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Forum Lebenseinstellung, nicht Führungsstil

Authentizität: Führen mit Charakter (HBm März 2006)
aus Harvard Business manager 6/2006

Goffee und Jones sprechen in ihrem Artikel einen wesentlichen Aspekt bei der Führung von Menschen an - Authentizität. Dabei handelt es sich um eine persönliche Eigenschaft. Zu Recht kommt die Frage auf, ob diese Eigenschaft angeboren oder erlernt sei. Die Auffassung, dass Authentizität von anderen zu erkennen und damit von der Person selbst steuerbar sei, trifft absolut zu. Dabei ist gerade das Merkmal der Erkennbarkeit durch andere Personen nicht unproblematisch im Zusammenhang mit dem Begriff der Authentizität. Denn ein wesentliches Indiz authentischen Verhaltens ist ein möglichst hoher Grad an Unabhängigkeit von anderen Meinungen. Dagegen vermittelt die Konzeption von "dem, was andere sehen" weniger den Eindruck einer bewussten Verhaltenssteuerung als einer alleinigen Anpassung an ein authentisches Ideal. Selbstverständlich liegen die Vorteile einer authentischen Lebenseinstellung bei der Führung von Menschen klar auf der Hand:

Erfolgreiche Führung steht und fällt mit dem Erfolg der Kommunikation. Authentizität ist eine Grundvoraussetzung für klare Kommunikation. Wer diese Voraussetzung erfüllt, wirkt aufrichtig, integer und damit glaubwürdig. Mit dieser Wirkung auf seine Mitmenschen ist es wesentlich einfacher, zu überzeugen und zu motivieren.

Diese so wichtige Eigenschaft, dieses so schöne Ideal der Authentizität verliert jedoch jede Wirkung und Bedeutung, sobald es als ein äußeres Ideal, ein effektives Instrument oder schlicht als eine Führungsmethode verstanden wird. Denn das Einzige, das tatsächlich überzeugt, ist echte Persönlichkeit.

Der Ursprung der Authentizität liegt in der Selbstbestimmung. Sobald ein Konzept errichtet wird für eine höhere Effektivität oder eine größere Akzeptanz, unterwirft man den tatsächlichen Begriff des Authentischen einem Zweck. Das soll keineswegs bedeuten, dass Authentizität nicht tatsächlich einen Zweck verfolgt. Wesentlich ist hier die Frage, von wem der Bewertungsmaßstab kommt. Ist ein Maßstab einer bestimmten Bewertung für Authentizität vorgegeben, sei es nun größere Beliebtheit oder finanzieller Erfolg, so kann es sich bei so einem Konzept per definitionem nicht mehr um echte Authentizität handeln.

Authentische Personen weichen der Übernahme von Verantwortung nicht aus und bekommen gerade deshalb oft automatisch Führungsverantwortung übertragen. Man kann authentischen Menschen nichts befehlen, man kann sie aber davon überzeugen zu kooperieren.

Hier wird deutlich, dass Authentizität kein Führungsstil ist. Es ist eine Lebenseinstellung, die sich massiv auf den Führungsstil auswirkt. Insofern ist der Prozess hin zu einer authentischen Persönlichkeit ein Weg zur Selbsterkenntnis. Dieser Weg erfordert die klare Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen. Und die Bereitschaft, an sich selbst auch die ungeliebten Eigenschaften unvoreingenommen wahrzunehmen. Fortschritte macht man nur durch Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und durch die Entschlossenheit, sich und dem eigenen Urteil zu vertrauen.

Das Selbstwertgefühl und das Gefühl, mit sich im Reinen zu sein, sind die Schwerpunkte einer authentischen Lebenshaltung. Nur wer seinen eigenen Wert kennt und schätzt, ist in der Lage, den Wert seiner Mitmenschen zu schätzen und Entscheidungen auf eigener Grundlage mit Herz und Verstand zu fällen. Entscheidungen, die eben gerade oftmals nicht in einen bereits vorhandenen Rahmen passen, sondern diesen geradezu sprengen. Das sind die Entscheidungen authentischer Führungskräfte, die sich an eigenen Maßstäben orientieren.

Das Selbstwertgefühl einer authentischen Persönlichkeit basiert auf einer gesunden Selbsteinschätzung. Nur erfolgt keine Entscheidung aus einem äußeren Zwang heraus, sondern stets aus einem begründeten Willen. Authentizität funktioniert also nicht nach einer Art Checkliste, die man abarbeitet, sondern ist ein wertvoller Prozess der persönlichen Entwicklung.

Häufig ist allerdings bei den Unternehmensleitungen die Bereitschaft nicht vorhanden, ein Klima der Authentizität zu fördern. Es fehlt der Wille, sich selbst permanent kritisch hinterfragen zu lassen. Authentische Führungskräfte sind nämlich nicht länger bloße Befehlsempfänger, sondern äußern proaktiv ihren Standpunkt. Dies ist ein persönliches Problem des Topmanagements. Sinnvolle Führungskräfteentwicklung erfolgt aus diesem Grund immer nur von höchster Stelle aus. Eine gesunde und authentische Führungskultur nimmt ihren Ursprung bei einer aufrichtigen Selbstreflexion des Topmanagements und nirgendwo sonst.

Dr. Annette Glitz, Management Consulting, München

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