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Vordenker-Serie: C. K. Prahalad Konzentration auf den Kern

C. K. Prahalad galt als einer der kreativsten Managementvordenker seiner Generation. In einer Zeit, in der Unternehmer auf Diversifikation und Risikostreuung setzten, empfahl er ihnen, sich auf das Wesentliche zu besinnen - und hatte damit großen Erfolg. Zuletzt widmete sich Prahalad, der im April 2010 starb, intensiv den Herausforderungen der Schwellenländer - und damit auch seiner Heimat Indien.
aus Harvard Business manager 1/2011
Foto:

Eric Miller emiller@iafrica.com / World Economic Forum

Werk und Wirkung

Seinen dunklen Anzug soll Coimbatore Krishnarao Prahalad nur zu Familienfeiern abgelegt haben: Der gebürtige Inder wirkte gesetzt, mit der Aura eines gutmütigen Onkels, wie es ein Reporter einmal formulierte. Er sprach langsam und mit sanfter Stimme. Hinter seinem gediegenen Äußeren verbarg sich allerdings ein äußerst lebendiger und ungewöhnlicher Geist.

Der Professor, der im April 2010 im Alter von 68 Jahren starb, galt als kreativster Managementvordenker seiner Generation. Das US-Magazin "Economist" bescheinigte ihm, dass er gleich zwei große Themen revolutioniert hat: die Unternehmensstrategie sowie die Wirtschaftsentwicklung in Schwellenländern. Zudem leistete Prahalad einen signifikanten Beitrag zu einem dritten Bereich, dem Innovationsmanagement.

Profil

Studierter Physiker

1941 geboren, wuchs Prahalad als Sohn eines Richters im damaligen Madras (heute Chennai) auf. Mit 19 Jahren erwarb er einen Bachelor-Abschluss in Physik und stieg bei Union Carbide in einem Batteriewerk ein.

Promovierter Ökonom

Später machte er einen Abschluss in Unternehmensführung am Indian Institute of Management Ahmedabad und promovierte an der Harvard Business School über Strategie und Organisation multinationaler Konzerne.

Leidenschaftlicher Professor

Er lehrte kurz in Indien, das er auch wegen der harschen Kritik an seinen Ideen zum Welthandel verließ, und wurde Professor an der University of Michigan. 1997 gründete er das Internet-Start-up Praja mit, das scheiterte. Prahalad starb im April 2010 mit 68 Jahren in San Diego, Kalifornien.

Zu seinen Fans gehörten die Chefs von Weltkonzernen wie auch die Leiter von Nichtregierungsorganisationen und die Gründer winziger Start-ups.

Klarer Kundennutzen

Die breite Anerkennung seiner Kollegen erfuhr er mit der Veröffentlichung zweier Beiträge in der "Harvard Business Review": Mit "Strategic Intent" unterstrich er 1989 die Notwendigkeit der strategischen Ausrichtung eines Unternehmens, im Jahr darauf veröffentlichte er seine Untersuchungen zu den Kernkompetenzen ("The Core Competence of the Corporation", deutsch: "Nur Kernkompetenzen sichern das Überleben ").

An den Beispielen Sony und Toyota  zeigte er, dass Unternehmen sich auf das konzentrieren sollten, was der Kern ihres Geschäfts ist. Nur dieser versetzt sie in die Lage, einen klaren Kundennutzen zu liefern. Jede Abweichung bedeutet eine Schwächung der Kräfte. Mit dem Bestseller "Competing for the Future" ("Wettlauf um die Zukunft") stellte Prahalad seine Idee Mitte der 90er Jahre umfassend vor. Alle Werke veröffentlichte er zusammen mit seinem ehemaligen Studenten Gary Hamel. Beiden gelang damit der Sprung in die Elite der hoch bezahlten Redner und Berater.

Schwer kopierbar

Das Konzept der Kernkompetenz leitete einen Paradigmenwechsel ein: Bis in die frühen 80er Jahre setzten viele Manager auf Risikostreuung und Diversifikation. Der Autobauer Volkswagen  übernahm etwa den Büromaschinenhersteller Triumph-Adler - ehemals eine Perle der deutschen Datenverarbeitung, aber ohne jegliche Verbindung zum Autogeschäft. Auch VWs Stuttgarter Konkurrent Daimler-Benz versuchte sich in einer fremden Branche und kaufte 1985 AEG, um einen integrierten Technologiekonzern zu schmieden. Beide Versuche scheiterten bekanntlich, wie unzählige andere auch.

Die Fokussierung auf Kernkompetenzen verlangt viel eher, dass Unternehmen sich von überflüssigen Geschäftsbereichen trennen. Denn Prahalad bestand darauf, dass Unternehmer auf Dauer lediglich in ihrem Kerngeschäft Höchstleistungen erbringen und sich den Zugang zu vielen Märkten verschaffen können. Zugleich werden Betriebe mit einem starken Fokus schwer kopierbar sein.

Umtriebiger Forscher

Unabhängig von seinem Thema: Prahalad war ein rastloser Wissenschaftler. Er veröffentlichte seine Studien fast immer gemeinsam mit Partnern - und er schrieb nie mehr als zwei Aufsätze zu einem Thema. Dies gab seinen Thesen zuweilen den Anschein eines unvollendeten Werks. So hat es ihm auch Kritik eingebracht, dass er seine Idee der Kernkompetenzen nie weiterentwickelte; selbst als so manches japanische Unternehmen, das Prahalad in der 80ern bejubelt hatte, stark ins Straucheln geriet.

Anhänger und Freunde

Gary Hamel

1981 begegneten sich Prahalad und Gary Hamel an der University of Michigan: Prahalad war der etablierte Professor, Hamel der junge Doktorand. Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Freundschaft und Zusammenarbeit - mit einer klaren Rollenverteilung: Prahalad als Denker und Hamel als Sprecher. Zusammen veröffentlichten sie mehrere Aufsätze in der "Harvard Business Review". Ihr Buch "Wettlauf um die Zukunft", das 1994 erschien, wurde zum weltweiten Bestseller. Hamel lehrt an der London Business School.

Manager

Prahalad galt als Superstar unter den Managementprofessoren, sein Rat wurde von unzähligen CEOs gesucht. Er war Boardmitglied beim Konsumgüterhersteller Hindustan Unilever, beim Medienkonzern Pearson sowie beim IT-Unternehmen NCR. Bei Microsoft  saß er in Indien  im Beirat, AT&T, Citigroup , Oracle und Philips diente er als Berater. Zudem wurde er von Stiftern und Unterstützern der Schwellenländer bewundert, Bill Gates  gehörte zu seinen Anhängern. Die Vereinten Nationen beriefen ihn in ihre Kommission zur Entwicklung des privaten Sektors in unterentwickelten Ländern.

Vordenker der Ökonomie, Management-Theorie und Psychologie

Clayton Christensen und seine disruptive Innovation, die "Five Forces" von Michael Porter und die Management-Tipps von Linda Hill – die Ideen und Konzepte zahlreicher Vordenkerinnen und Vordenker haben die Management-Theorien geprägt. Lesen Sie hier die wichtigsten Ideen und Beiträge von Vordenkern wie Joseph Schumpeter, John P. Kotter, Peter Drucker und Herminia Ibarra.

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Ziele und Visionen

Ende der 90er Jahre wandte sich Prahalad von der Betrachtung der reichen Industrieländer ab und fokussierte seine Forschung auf die Bekämpfung der Armut in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Prahalad, in Indien geboren und als Erwachsener in die USA  ausgewandert, erkannte in den Entwicklungsländern ein Wirtschaftspotenzial, das es zu erschließen gilt.

In seinem Buch über das Vermögen am Fuße der Einkommenspyramide ("Der Reichtum der Dritten Welt") zeigte der Professor, welche Chancen Entwicklungs- und Schwellenländer für Unternehmen bieten und mithilfe welcher Geschäftsmodelle sie genutzt werden können. Er warf darin Konzernen vor, einen großen Teil der Menschheit zu vernachlässigen. In diesem Sinne plädierte Prahalad für Nachhaltigkeit: Das Schielen auf kurzfristiges Wachstum habe sich überlebt, sagte er. "Nachhaltigkeit wird zum neuen Maßstab für Erfolg."

Zugleich schalt er all jene, die meinen, in Entwicklungsländern dürfe man keine Gewinnabsichten haben. Er warb für Hilfe zur Selbsthilfe und gab unter anderem den Anstoß zum billigsten Auto der Welt, dem Nano von Tata Motors. © 2011 Harvard Business Manager

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