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Neurowissenschaften Das Gehirn bei der Arbeit

Die erste Welle der Hirnforschung lieferte vor einigen Jahren mehr Fiktion als Fakten. Nun liegen neue, für Manager hilfreiche Erkenntnisse vor. Ein Zwischenbericht.
aus Harvard Business manager 12/2013

Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

Als Apple-Fans 2011 Schlange standen, um das neue iPhone zu kaufen, erschien in der "New York Times" ein Kommentar mit der Überschrift: "Sie lieben ihr iPhone - im wahrsten Sinne des Wortes." Der Kommentar bezog sich auf ein nicht veröffentlichtes Experiment, bei dem der Autor Hirnscans an 16 Leuten durchgeführt hatte, während sie sich Ton- und Videoaufnahmen von klingelnden und vibrierenden iPhones anhörten und ansahen.

Die Scans zeigten Aktivität im insulären Kortex - eine Hirnregion, die aktiv wird, wenn jemand das Gefühl von Liebe verspürt. "Das Gehirn der Probanden reagierte genauso, wie es auf die Anwesenheit oder die Nähe des Freundes oder der Freundin oder eines Angehörigen reagieren würde", schrieb der Autor: "Sie liebten ihre iPhones."

Etliche Dutzend Neurowissenschaftler unterzeichneten einen Brief an die "Times", der den Artikel verurteilte und in dem sie darauf hinwiesen, dass bei einem Drittel aller bildgebenden Studien des Gehirns Aktivität im insulären Kortex verzeichnet würde. Er wird aktiv, wenn Menschen Temperaturschwankungen wahrnehmen und sogar dann, wenn sie nur atmen. So hatte die "Times" selbst im Jahr 2007 einen Kommentar veröffentlicht, in dem erklärt wurde, dass gerade diese Hirnregion beteiligt ist, wenn Menschen das Gegenteil von Liebe empfinden. Unter dem Titel "Das meint Ihr Hirn zur Politik" stellte der Artikel einen Zusammenhang zwischen gesteigerter Aktivität im insulären Kortex und dem Gefühl von Abscheu her; außerdem wurde behauptet, dass bei Männern besonders starke Aktivität zu beobachten sei, wenn sie das Wort "Republikaner" sähen. Wissenschaftler schrieben auch zu diesem Artikel einen Protestbrief.

Diese beiden Anekdoten sind ein Beispiel für das, was Wissenschaftler auch als "Gehirnpornografie" bezeichnen: eine Medienberichterstattung, in der die neurowissenschaftliche Forschung extrem vereinfacht dargestellt wird - was der wachsenden Branche von so genannten Neuroberatern Auftrieb gibt, die sagen, sie könnten die Erfolgsgeheimnisse für Management und Marketing direkt anhand der Reaktionen des menschlichen Gehirns aufdecken. Obwohl das Fazit dieser Artikel fragwürdig ist, stützen sie sich dennoch meist auf Bilder der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT), des wichtigsten Werkzeugs der Neurowissenschaften. Diese Technik gewährt uns Einblicke in den Arbeitsprozess des Gehirns; wir können sehen, wie beim Denken unterschiedliche Hirnareale aktiv werden.

Solche eindrucksvollen Bilder bieten scheinbar simple Erklärungen für komplexe Phänomene. Das Problem aber ist: Die fMRT-Technik zeigt uns nicht unbedingt die Ursachen für die entstandenen Bilder. Außerdem lassen sich das Denken und das Verhalten nicht eins zu eins für bestimmte Hirnregionen abbilden. Wenn man das Gehirn eines Menschen scannt, der sich gerade Werbesendungen anschaut, kann man daraus nicht ableiten, ob er lieber Coca-Cola oder Pepsi trinkt. Genauso wenig kann man nach dem Scannen von den Gehirnen zweier CEOs sagen, wer von beiden die bessere Führungskraft ist. Aktivität in der Insula ist noch kein Beweis dafür, dass man für sein Smartphone dieselben Gefühle hegt wie für seine Mutter.

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Um wirklich zu verstehen, welchen Einfluss neurologische Prozesse auf Management, Unternehmensführung und Marketing haben, müssen wir zwischen Fakten und Fiktion unterscheiden, allzu einfachen Erklärungen misstrauen und die Neurowissenschaft insgesamt von einer anderen Warte aus betrachten.

Und genau das findet in jüngster Zeit vielerorts statt. Eine Reihe von Faktoren - technische Fortschritte in der fMRT-Technik, neue Verfahren der angewandten Statistik und auch Präsident Obamas Ankündigung einer Initiative zur Kartierung des Gehirns - hat dazu geführt, dass Neurowissenschaftler einen neuen und besseren Bezugsrahmen für ihre Disziplin nutzen. Der Fokus der Forschung hat sich verschoben: Statt die Aktivierung einzelner Hirnregionen zu beobachten, versucht man zu verstehen, auf welche Weise Netzwerke der Hirnregionen zusammenwirken. Das ist ungefähr so, als würde man bei der Verbrechensaufklärung dazu übergehen, die Videoaufnahmen mehrerer an verschiedenen Stellen installierten Überwachungskameras auszuwerten, statt sich auf die Bilder nur einer einzelnen Kamera zu stützen.

Kompakt

Neue Forschung

Ein Großteil dessen, was zum Thema Neurowissenschaft geschrieben wird – ganz besonders über Hirnregionen, die "aufleuchten", und was das angeblich aussagt –, vereinfacht die Funktionsweise des Gehirns grob und ist deshalb unbrauchbar. Technische Fortschritte und neue Verfahren helfen dabei, ein exakteres und aussagekräftigeres Modell der Neurowissenschaft zu entwickeln. Statt nur die Aktivität einzelner Hirnregionen zu studieren, untersucht man mit diesem Modell, wie die Netzwerke verschiedener Hirnregionen zusammenarbeiten.

Der Nutzen

Die Wissenschaftler verstehen jetzt besser, was sich im Hirn abspielt, zum Beispiel beim kreativen Denken, bei Entscheidungsprozessen, beim Multitasking und beim Streben nach Belohnung. Die jüngsten Forschungserkenntnisse zeigen uns, dass wir uns von den gängigen Vorstellungen, die wir von solchen Tätigkeiten haben, verabschieden müssen.

Die neuen Verfahren und der neue Ansatz haben uns schon jetzt einen tieferen Einblick in die Biologie unseres Geistes und in die für Manager entscheidenden Funktionsweisen des Gehirns verschafft - darunter fallen Fragen nach

  • der Förderung des kreativen Denkens,

  • geeigneten Belohnungsstrukturen,

  • der Rolle von Emotionen in Entscheidungsprozessen und

  • den Vor- und Nachteilen des Multitaskings.

Der Netzwerkansatz ist nicht annähernd so sexy wie die zurzeit gängige, populäre Auffassung von Neurowissenschaft. Gute Neurowissenschaft, die auf dem Netzwerkansatz gründet, ist weitaus komplexer und unordentlicher.

Wir wissen, dass etliche Neurowissenschaftler den hier von uns aufgestellten Behauptungen widersprechen dürften; die Wissenschaft ist so neu, dass vieles noch sehr umstritten ist, und neue Forschungsergebnisse erweitern unser Wissen nahezu stündlich. Trotzdem glauben wir, dass wir in der Lage sind, einen Zwischenbericht über die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse aus den letzten 15 Jahren zu liefern, die mittlerweile empirisch bestätigt sind.

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