder die andere Lösung zu fällen, sondern es sollten die besten Teile aus beiden Varianten herausgefiltert werden, um so zu einer Synthese zu kommen, die den einzelnen Modellen überlegen ist.

Ganz im Sinne des amerikanischen Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, der meinte, erstklassige Intelligenz erkenne man an der Fähigkeit, zwei sich widersprechende Vorstellungen gleichzeitig im Kopf zu bewegen und dabei noch "funktionstüchtig" zu bleiben. Als Beispiel für integratives Denken nennt der Kanadier Martin den Konsumgüterhersteller Procter & Gamble. Das Unternehmen stand vor der Wahl, sich zwischen einer Preis- oder Qualitätsstrategie zu entscheiden. Das Management ignorierte diese Entweder-oder-Lösung und arbeitete stattdessen am Innovationsprozess. So lagerte Procter & Gamble im vorigen Jahrzehnt die Hälfte der Entwicklung an externe Labore aus, erhielt dadurch neue Ideen und senkte gleichzeitig die Kosten der zentralen Forschung und Entwicklung.

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Imagination

"Design Thinking" ist ein zweiter Ansatz, um zu guten Managementlösungen jenseits der üblichen Wege zu gelangen. Er basiert auf einer Balance zwischen analytischem und intuitivem Denken innerhalb einer Organisation, um bestehendes Wissen - in Form von Erfahrungswerten oder Ergebnissen - zu verwerten und andererseits neue Ideen hervorzubringen. Martin ermuntert Führungskräfte, zwar nicht auf die Wege zur Messung und Vorhersagbarkeit von Erfolgen zu verzichten, sich aber in Bezug auf neue Ideen davon zu lösen. "Management ist keine Wissenschaft. Manager sollten viel eher denken und handeln wie Designer", sagt Martin - ohne Denkverbote und Schranken im Kopf.

Martin beschäftigt sich seit Langem mit diesen Themen, 2009 sind die Bücher "The Design of Business" und "The Opposable Mind" erschienen. Unter anderem mit diesen Ansätzen - und der finanziellen Unterstützung durch Joseph Rotman - hat Martin die Business School der University of Toronto zu einer angesehenen Adresse gemacht. Sein eigenes Studium hat er übrigens am Harvard College und der Harvard Business School absolviert. Sehr zur Überraschung seiner Eltern, wie seine Mutter Delphine Martin einmal erzählte - sie sahen ihn eher an einer Hochschule in der Nähe des Elternhauses im kanadischen Ontario. Dennoch machten sie sich angesichts seiner Bewerbung in Cambridge keine Sorgen: "Wir dachten, er würde sowieso nicht akzeptiert werden."

Freunde und Wegbegleiter

Michael Porter

Martins Zusammenarbeit mit dem renommierten Wirtschaftswissenschaftler begann an der Harvard Business School (HBS), als sie den Einfluss der Gerichtsbarkeit auf die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten und deren Wohlstand untersuchten. Später veröffentlichte das Team Texte über ähnliche Themen. Porter ist heute Professor an der HBS und leitet das dortige Institut für Strategie und Wettbewerb.

Alan George Lafley

Der ehemalige Vorstandschef von Procter & Gamble gehört zu den Managern, die Martin am häufigsten als positives Beispiel nennen. Der Wissenschaftler hat A. G. - wie der ehemalige Konzernboss genannt wird - und Procter & Gamble (P&G) viele Jahre beraten. Aufgrund ihrer engen Beziehung auch noch, als Martin bereits Dekan war. Lafley sei ein Vorzeigemanager aufgrund mehrerer Fähigkeiten, sagt Martin. Unter anderem sei er ein integrativer Denker, der es schaffe, neue Lösungen zu ersinnen, um einem Dilemma zu entkommen. Unter seiner Ägide hat P&G sich vom schlingernden Unternehmen zu einer festen Größe mit regelmäßigen Erfolgen gewandelt.

Ziele und Visionen

Engagierter Lehrer

Als Gestalter eines MBA-Programms ist Martin selbst sein größter Kritiker: "MBA-Programme sind so ausgelegt, dass Studenten eine Reihe von getesteten und verlässlichen Modellen und Theorien lernen. Sie lassen aber die Frage offen, was zu tun ist, wenn diese Modelle nicht funktionieren."

Das Ergebnis seien Absolventen, die unzureichend darauf vorbereitet seien, in einer komplexen, ethisch düsteren Welt außerhalb des Hörsaals zu funktionieren. Daher gehe es darum, Modelle zu hinterfragen und sie nicht als Fakt anzusehen, sondern als Instrumente, die Stärken, Schwächen und Limits hätten. Die Realität zeigt, dass nicht jeder rational agiert und Menschen auf ihren eigenen Vorteil bedacht sein können.

Vordenker der Ökonomie, Management-Theorie und Psychologie

Clayton Christensen und seine disruptive Innovation, die "Five Forces" von Michael Porter und die Management-Tipps von Linda Hill – die Ideen und Konzepte zahlreicher Vordenkerinnen und Vordenker haben die Management-Theorien geprägt. Lesen Sie hier die wichtigsten Ideen und Beiträge von Vordenkern wie Joseph Schumpeter, John P. Kotter, Peter Drucker und Herminia Ibarra.

Zur Übersicht

Martin schlägt vor, in der Ausbildung Themen zu diskutieren, die bislang nicht in klassische MBA-Programme gehören, etwa das Gemeinwohl. Zudem fordert er Professoren auf, Studenten auf völlig neue Gedanken vorzubereiten. Nur so können Alternativen entstehen, die bislang nicht existieren.© 2011 Harvard Business Manager

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