Zur Ausgabe
Artikel 20 / 32
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Vordenker-Serie: Henry Mintzberg Erforscher der Manager

Als Henry Mintzberg in den 60er Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) studierte, wurden Managementvorlesungen nicht einmal angeboten. Daher machte sich der Kanadier selbst daran, das Wesen der Manager zu untersuchen. Das Thema hat den Wissenschaftler bis heute nicht losgelassen.
aus Harvard Business manager 1/2012
Foto:

McGill University / youtube

Werk und Wirkung

Mintzberg: "Herr R., wir haben kurz über Ihr Unternehmen gesprochen. Wollen Sie uns jetzt bitte sagen, was Sie tun?"

Herr R.: "Was ich tue?"

Mintzberg: "Ja."

Herr R.: "Das ist nicht einfach."

Mintzberg: "Ich bitte Sie dennoch darum."

Herr R.: "Als President bin ich natürlich für viele Dinge verantwortlich."

Mintzberg: "Das ist mir bewusst. Aber was genau tun Sie?"

Herr R.: "Nun ja, ich muss schauen, dass die Dinge laufen."

Um ihren Beruf besser zu verstehen, hat Henry Mintzberg 29 Manager aus unterschiedlichen Bereichen jeweils einen Tag lang begleitet. Er schaute dem CEO der Royal Bank of Canada über die Schulter, er begleitete einen Greenpeace-Direktor genauso wie einen Orchesterdirigenten und den Chef der berittenen kanadischen Polizei.

Lead Forward

Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte

Antonia Götsch, Chefredakteurin des Harvard Business managers, teilt Wissen aus den besten Managementhochschulen der Welt und ihre eigenen Erfahrungen mit Ihnen. Einmal die Woche direkt in Ihr E-Mail-Postfach. 

Jetzt bestellen

Die Ergebnisse hat er in dem Buch "Managen", das 2010 auf den Markt kam, dokumentiert. "Es ist an der Zeit sich einzugestehen, dass Management weder eine Wissenschaft noch ein Beruf im klassischen Sinne ist", schreibt der Professor. "Es ist eine praktische, situationsgebundene Tätigkeit, die vorrangig von der Erfahrung lebt."

Lebenswerk

Für Mintzberg schließt sich mit diesem Werk der Kreis. Schon 1973 hat er das Thema erstmalig behandelt. Im Zuge seiner Dissertation entstand das Buch "The Nature of Managerial Work". Damals war seine Motivation zu verstehen, was sein Vater, der Leiter eines kleinen Produktionsunternehmens, den ganzen Tag im Büro tat. Für das aktuelle Buch trieb ihn die Frage an, so schreibt er im Vorwort, was seine Frau als Führungskraft in der Telekommunikationsbranche den ganzen Tag tut.

Der mit vielen Ehrentiteln bedachte Mintzberg ist ein eifriger Schreiber. 16 Bücher hat er verfasst, mehr als 150 Aufsätze und Artikel veröffentlicht. In vielen Werken ist und bleibt Mintzbergs wesentlicher Punkt: Unternehmen sollten dem "Management" mehr Gewicht beimessen. "Managen ist eine Tätigkeit, die jeden angeht, der davon betroffen ist, und das ist in unserer durchorganisierten Welt so gut wie jeder von uns." Es gehe darum, die Prinzipien des Managens besser zu verstehen, damit sich auch die Praxis verbessert.

Henry Mintzberg und Peter Drucker

Schon Peter Drucker hatte sich mit dieser Frage in den 50er Jahren beschäftigt. Später ist sie durch die Dominanz des Führungsthemas in Druckers Werk in den Hintergrund geraten. Mintzberg macht keinen Hehl daraus, dass ihm die fast allgegenwärtige Betonung von Führungskompetenz missfällt.

"Heute ertrinken wir in Geschichten von den großen Erfolgen und noch größeren Niederlagen bekannter Führungspersönlichkeiten. Aber wir wissen herzlich wenig über die simplen Alltagsprobleme eines gewöhnlichen Managers. Indem wir das Führungsprinzip hochhalten, halten wir alle Beteiligten unten", betont der Wissenschaftler.

Denn wo es einen "Führer" gibt, müssen auch Scharen von Gefolgsleuten da sein, die zur Leistung angetrieben werden. Erfolgreiches Management ist hingegen dadurch gekennzeichnet, dass es Engagement erzeugt und selbst engagiert ist. Die Liste die Eigenschaften, die ein guter Manager laut Mintzberg aufweist, ist lang. Die wesentlichen sieben lauten wie folgt: Er ist entschlossen und aufrichtig, reflektierend und einfühlsam, inspirierend und engagiert und - ganz wichtig - eingebunden in den betrieblichen Alltag.

Schlechte Beispiele

Robert McNamara

Mintzberg nennt den ersten familienfremden Chef des Autobauers Ford , der während des Vietnam-Krieges Verteidigungsminister der USA war und später Weltbank-Chef, einen Zahlenmanager. Der inzwischen verstorbene Berkeley-Absolvent war ein Analytiker und stützte sich lieber auf Ergebnisse und Studien, als die Einschätzung von Mitarbeitern oder gar Kunden zu hören. Er gehörte zu den Topabsolventen des MBA-Kurses an der Harvard Business School (HBS) - dennoch sei er ein "Lousy Leader" gewesen, eine schwache Führungspersönlichkeit, meint Mintzberg.

Jeffrey Skilling,

den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des Energiekonzerns Enron, nennt Mintzberg ebenfalls einen Lousy Leader. Auch Skilling brillierte in den MBA-Kursen der HBS und glänzte als hervorragender Analytiker. Wie viele MBA-Absolventen sei er schlagfertig gewesen und manchmal unbedacht - mit der Einstellung, das Management solle dem eigenen Vorteil gereichen. Skilling wurde wegen Betrugsgeschäften bei Enron zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Ziele und Visionen

Soziale Wesen

Als die Weltwirtschaft 2008 unter den Auswirkungen der Finanzkrise  litt, zog Mintzberg eine ungewöhnliche Schlussfolgerung: Der Verlust des inneren Zusammenhalts in vielen Organisationen sei schuld daran gewesen. Die Ursache liegt seiner Meinung nach darin, dass der Position des CEOs vielerorts ein übertrieben hoher Stellenwert beigemessen wird, während die Beschäftigten zu austauschbaren Figuren herabgewürdigt werden. Dabei seien wir alle soziale Wesen, die sich ohne ein übergeordnetes Sozialgefüge nicht effektiv entfalten können. Dass dieses Gefühl weitestgehend verloren gegangen ist, erklärt der Professor mit unserer hektischen, individualistisch geprägten Welt.

Vordenker der Ökonomie, Management-Theorie und Psychologie

Clayton Christensen und seine disruptive Innovation, die "Five Forces" von Michael Porter und die Management-Tipps von Linda Hill – die Ideen und Konzepte zahlreicher Vordenkerinnen und Vordenker haben die Management-Theorien geprägt. Lesen Sie hier die wichtigsten Ideen und Beiträge von Vordenkern wie Joseph Schumpeter, John P. Kotter, Peter Drucker und Herminia Ibarra.

Zur Übersicht

Um wieder mehr Gemeinschaft zu erzeugen, sollte das Topmanagement mit gutem Beispiel vorangehen: keine unverschämt hohen Vergütungspakete verlangen, die Verherrlichung von Topmanagern unterbinden und Respekt für alle Mitarbeiter aufbringen. Das geht zweifellos nicht von heute auf morgen, dafür ist eine Kulturveränderung vonnöten. Paradebeispiele sind laut Mintzberg etwa Google , Toyota  oder das Trickfilmstudio Pixar, das zu Walt Disney gehört.


Zur Ausgabe
Artikel 20 / 32
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.