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Vordenker-Serie: Joseph Schumpeter Der kreative Zerstörer

Begriffe wie "Innovation" und "schöpferische Zerstörung" gehen auf ihn zurück, manche sprechen gar von einem "schumpeterschen Unternehmer": Joseph Alois Schumpeter hat vor gut hundert Jahren ein betriebswirtschaftliches Vokabular geprägt, das noch heute hochaktuell ist. Auch zu Lebzeiten genoss er einen Ruf als exzellenter Wissenschaftler - und als Schürzenjäger, der zu Depressionen neigte.

aus Harvard Business manager 4/2013
Foto: imago images / agefotostock

Werk und Wirkung

Welch ein ungewöhnlicher Wissenschaftler: Joseph Alois Schumpeter duellierte sich als Professor mit einem Bibliothekar, weil der seinen Studenten nicht die verlangten Bücher aushändigte. Später fuhr er im konservativen Wien mit zwei stadtbekannten Prostituierten im offenen Wagen, um der Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass Konventionen ihn nicht scherten.

Und in jungen Jahren gab er drei Ziele für sich aus: der größte Ökonom der Welt zu werden, der beste Reiter Europas und der beste Liebhaber Wiens. Später gestand er, dass das mit den Pferden nicht geklappt habe.

Einer der großen Wissenschaftler ist er ohne Frage geworden. Die Keynes-Gesellschaft nennt Schumpeter - neben ihrem Namensgeber - einen "der zwei bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts", der britische "Economist" erläutert seinen Lesern jahrelang die Wirtschaft in einer Schumpeter-Kolumne.

Ein Begriff ist untrennbar mit Schumpeters Namen verbunden: die schöpferische Zerstörung. Der Ausdruck geht aus einem Werk hervor, dass das "Wunderkind der österreichischen Nationalökonomie" ("Handelsblatt") bereits im Alter von 28 Jahren veröffentlichte: "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung". Später vertiefte Schumpeter ihn in "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie". Früh brachte er ein Subjekt ins Rampenlicht, das bis dahin von den klassischen Ökonomen schlicht vernachlässigt worden war, weil es nicht in die damals üblichen mathematischen Modelle der VWL passte: den Unternehmer. Nach Schumpeters Betrachtung ist dieser die treibende Kraft, die eine Branche oder einen Markt gegen Widerstände durch Innovationen anstachelt und so den wirtschaftlichen Wandel provoziert. Dem Kapitalismus wohnt nach seinen Worten eine Unordnung inne, deren Ergebnis die kreative Zerstörung ist.

Hohe Relevanz

Damals war diese Erkenntnis brandneu - heute ist sie noch immer aktuell: In vielen Branchen krempeln kreative Zerstörer den Markt um, weil Platzhirsche sich zu lange auf ihrem Erfolg ausgeruht haben. Beispielsweise verlieren Reisebüros und Hotels Marktanteile, weil Anbieter wie Airbnb oder 9Flats Privatunterkünfte über eine Internetplattform vermitteln. Der Fotopionier Kodak musste Insolvenz anmelden, weil er den Trend zur Digitalfotografie verschlief und anderen das Feld überließ.

Schumpeter hatte ein bewegtes Leben: Der Österreicher forschte in Berlin, Oxford und Cambridge, arbeitete als Anwalt in Kairo, lehrte an der Columbia- und der Harvard-Universität sowie in Bonn. Außerdem arbeitete er als Banker und war politisch aktiv. Während all seiner beruflichen Erfolge suchte er stets auch Anerkennung im Privaten und lebte seine Leidenschaft für Frauen, Vornehmheit und Verschwendung aus. Zudem neigte er zu Depressionen.

Profil

Gesellschaftlicher Aufstieg

Geboren wurde Schumpeter 1883 in Triesch (Mähren) in der österreichischen Reichshälfte von Österreich Ungarn als Sohn eines Tuchfabrikanten. Nach dem frühen Tod des Vaters heiratete seine Mutter einen Leutnant der k. u. k. Armee und stieg so gesellschaftlich auf.

Wissenschaftliche Karriere

Der Hochbegabte studierte Jura in Wien und forschte in Deutschland und Großbritannien. In Kairo arbeitete er am Internationalen Gerichtshof, später lehrte er in Österreich als Professor. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er als Banker, 1932 nahm er einen Ruf der Harvard University an. Schumpeter war dreimal verheiratet. Er starb 1950 in den USA.

1939 legte der Wissenschaftler sein wie er meinte wichtigstes Werk vor: "Konjunkturzyklen". Darin erläuterte Schumpeter seine Auffassung des kapitalistischen Wirtschaftsprozesses neu, insbesondere das Zusammenspiel der Zyklen. Zu seinem Bedauern stand seine Arbeit im Schatten der "Allgemeinen Theorie", die sein Zeitgenosse, der Brite John Maynard Keynes, drei Jahre zuvor veröffentlicht hatte. Schumpeter war bitter enttäuscht. Es wäre ihm wohl ein Trost gewesen, hätte er gewusst, dass er daran heute längst nicht mehr gemessen wird.

Vorbilder und Anhänger

Karl Marx: Schumpeter hat Marx' Leistungen stärker gewürdigt, als es unter den Ökonomen des 20. Jahrhunderts üblich war. Er gilt als "kritischer Bewunderer". Während für Marx der Unternehmer aber ein parasitärer Kapitalist war, nannte Schumpeter ihn einen "Industriekapitän".

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Paul Samuelson: Der Träger des Wirtschaftsnobelpreises von 1970 war ein Schüler Schumpeters. Als er seine Dissertation 1941 selbstbewusst an der Harvard University vor seinem renommierten Lehrer sowie dem nicht minder angesehenen Wassily Leontief verteidigte, soll der beeindruckte Schumpeter seinen Kollegen gefragt haben: "Wassily, haben wir jetzt bestanden?"

Clayton Christensen hat gewissermaßen fortgeführt, wovon Schumpeter gut 80 Jahre zuvor erstmals schrieb. In seinem Buch "The Innovator's Dilemma" stellte der Harvard-Professor 1997 den Begriff der disruptiven Innovation  vor. Demnach sind es häufig neue Anbieter oder Seiteneinsteiger einer Branche, die einen Markt mit bahnbrechenden Neuheiten revolutionieren - nicht etablierte Konzerne.

Ziele und Visionen

Während des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte Schumpeter mit "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" sein letztes Buch zu Lebzeiten. Es ist sein bekanntestes geworden; ein Klassiker der politischen Ökonomie und ein Bestseller, der sich noch heute in immer neuen Auflagen verkauft. Kern des Werks ist die Analyse des Kapitalismus  - verbunden mit der Vorhersage seines Endes. Nicht die wirtschaftlichen Fehlschläge und auch nicht gewaltsame Revolutionen nahm Schumpeter als Grund an, sondern paradoxerweise die Erfolge des Kapitalismus, die Bedingungen schaffen, unter denen das System nicht überleben kann. Dass Schumpeter in diesem Punkt unrecht behalten sollte, hängt wohl damit zusammen, dass er die Reformfähigkeit des Kapitalismus unter- und die Funktionsfähigkeit des Sozialismus überschätzte.

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Während der Kriegsjahre baute Schumpeter gesundheitlich ab, er wurde pflegebedürftig. Trotzdem begann er noch mit der Arbeit an seiner "Geschichte der ökonomischen Analyse", die aber erst seine Witwe 1954 herausgeben konnte. © 2013 Harvard Business Manager

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