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Die Chatgruppen waren klar unterlegen

Marina Schröder ist Professorin an der Universität Hannover. Sie forscht experimentell zu Innovationen und Kreativität.
aus Harvard Business manager 9/2020
Foto: Finn Winkler

Wenn mehr Menschen zu Hause arbeiten: Was heißt das für die Sinnhaftigkeit der Arbeit, Wohnungen, Stadtplanung, Möbel, Innovation und Mieten? In unserem Schwerpunkt "Das Büro der Zukunft" antworten Expertinnen und Experten auf diese Fragen.

Wie gut erledigen Menschen ihre Arbeit dezentral? Um das herauszufinden, haben Wissenschaftler der Leibniz-Universität Hannover und der Universität zu Köln 264 Freiwillige in 88 Gruppen zu jeweils drei Teilnehmern eingeteilt. Alle erhielten ein Honorar, dessen Höhe von der Bewertung der Leistung abhing, und alle erhielten dieselbe Aufgabe: Sie sollten binnen einer halben Stunde selbst gewählte Begriffe durch standardisierte grafische Elemente darstellen – möglichst plausibel und zugleich originell. Die Ergebnisse überraschten die Wissenschaftler.

Die erste Kohorte arbeitet zusammen an einem Arbeitstisch. Die zweite sollte dieselbe Aufgabe in einer Videokonferenz lösen. Die dritte Kohorte hatte statt der digitalen Bildübertragung nur ein Chatprogramm zur Koordination der gemeinsamen Arbeit.

Die Kompetenzen wurden in den Dreiergruppen klar zugeteilt: Ein Teilnehmer konnte die grafischen Elemente verschieben, der zweite durfte sie drehen, der dritte deren Größe verändern.

Die Ergebnisse wurden nach drei Qualitäten bewertet: zunächst nach dem Innovationsgrad, also dem Ausmaß der Neuerung im Vergleich zu den Ergebnissen vorausgegangener Studien. Dann nach der Nützlichkeit der gewählten Begriffe und deren Darstellung. Schließlich ging es auch um die Ästhetik, die Gestaltung des gewählten Bildes.

Am besten abgeschnitten hatten die Gruppen jener Teilnehmer, die ihre Arbeit an einem Arbeitstisch verrichten konnten. Fast genauso gut, also ohne statistisch signifikanten Abstand zu den Präsenzgruppen, schnitten die Teilnehmer der Videokonferenzen ab. Die mit Abstand geringsten Punktzahlen konnten die Chatgruppen auf sich vereinen.

Die Ergebnisse zeigen, dass das Homeoffice einem Arbeiten im Büro nicht unterlegen sein muss – vorausgesetzt, die digitalen Kommunikationskanäle liefern Bild und Ton vom Gegenüber ohne maßgebliche Verzerrung. Ein schriftlicher Austausch wie beim Chatten reicht hingegen nicht aus für das Erledigen abstrakter Aufgaben. Chats sind sicher hilfreich bei anderen Kommunikationsformen und -zwecken. Bei der Kollaboration über größere Distanzen erreichen sie jedoch eine geringere Kreativität.

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Noch können wir die Ergebnisse unseres Experiments nicht umfassend begründen. Wir müssen weiter forschen, zum Beispiel dazu, was genau das Chatten schlechter abschneiden lässt als die Videokonferenzen und wodurch diese beim Ergebnis so nah an die Präsenzgruppen heranrücken. Ist es der Abstraktionsaufwand beim Verschriftlichen? Ist es das Fehlen von Gestik und Mimik, die distanzierte Atmosphäre beim Blick auf die Benutzeroberfläche des Chatprogramms statt in die Gesichter der Mitstreiter? Stecken Einsatzfreude und Ideenreichtum nur an, wenn man einander dabei sieht und hört? Wir sind gespannt auf die Ergebnisse.

Protokoll: Michael O. R. Kröher

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2020 des Harvard Business manager.

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