Antonia Götsch

Lead Forward Mein Ringen mit der Roulade

Antonia Götsch
Von Antonia Götsch Chefredakteurin des Harvard Business managers
Wir betrachten uns ja gern als vernunftgesteuerte Wesen, deren Erfolg vor allem auf einem brillanten Verstand beruht. Tatsächlich lassen wir uns häufig eher von unseren Instinkten leiten – wie mein Verhältnis zu Rouladen zeigt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

bei mir ist es Roulade. Und Roastbeef. Da werde ich schwach. Als ich neulich mit unserem großartigen Küchenchef Alfred Freeman und seinem Team bei einem Event kochte, bedankte ich mich bei ihm für die wachsende Auswahl an vegetarischen und veganen Gerichten. Die klangen zuletzt alle so aufregend und lecker, dass ich sogar dem Roastbeef widerstehen konnte – und ich liebe Roastbeef mit Bratkartoffeln und Remoulade wirklich sehr. "Danke, dass ihr mich so gut nudged", sagte ich.

Ich habe mich aus Vernunft entschieden, so wenig Fleisch wie möglich zu essen. Mein Sohn erklärte uns mit seinen sechs Jahren in den Herbstferien, er wolle kein Fleisch mehr essen, um die Tiere und die Umwelt zu schützen – und da beschlossen wir Eltern, mitzuziehen. Unsere Regel: kein Fleisch mehr zu Hause und im Alltag. Gelegentlich machen wir Erwachsenen eine Ausnahme, zum Beispiel im Restaurant. In der Kantine versuche ich meine Cheat Days auf zwei im Monat zu begrenzen. Wenn trockene Bratlinge auf dem Speiseplan stehen, fällt mir die Veränderung enorm schwer. Bei Koriander- und Rote-Bete-Schaum, grünem Curry mit Tofu oder gefüllten Pilzen auf Ragout sieht das ganz anders aus.

Schubser statt Regeln

Wir betrachten uns ja gern als vernunftgesteuerte Wesen, deren Erfolg vor allem auf ihrem brillanten Verstand beruht. Tatsächlich zeigten die US-Professoren Cass Sunstein und Richard Thaler bereits 2008 mit ihrem Buch "Nudge", dass wir bei unseren Entscheidungen wesentlich von Instinkten gesteuert werden. Kleine Nudges bringen deshalb oft mehr als jede Regel oder Anweisung. Sie schubsen uns unbewusst in eine gesündere, klügere oder zu unseren Zielen passende Richtung – ohne, dass wir sofort einen Widerstand aufbauen.

Ich habe ein weiteres Beispiel aus unserer Kantine. Früher gehörte der Nachtisch zum Mittagessen dazu. Wer ihn nicht essen wollte, musste aktiv abbestellen – das taten weniger als 10 Prozent. Vor ein paar Jahren änderte Maestro Freeman den Prozess: Das Dessert kostet seitdem den eher symbolischen Betrag von einem Euro. Das Ergebnis: In der Regel bestellt nur noch jeder Vierte oder Fünfte ein Dessert. Eine Variante, die für mich definitiv gesünder ist.

Nudging gehört, das zeigt auch der Nobelpreis, den Thaler für seine Forschungen erhielt, mittlerweile zum etablierten Methodenkanon der Verhaltensforschung. Psychologen beraten Regierungen, wie sie Pandemien mithilfe von kleinen Stupsern bekämpfen; Produktentwickler versuchen, die Wahrscheinlichkeiten von Verhalten zu verschieben, indem sie etwa Bilder von Fliegen in die Keramik von Urinalschüsseln brennen. Auch im Kollegenkreis haben wir jüngst festgestellt, dass wir vielfach Tricks entwickelt haben, um unser Verhalten in gesündere Bahnen zu lenken. Mein Kollege Lukas etwa füllt Snacks wie Erdnüsse bewusst in kleinere Schüsseln um, anstatt sich wieder und wieder aus der vollen Tüte zu bedienen; wenn die Tüte im Küchenschrank und nicht direkt im Blickfeld steht, bleibt es mit höherer Wahrscheinlichkeit bei nur einer verzehrten Schale Nüsse.

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Mir gefällt die Theorie, weil ich immer wieder bemerke, dass ich auf Regeln (vor allem solche, die ich nicht sofort verstehe) mit innerem Widerstand reagiere, während mich Nudges eher motivieren, meine Ziele zu erreichen.

Vielleicht gibt es eine Gewohnheit oder ein Verhalten, dass Sie 2023 verändern wollen. Überlegen Sie doch einmal, wer oder was Sie freundlich anschubsen könnte.

Und wenn Sie mehr über Nudges wissen wollen: In dem Artikel "Appell ans Unbewusste"  lesen Sie, wie Unternehmen Prozesse, Produktion und Meetings mithilfe von Nudging verbessern. Und der Artikel "Subtile Kontrolle " lotet aus, wie Gamification und Push-Nachrichten das Verhalten positiv beeinflussen können – und wo die Grenze zur Manipulation überschritten wird.

Für Strategen: Am 9. Januar diskutieren wir mit Alexander Osterwalder, Erfinder der Business Model Canvas und einer der erfolgreichsten Experten zum Thema Innovation und Strategie, darüber, was Führungskräfte heute über Strategie wissen müssen. Es geht unter anderem darum, wie Sie Pläne von Strategien unterscheiden und Ihre Unternehmenskultur mit Ihrer Strategie in Einklang bringen. Die Teilnahme ist kostenlos. Hier können Sie sich anmelden.

­Herzliche Grüße,
Antonia Götsch
Chefredakteurin Harvard Business manager

Ausgabe Dezember 2022

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