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Fredmund Malik Der Systemiker aus St. Gallen

Mit der systemorientierten Managementlehre begann die akademische Laufbahn von Fredmund Malik an der Universität St. Gallen. Bis heute hat er sie weiterentwickelt und berät nach ihren Grundlagen Unternehmen und Institutionen in aller Welt. Ein ständiger Begleiter sind dabei Wissenschaften, von denen BWLer sonst eher selten reden: Kybernetik und Bionik.
aus Harvard Business manager 3/2013
Foto: imago stock&people

Werk und Wirkung

Fredmund Malik spricht viel von einer großen Transformation; vom Übergang der Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme aus einer alten in eine neue Welt; vom grundlegenden Wandel - und der notwendigen Revolutionierung des Managements. Hier sieht Malik das Industriezeitalter - dort eine Ära, deren Rahmenbedingungen Organisationen und Gesellschaften vor völlig neue Herausforderungen stellen, sei es aufgrund neuer Technologien, der Globalisierung oder dem Zusammenstreben von Bereichen, die bislang noch getrennt waren.

Nach Maliks Worten befinden wir uns mitten in dieser neuen Ära. Er nennt sie die Komplexitätsgesellschaft. Und er will ihr nicht bloß mit Erkenntnissen aus der BWL begegnen, sondern mithilfe der sogenannten Komplexitätswissenschaften Systemik, Kybernetik und Bionik: "Meine Systeme sind das Äquivalent von Computerbetriebssystemen für das Funktionieren von Organisationen. Sie sorgen für eine gemeinsame Sprache, gemeinsames Verständnis und kohärentes Handeln."

Der Chef des Beratungsunternehmens Malik Management Zentrum St. Gallen veröffentlicht Bücher und Aufsätze, um das Publikum für seine Thesen zu gewinnen. Leicht zugänglich sind seine Erkenntnisse nicht immer.

Als er vor einigen Jahren zu Gast in der Talkshow "Maybrit Illner" war, sagte er Sätze wie: "Wir müssen lernen, dass wir nicht Herren der Systeme sind" und "Das Wissen in den Unternehmen liegt zwischen den Abteilungen - ganz im Sinne des kybernetischen Funktionierens". Damals hinterließ er manchen Zuschauer ratlos.

Doch Malik hat mannigfach bewiesen, dass er ein herausragender Managementlehrer und Kenner der Praxis ist. Das "Handelsblatt" nennt ihn einen Guru, das Magazin "Business Week" spricht von einem der einflussreichsten Vordenker in Europa.

Lehrer und Berater

Seit Jahrzehnten prägt Malik die Diskussion um die Entwicklung der Managementlehre. Früh lehnte er den Shareholder-Value-Ansatz ab, weil sich gelungene Unternehmensführung am Kunden orientieren müsse; dann komme sie dem Aktionär automatisch zugute. Er hat die Finanz- und Wirtschaftskrise bereits in den 90er-Jahren heraufziehen sehen und gewarnt.

Während seines Studiums arbeitete der gebürtige Österreicher eng mit Hans Ulrich zusammen, dem Begründer der Systemorientierten St. Galler Managementlehre. Später entwickelte Malik sie weiter und übernahm Mitte der 80er-Jahre das von Ulrich ins Leben gerufene Management Zentrum St. Gallen im Rahmen eines Management-Buy-outs. Er beschäftigte weltweit 200 Mitarbeiter, mit denen er Manager berät, damit sie die Auswirkungen der Komplexität bewältigen können.

Manchen Kunden, der erwartet, vom Chef persönlich betreut zu werden, muss er freilich enttäuschen: "Unsere Organisation bewährt sich sehr gut auf eigenen Beinen. Im Übrigen", fügt er hinzu, "funktioniert Siemens ja auch ohne Herrn Siemens."

Ans Aufhören dachte er lange nicht: "Ich halte nichts vom Ruhestand, der das Arbeitsleben wie durch eine Guillotine beendet. Diese Altersgrenze ist in einer Welt entstanden, die von manuellen Berufen dominiert war", sagt Malik. In Wissensberufen sei eine große Erfahrung viel eher von Vorteil.

Freunde und Vorbilder

Stafford Beer war ein britischer Betriebswirt und gilt als Begründer der Managementkybernetik. Dahinter verbirgt sich die konkrete Anwendung kybernetischer Grundlagen auf sämtliche Formen komplexer menschlicher Systeme, also auch Organisationen. Malik nennt den 2002 verstorbenen Beer einen Pionier, auf dessen Arbeit er aufbauen konnte.

Peter Drucker wird von Malik als Denker gewürdigt, der die Bedeutung von Management für die Gesellschaft als Erster erkannt und Management lehr- und erlernbar gemacht habe. Die beiden gebürtigen Österreicher hatten sich über Jahre intensiv ausgetauscht. Der 2005 verstorbene Drucker inspirierte schon Maliks Doktorvater Hans Ulrich.

Helmut Maucher hat sein Berufsleben beim Schweizer Konsumgüterhersteller Nestlé verbracht, davon zehn Jahre als Präsident des Verwaltungsrats. Malik lobt den Managementstil des Mittachtzigers, der auf langfristig orientierten Überlegungen basiert. 2012 haben sie das Buch "Maucher und Malik über Management" herausgebracht.

Vordenker der Ökonomie, Management-Theorie und Psychologie

Clayton Christensen und seine disruptive Innovation, die "Five Forces" von Michael Porter und die Management-Tipps von Linda Hill – die Ideen und Konzepte zahlreicher Vordenkerinnen und Vordenker haben die Management-Theorien geprägt. Lesen Sie hier die wichtigsten Ideen und Beiträge von Vordenkern wie Joseph Schumpeter, John P. Kotter, Peter Drucker und Herminia Ibarra.

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Ziele und Visionen

Unternehmen, Organisationen oder ganze Bereiche auf das neue Zeitalter vorzubereiten, so lautet Maliks Vision. Und damit möchte er an der Stelle weitermachen, an der er bereits tätig ist. Er berät Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, Kliniken, Bildungsinstitutionen oder Finanzinstitute und -systeme bis hin zu Städten, Ländern oder Staatenbünden.

Beispielsweise, so erzählt Malik, arbeitet er an der Neuordnung eines akademischen Systems in China mit: Dabei geht es um ganzheitliches und vernetztes Denken und die Integration von verschiedenen Disziplinen. Weil Probleme nicht mehr von Spezialisten allein gelöst werden können, sondern immer Querdenker benötigt werden.

Im Zentrum dieses neuen Systems muss laut Malik die Frage stehen: Wie bringt man Talent in Ergebnisse? Soll heißen: Exzellente wissenschaftliche Erkenntnisse müssen auch in der Praxis angewendet werden.

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