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Kommunikation "Klatsch stärkt Unternehmen"

DIE STUDIE: Managementprofessor Giuseppe Labianca und die Doktoranden Travis Grosser und Virginie Lopez-Kidwell untersuchten die sozialen Interaktionen in einer Filiale eines US-Unternehmens. Sie fragten 30 der 40 Angestellten nach ihren Netzwerken im Büro - mit wem und warum sie Klatsch austauschten und wie viel informellen Einfluss jeder der Kollegen besaß. Je mehr die Angestellten tratschten, desto besser verstanden sie ihr soziales Umfeld und umso größeren Einfluss hatten sie in den Augen Gleichgestellter. DIE THESE: Gerede kann für Individuen und Organisationen ein Gewinn sein, obwohl Manager es oft für schädlich halten und den "Klatschmäulern" schlechtere Beurteilungen geben.
aus Harvard Business manager 1/2011

Professor Labianca, verteidigen Sie Ihre Forschung!

LABIANCA Klatsch kann für Menschen in einem Unternehmen sehr hilfreich sein, vor allem wenn der Informationsfluss von der Spitze an die Basis unterbunden wird. Das ist oft der Fall, wenn Firmen sich in der Krise befinden oder einen Wandel durchmachen. Wenn nur wenige Menschen wissen, was vor sich geht, sorgt Gerede dafür, dass Informationen weitergegeben werden. Darüber hinaus zeigen Forschungsergebnisse, dass Tratsch hilft, individuelle Ängste abzubauen und mit Ungewissheit klarzukommen.

Das wäre ja das Gegenteil der konventionellen Sichtweise, wonach durch Flurfunk vor allem Angst und Unsicherheit verbreitet wird.

LABIANCA Es stimmt, dass das Angstniveau in einer Organisation durch Gerede steigen kann, doch Forschungsergebnisse zeigen auch das Gegenteil. Indem Menschen miteinander tratschen, gehen sie eine persönliche Verbindung ein, die ihnen soziale und emotionale Unterstützung gibt. Durch Klatsch werden zudem wertvolle Informationen über ein Netzwerk verbreitet - wer ist Trittbrettfahrer, wer ist ein Tyrann, mit wem kann man unmöglich zusammenarbeiten. Gruppen können auf diese Weise Personen maßregeln, die sich nicht an die Normen halten.

Basieren die Auffassungen darüber, ob jemand ein Tyrann oder Trittbrettfahrer ist, nicht auf Vorurteilen desjenigen, der sie verbreitet? Worin liegt der Wert einer so subjektiven Information?

LABIANCA Die Information ist nicht ganz subjektiv, weil die Normen von der Gruppe selbst stammen. Das ist einer der Gründe, warum Gerede entsteht - es wird ausgehandelt, was als korrektes Verhalten gilt. Eine Gruppe bekommt so ein Verständnis dafür, was falsch und was richtig ist.

Wir verstehen nicht, wie Tratsch der Organisation als Ganzes helfen kann.

LABIANCA Es kann natürlich kein Diagnoseinstrument sein. Aber der Manager, der ein Ohr an der Basis hat, hat gute Chancen, frühzeitig mitzubekommen, wenn Probleme auftauchen. Und so merkwürdig es klingen mag - Flurfunk kann die Werte des Unternehmens stärken. Wenn Sie eine Hochleistungskultur aufbauen, beobachten die Menschen einander und treiben sich gegenseitig zu Bestleistungen an.

Ist es nicht wahrscheinlicher, dass Mitarbeiter durch ihr Gerede die Unternehmenswerte untergraben?

LABIANCA Klatsch ist lediglich der Austausch von Informationen zwischen zwei Personen über eine dritte, abwesende, Person. Überwiegend handelt es sich dabei um Lob. Wenn jemand län-ger bleibt, um Ihnen zu helfen, reden Sie vermutlich mit anderen darüber. Positiver Klatsch ist verbreiteter als nega-tive Äußerungen. In 72 Prozent aller Klatschbeziehungen fanden wir einen ausgewogenen Mix aus positivem und negativem Gerede; positiver Tratsch überwog in 21 Prozent der Fälle, und nur bei 7 Prozent dominierte Negatives.

Warum sehen Manager den Flurfunk so kritisch?

LABIANCA Aus den jüngsten Forschungen wissen wir, dass Manager Klatsch für etwas Subversives halten. Das ist er auch. Unsere Studien zeigen: Je mehr jemand tratscht, desto größer ist sein informeller Einfluss unter Gleichgestellten. Er ist eine demokratisierende Macht. Das ist eine Bedrohung für Führungskräfte, die nach totaler Kontrolle streben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Manager, als wir sie baten, die Leistung ihrer Angestellten zu bewerten, jenen Mitarbeitern schlechtere Beurteilungen gaben, die öfter tratschten. Das geschah unabhängig davon, ob das Gerede positiver oder negativer Ausprägung war. Das legt die Vermutung nahe, dass Manager annehmen, Klatsch sei generell negativ.

Gibt es nicht legitime Gründe für die Ablehnung der Manager?

LABIANCA Natürlich. In einem anderen Unternehmen, das wir untersuchten, drehte sich der meiste Tratsch um einen Gruppenkonflikt. Das negative Gerede beeinträchtigte die Organisation in ihrer Funktionstüchtigkeit. Aber das eigentliche Problem war der Konflikt.

Wenn in meinem Unternehmen viel geschwatzt wird, sollte ich nicht alles tun, um dem ein Ende zu bereiten?

LABIANCA Sie können Klatsch nicht einfach verbieten. Aus unseren Forschungen wissen wir, dass 96 Prozent der Belegschaft sich zu Tratscherei bei der Arbeit bekennen. Anweisungen, das zu unterlassen, bewirken in der Regel das Gegenteil und verstärken den Flurfunk noch. Unternehmen versuchen zu häufig, Klatsch zu unterdrücken, und übersehen dabei dessen eigentlichen Auslöser. Negatives Gerede ist das Symptom eines größeren internen Problems. Sie sollten sich darauf konzentrieren, es zu lösen, die Kommunikation beleben und zeigen, dass Ihre Informationen wahr sind. Mit einem solchen Vorgehen erreichen Sie deutlich mehr. Und Sie sollten Leistungsbewertungen nicht dazu nutzen, negatives Gerede zu unterbinden. Das funktioniert nicht.

Sollten auch Manager tratschen?

LABIANCA Das tun sie bereits. In unserer Stichprobe hatten die Vorgesetzten mehr Klatschpartner als Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung - durchschnittlich 7,4 gegenüber 3,9 Personen. Das ergibt Sinn, wenn Sie berücksichtigen, dass Führungskräfte eine Menge Informationen für ihre Arbeit benötigen. Für Manager ist die entscheidende Frage, ob sie mit den richtigen Leuten reden. Sind es solche, die die Führungskraft nur in ihren Auffassungen bestätigen, oder vertreten sie andere Sichtweisen und geben aufschlussreiche Informationen über das Unternehmen weiter? Es ist für Manager allzu leicht, Freunde unter ihresgleichen zu haben, aber keine unter den Angestellten. Doch diese Menschen sind wichtig, ohne sie kann das Unternehmen nicht funktionieren. Wenn sie sich nicht gut fühlen, sind sie in der Lage, das Unternehmen zu Fall zu bringen.

Also ist Klatsch nicht unbedingt unprofessionell?

LABIANCA Wenn ich ein Wort aus unserem Lexikon streichen könnte, dann wäre es "unprofessionell". Wenn Manager uns davor warnen, unprofessionell zu sein, erwarten sie von uns, dass wir die emotionalen und sozialen Aspekte unserer Persönlichkeit außen vor lassen, sobald wir am Arbeitsplatz erscheinen. Wir können unsere menschliche Seite aber nicht am Empfang abgeben. Wir reagieren emotional auf Dinge, wir gehen Bindungen mit anderen ein, wir klatschen. Sich zu verstellen würde alles nur schlimmer machen.

7,4

KLATSCHPARTNER

haben Vorgesetzte im Schnitt. Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung tratschen dagegen durchschnittlich nur mit 3,9 Personen im Unternehmen.

NACHDRUCK

Nummer 201101020, siehe Seite 112 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2010 Harvard Business Publishing

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