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Vordenker-Serie: Hans Ulrich Vater des Systemdenkens

In den 60er Jahren stellte der Schweizer Professor Hans Ulrich die klassische Betriebswirtschaftslehre infrage. Er forderte dazu auf, in Systemen zu denken. Sein St. Galler Management-Modell hat viele Führungskräfte und Berater beeinflusst.
aus Harvard Business manager 11/2011
Das Gebäude der Bibliothek der HSG Universität St. Gallen.

Das Gebäude der Bibliothek der HSG Universität St. Gallen.

Foto: imagebroker / IMAGO

Werk und Wirkung

Sein Plan war es, eine Hochschule zu reformieren - am Ende hat er mit seinem Ansatz eine ganze Zunft zum Umdenken gebracht. "In welchem Geschäft befinden wir uns wirklich?", fragte der St. Galler Professor Hans Martin Ulrich Mitte der 60er Jahre.

Die Frage war zwar nicht brandneu, Peter Drucker hatte sie in den USA  ein paar Jahre zuvor sinngemäß formuliert, dennoch wurde sie in der hiesigen Wirtschaft fast nie gestellt. Für eine akademische Institution war der Blick auf Wettbewerber und Kunden geradezu revolutionär; zumal St. Gallen mit seinen rund 1100 Studenten damals eine eher beschauliche Hochschule war.

Profil

Studium

Hans Martin Ulrich wurde 1919 als Sohn eines Beamten geboren. Er begann ein Ingenieursstudium an der ETH in Zürich, brach es aber ab, weil er sich mehr zu Menschen als zu Maschinen hingezogen fühlte. Er studierte Wirtschaftswissenschaft, arbeitete eine Weile in der Industrie und habilitierte sich 1947 in Bern mit einer Arbeit, die unter dem Titel "Betriebswirtschaftliche Organisationslehre" erschien und ihm breite akademische Anerkennung einbrachte.

Lehre

Ulrich erhielt 1954 eine Professur an der Handelshochschule St. Gallen, der er bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 1985 treu blieb. Er gründete das Institut für Betriebswirtschaft und initiierte das Management Zentrum St. Gallen. Der Wissenschaftler starb im Dezember 1997.

Eine neue Lehre

Als Antwort auf seine Frage kam der Professor zu dem Schluss, nicht bloß Betriebswirte ausbilden zu wollen - egal wie gut die Ausbildung auch sein mochte -, ihm schwebte eine echte Verbesserung vor, denn sein Ziel war, die Studenten auf ihre verantwortungsvolle Rolle in den Unternehmen vorzubereiten. Er wollte Führungskräfte ausbilden - mithilfe einer "systemorientierten Managementlehre".

Damit legte er den Grundstein für eine Managementlehre an europäischen Hochschulen. Heute, fast 50 Jahre später, ist Wissenschaftlern wie Praktikern der Begriff des Managers geläufig. Der Einfluss der US-amerikanischen Hochschulen und Unternehmen ist allgegenwärtig. Damals war das noch anders. Es waren Betriebswirte oder Kaufleute, die die Betriebe beherrschten.

Knut Bleicher, emeritierter Professor in St. Gallen, beschrieb die Pionierarbeit seines Vorgängers einmal wie folgt: "Für mich war der theoretische Ansatz von Hans Ulrich faszinierend und entscheidend: Er forderte die Abwendung von der traditionellen Betrachtungsweise und die Hinwendung zu einer modernen Managementlehre.

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Die Unternehmen nicht nur als Angebots- und Nachfragefaktor zu betrachten ist ein Quantensprung der Entwicklung für eine Lehre vom Management." Mit seinem 1968 erschienenen Hauptwerk "Die Unternehmung als produktives soziales System" schrieb Hans Ulrich die neue Richtung in der betriebswirtschaftlichen Forschung und Lehre fest, die sich deutlich von der klassischen BWL abgrenzt.

Die Idee, in Systemen zu denken, entwickelte er aus der Systemtheorie und der Kybernetik, was so viel wie Steuermannskunst bedeutet: Danach sind Firmen keine bloßen Wirtschaftssubjekte, sondern Institutionen, die dynamisch agieren und in eine vielschichtige Umwelt eingebunden sind. Chefs sind keine Verwalter, sondern Problemlöser.

Das Ganze bedenken

In der heutigen Zeit der Globalisierung und Digitalisierung, in der Komplexität und Interdependenzen stetig zunehmen, ist der Ansatz des inzwischen verstorbenen Schweizers aktueller denn je: Kein Manager kann mehr isoliert einzelne Größen beeinflussen und muss daher die Rückwirkung seines Handelns auf das Ganze bedenken. Das Denken in Systemen - oder in Ganzheiten, wie Ulrich es nannte - ist unerlässlich.

Das 1972 von Ulrich und seinem Kollegen Walter Krieg veröffentlichte St. Galler Management-Modell beschreibt diesen Ansatz, der an der Hochschule stetig weiterentwickelt wurde und dessen Inhalte von Unternehmen und Beratern weit über die Schweiz  hinaus angewandt werden. Durch Ulrichs Arbeit hat die Handelshochschule St. Gallen, wie sie damals hieß, an Renommee gewonnen. Heute gilt die Universität samt der St. Galler Business School als eine der besten Managementschmieden in Europa.

Anhänger und Nachfolger

Knut Bleicher trat in Ulrichs Fußstapfen. Nach Studium und Habilitation an der FU Berlin und Professur in Gießen wechselte er 1984 an die Universität St. Gallen. 2002 wurde er Direktor der Gesellschaft für Integriertes Management, 2003 bis 2008 wirkte er als wissenschaftlicher Leiter der Business School in St. Gallen. Er starb 2017.

Walter Krieg entwickelte zusammen mit Ulrich das St. Galler Management-Modell. Heute ist der emeritierte Titularprofessor selbstständiger Unternehmensberater. Er sitzt im Verwaltungsrat von Malik Management.

Fredmund Malik gehörte zu Ulrichs Mitarbeitern: Der gebürtige Österreicher promovierte und habilitierte bei ihm, später war er für das Management Zentrum St. Gallen (MZSG) tätig, das Ulrich initiiert hatte. 1977 übernahm Malik die Leitung des MZSG, das er 1984 nach einem Management-Buy-out als private Einheit weiterführte. Seit 2009 firmiert das MZSG unter Malik Management. "Was immer ich von Management zu verstehen glaube", sagt Malik, "habe ich in hohem Maße Hans Ulrich zu verdanken."

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Weiterentwicklung

Zahlreiche Wissenschaftler führen das Werk von Hans Ulrich fort.

Knut Bleicher ergänzte das Management-Modell bis 1991, indem er unter anderem Führung in drei Ebenen einteilte: das normative, strategische und operative Management.

Johannes Rüegg-Stürm baute darauf auf und veröffentlichte 2002 "Das neue St. Galler Management-Modell".

Ulrichs Studenten Gilbert Probst und Peter Gomez  entwickelten eine Methodik, die sie vernetztes Denken nannten und die Unternehmen beim Analysieren von Systemen helfen soll: Dabei stellen Projektteams Abhängigkeiten und Zusammenhänge innerhalb eines Netzwerks als Diagramm dar. Daraus ergibt sich ein Prognoseinstrument, das Firmen als Frühwarnsystem nutzen.

Der inzwischen verstorbene Biochemiker Frederic Vester, der Ende der 80er Jahre Gastprofessor in St. Gallen war, ersann das sogenannte Sensitivitätsmodell, mit dem Netzwerke analysiert und begreifbar gemacht werden können. So können zum Beispiel mithilfe einer Software die Arbeitsschritte bei der Planung von Großveranstaltungen dargestellt werden. © 2011 Harvard Business Manager

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