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Best Practice Keine Geheimnisse

aus Harvard Business manager 1/2012

Selbst bestimmte Gehälter

"Wie viele Beratungsunternehmen hatten wir früher ein Bonussystem. Irgendwann haben wir dann aber gemerkt, dass unsere Mitarbeiter in einen Gewissenskonflikt gerieten: Tun sie etwas für das Vorankommen der Firma oder etwas für ihr Bonuskonto? Das war nämlich nicht immer deckungsgleich. Bei einem Teammeeting im Dezember 2010 haben wir angefangen, über ein neues Bonusmodell zu reden. Dabei haben wir überlegt, was uns im Arbeitsleben zufrieden und leistungsfähig macht. Unsere Erkenntnis: Sinn und Selbstbestimmung. Also haben wir uns gefragt: Wie wäre es, wenn jeder sein Gehalt selbst wählt? Ohne Wenn und Aber, ohne Geheimnisse. Jeder darf den Finanzplan sehen, jeder kennt alle Gehälter. Auch die der Geschäftsführung. Es gab lange Diskussionen, aber letztlich waren alle einverstanden. Seitdem läuft das bei uns so: Wer sein Gehalt neu festsetzen will, überlegt sich drei Dinge. Was bin ich auf dem freien Markt wert? Welchen Nutzen bringe ich meinem Unternehmen? Und kann sich V&S das leisten? Wenn er das für sich herausgefunden hat, schreibt er eine Mail an alle Kollegen mit seinem neuen Gehalt. Wohlgemerkt: nicht mit dem Gehaltswunsch. Das, was in der Mail steht, gilt. Allerdings hat jeder Mitarbeiter das Recht, ein Veto einzulegen. Das ist tatsächlich schon passiert: Eine Führungskraft hat ihr Gehalt erhöht; daraufhin hat eine Mitarbeiterin, die erst einige Monate hier arbeitete, ihr Veto eingelegt, weil die Gehaltserhöhung den Rahmen sprenge. Diese Mitarbeiterin hat Verantwortung übernommen, und genau das will ich haben. Wir haben diskutiert und gemeinsam eine Lösung gefunden. Insofern hat das System seine Feuertaufe bereits bestanden.

Wir haben dabei auch bemerkt, wie loyal und unternehmerisch unsere Mitarbeiter handeln, wenn wir ihnen die Freiheit dazu lassen. Klar, das Gros der Mitarbeiter hat sein Grundgehalt hochgesetzt. Im Vergleich zu den Boomjahren 2007 und 2008 sind die durchschnittlichen Gehälter - inklusive Boni - aber nicht gestiegen. Meiner Meinung nach ist das eine Folge hoher Transparenz im Unternehmen in Bezug auf die Leistung des Einzelnen. Da greift plötzlich auch eine große soziale Kontrolle - alles Faktoren, die verhindern, dass das System aus dem Ruder läuft. Das heißt aber auch, dass wir Führungskräfte ein Auge auf die haben müssen, die ihr Licht unter den Scheffel stellen. So habe ich mal einem Bewerber gesagt, dass ich seinen Gehaltswunsch für zu niedrig halte. Er hat sich zwar gefreut, meinte aber: ,Ich stehe zu meinem Wort.' Natürlich habe ich ihn eingestellt. Und jetzt darf er, wie alle, sein Gehalt aufstocken, wenn er das für richtig hält."

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