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Talente Lehren vom Ruderrennen

Bevor die Crews für das berühmte Ruderduell zwischen Oxford und Cambridge feststehen, müssen die Athleten durch ein hartes Auswahlverfahren. Dieser Test von Wettbewerbsfähigkeit einerseits und Zusammenarbeit andererseits eignet sich auch, um im Unternehmen gute Teams zu bilden.
Von Mark de Rond
aus Harvard Business manager 12/2008

Was können Hochleistungsteams von einem 180 Jahre alten Ruderrennen zwischen zwei der ältesten Universitäten der Welt lernen? Ich habe den Cambridge University Boat Club sieben Monate lang als eine Art Ethnograf für Organisation begleitet - vom ersten Trainingstag bis zum Rennen - und beobachtete dabei, dass die Coaches ihre Crew mithilfe einer speziellen Technik auswählen. Diese Technik ist auch für Führungskräfte in Unternehmen geeignet und lässt sich erfolgreich im Teamaufbau umsetzen.

In kaum einem Umfeld werden Gruppenmitglieder so intensiv getestet, ob sie Konkurrenzdenken und Teamgeist in Balance bringen können, wie vor dem Oxford-Cambridge-Ruderduell. Zwar zieht das Event heute rund 120 Millionen Fernsehzuschauer in seinen Bann; doch im Grunde ist es weiterhin das, als was es 1829 begann: eine sehr private Angelegenheit.

Trotz des öffentlichen Spektakels, trotz des Prominentenauflaufs und des Medienzirkus bleibt das Rennen ein tief greifender, archaischer Charaktertest. Denn die begehrten Plätze in Cambridges "Blue Boat" erobern nur jene Eliteruderer, die ihre Ellbogen jenseits des Scheinwerferlichts schonungslos gegen ihre Konkurrenten einsetzen, um sich einen Platz zu sichern - nur um anschließend übergangslos mit jenen Kameraden zusammenzuarbeiten, die es bis ins Blue Boat schaffen. Wie gelingt es Teamleitern, diese raren Individuen aus der Masse herauszufiltern?

Die 8 Schnellsten aus 40 Athleten auszuwählen ist eine schwierige Aufgabe - auch deshalb, weil die acht Stärksten zusammen vermutlich nicht die Schnellsten sein werden. Viel wichtiger als pure Stärke ist das Talent, sich mit den anderen Crewmitgliedern abzustimmen. Daher gehört in Cambridge zu den Auswahlmethoden auch das sogenannte Seat Racing: Zwei Vier-Mann-Crews von ähnlicher Stärke und Qualifikation treten unter gleichen Bedingungen auf einer 1500-Meter-Strecke gegeneinander an. Nach dem ersten Rennen tauschen zwei Ruderer - einer aus jedem Boot - die Plätze; dann gehen die Boote wieder gegeneinander ins Rennen, um den Einfluss einzelner Ruderer auf das gesamte Team zu ermitteln. Diese Übung gibt dem Coach einen guten Anhaltspunkt, wie gut sich Ruderer in unterschiedlichen Crews zurechtfinden - und wie sehr die Geschwindigkeit steigt oder fällt, sobald sich die Zusammensetzung der Teams ändert.

Und so schreitet der Auswahlprozess voran, indem in jedem Durchgang zwei andere Ruderer die Plätze tauschen. Die Besonderheit des Seat Racing besteht also darin, dass die Ruderer dazu gezwungen sind, ihre Kameraden abwechselnd als Gegner und Mitstreiter zu sehen. So müssen sie problemlos mit jemandem zusammenarbeiten können, der ein paar Augenblicke zuvor noch ihr Rivale war.

Natürlich sind Teams in Unternehmen keine Rudercrews, doch die Prinzipien von Wettbewerb und Zusammenarbeit gelten auch für sie. Wenn Sie das nächste Mal ein Team zusammenstellen, warum lassen Sie dann nicht mal zwei Gruppen gegeneinander antreten? Diese bekommen diverse Aufgaben zur Problemlösung und müssen immer wieder Mitglieder untereinander austauschen - so lange, bis sich die ideale Gruppenkombination ergibt. Das ist auf den ersten Blick eine mühsame Übung, doch sie könnte helfen, das stärkste und kollegialste Team zusammenzustellen. n

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