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Corona-Impfung Das Misstrauen überwinden - wie Unternehmen helfen können

Die Corona-Pandemie kann nur eingedämmt werden, wenn sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Unternehmen müssen sich dafür einsetzen, damit am Ende nicht die Impfgegner gewinnen.
aus Harvard Business manager 11/2020
Kaum Akzeptanz: Impfgegner demonstrieren Anfang August in Berlin

Kaum Akzeptanz: Impfgegner demonstrieren Anfang August in Berlin

Foto: Lutz Jaekel / laif

Managerinnen und Manager sollten eine zentrale Rolle einnehmen, wenn es darum geht, das öffentliche Vertrauen in Impfstoffe aufzubauen. Denn selbst sichere und wirksame Impfstoffe schützen die Bevölkerung nur, wenn genug Menschen geimpft sind.

Autoren

Rebecca Weintraub
ist Fakultätsmitglied an der Harvard Medical School und Managing Director der Draper Richards Kaplan Foundation, die Sozialunternehmen unterstützt.

Julie Rosenberg
ist Assistant Director bei Ariadne Labs in Boston, einem Projekt für Innovationen in der Gesundheitsbranche.

Kenneth Rabin
ist leitender Wissenschaftler an der School of Public Health der City University of New York sowie Forscher am Vaccine Confidence Project der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

Scott C. Ratzan
ist Dozent an der Graduate School of Public Health der City University of New York. Er ist Chefredakteur des "Journal of Health Communication" und Co-Projektleiter der Convince-Initiative.

Schon heute gibt es ausreichend Daten, die darauf hindeuten, dass viele – angestachelt von Impfgegnern – eine Impfung ablehnen werden. In den USA sagt ein Drittel der Menschen, dass sie sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen werden, selbst wenn es wenig oder gar nichts kosten würde. Ein ähnliches Stimmungsbild lässt zeigt sich in Großbritannien, Frankreich und anderen Ländern.

Herdenimmunität, mit der eine Pandemie eingedämmt werden kann, lässt sich nur aufbauen, wenn ausreichend viele Menschen geimpft sind und es ein Grundvertrauen in der Gesellschaft gibt. Laut Experten müssen wir dafür die Gesundheitskompetenz stärken, also die Fähigkeit, grundlegende Informationen zu finden, zu verarbeiten und zu verstehen, um gute Entscheidungen treffen zu können.

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Einige große Arbeitgeber wie Mastercard, Apple  und Google  unterstützen dieses Vorhaben. Sie signalisieren ihren Mitarbeitern, dass eine Rückkehr ins Büro  nur möglich ist, wenn es einen erfolgreichen Impfstoff gegen Covid-19 gibt. Wir fordern andere Unternehmen auf, sich anzuschließen und dafür zu sorgen, Angst, Misstrauen, Falschmeldungen und Unwissenheit zu bekämpfen.

Individuell überzeugen

Aus den Erkenntnissen der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention wissen wir, dass eine Pandemie eine Krise sowohl für die Kommunikation wie für die Medizin ist. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO berücksichtigt, dass Emotionen und Einstellungen beeinflussen, ob sich jemand impfen lässt.

Eine Rolle im Entscheidungsprozess spielen die wahrgenommenen Risiken, Ängste, Misstrauen und Sicherheitsbedenken. Das alles senkt die Motivation zur Impfung und die Akzeptanz der Anlaufstellen, die diese anbieten.

2019 zählte die WHO "Vaccine Hesitancy" – die Unentschlossenheit, sich impfen zu lassen – zu den zehn größten Bedrohungen für die Weltgesundheit. Zudem untersucht das interdisziplinäre Forschungsprojekt Vaccine Confidence Projekt, welche Faktoren zu dieser Zurückhaltung führen. Sie zu überwinden gelingt nur mit maßgeschneiderten Lösungen, die direkt an der Wurzel des Misstrauens ansetzen.

Die Menschen über Corona-Impfstoffe aufzuklären und zu informieren wird noch mehr Anstrengungen erfordern als andere Kampagnen zur Gesundheitskompetenz, weil die Situation so komplex ist. Frühe klinische Studien deuten darauf hin, dass die Impfstoffe der ersten Generation wahrscheinlich nur eine mittlere Wirksamkeit haben werden.

Zudem wird es weltweit in Zukunft mehrere verschiedene Impfstoffe geben. Einige müssen mehrfach verabreicht werden, andere sind vielleicht besser geeignet für bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Entscheidungsträger auf nationaler und regionaler Ebene sollten bereits vor der Zulassung eines Impfstoffs ein Netzwerk von Fürsprechern aufbauen, um vor Ort die Menschen über Risiken, Vorteile, Verteilung, Zielgruppen und Verfügbarkeit zu informieren. Hier kommt die Wirtschaft ins Spiel.

Die größten Arbeitgeber der Welt sollten Informationskampagnen unterstützen – finanziell und mit ihrer Reichweite –, die für Impfungen werben und Gegenstimmen entkräften. Sie sollten jetzt damit loslegen, damit Akzeptanz aufgebaut ist, wenn Impfstoffe die wissenschaftlichen Hürden genommen haben. Akteure aus der Wirtschaft sollten in Technologien investieren, die den Impfgrad in der Bevölkerung messen und überprüfen, also den geschätzten Anteil der Menschen, die bestimmte Impfstoffe erhalten haben.

Einzelne Unternehmen müssen nicht allein handeln. Sie können ihre Kräfte bündeln, indem sie international zusammenarbeiten und Koalitionen bilden. Ein Beispiel ist die Initiative Convince, die mit Regierungen und Nichtregierungsorganisationen kooperiert, um globale, länder- und zielgruppenspezifische Aufklärungskampagnen zu entwickeln, einzuführen und zu evaluieren. (Drei von uns Autoren – Scott C. Ratzan, Rebecca Weintraub und Kenneth Rabin – sind an der Initiative beteiligt.)

Sichere und wirksame Impfstoffe zu entwickeln und sie 2021 breit verfügbar zu machen ist nur die halbe Miete. Die andere Hälfte der Anstrengung wird sein, die Mehrheit der Bevölkerung davon zu überzeugen, sich impfen zu lassen. Das kann nur gelingen, wenn Unternehmen weltweit jetzt damit anfangen, dieses Ziel auf globaler, nationaler und lokaler Ebene zu unterstützen. © HBP 2020

Dieser Artikel erschien in der November-Ausgabe 2020 des Harvard Business manager.

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