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Exklusivstudie Keine Angst vor Gurus

In Deutschland gibt es keine echten Managementgurus. Das steht dem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft im Wege. Deshalb die Forderung: Wir brauchen mehr Raum für kreative Querdenker.
Von Stephan Scholtissek
aus Harvard Business manager 10/2004

Die USA sind das Land der Businessgurus. Als Protagonisten einer lebendigen Ideenmaschinerie produzieren sie ständig neue Geschäfts- und Managementkonzepte. Ihr Leben spielt in Aufsichtsräten oder Universitäten, immer häufiger aber auch im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Diese Gurus sind mehr als nur erfolgreiche Unternehmer oder kreative Analytiker: Sie machen Hoffnung und scheiden die Geister - mit anderen Worten: Sie beleben das Geschäft.

Gerade in politisch wie wirtschaftlich unsicheren Zeiten haben solche Vor- und Querdenker Hochkonjunktur. Warum? Sie können den Menschen Orientierung geben, Ideen entwickeln und die Komplexität des Alltags reduzieren. Damit hätten sie gerade in Deutschland eine wichtige Funktion, wo der Reformdruck so groß wie selten zuvor ist.

Dennoch ist von deutschen Businessgurus selten die Rede. Hier zu Lande sind - wenn überhaupt - eher Chefanalytiker oder Wirtschaftsweise hoch im Kurs. Verglichen mit der bunten Guruszene in Amerika klingt das alles relativ nüchtern und wenig aufregend. Hat Deutschland keine populären Vordenker und keine kreativen Wirtschaftler, keine Managementgurus?

Um diese Frage zu beantworten, wollten wir von rund 200 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien wissen, welche internationalen und deutschen Forscher wie auch Manager nachhaltig wirtschaftliches Handeln beeinflusst haben (siehe Tabelle Seite 178).

Die Liste führt Bill Gates an, gefolgt von Alan Greenspan. Auf Platz drei steht der deutsche Philosoph Jürgen Habermas. Unter den Top 50 finden sich immerhin 17 deutschsprachige Männer (Frauen fehlen in der Liste völlig): neben Erich Gutenberg, Ludwig Erhard, Ferdinand Porsche und Alfred Herrhausen auch Karl Marx und Friedrich Engels.

Das mag bei dem einen oder anderen zum Schmunzeln anregen, deutet aber in jedem Fall darauf hin, dass die Befragten ein diffuses Verständnis des Gurubegriffs zu haben scheinen und eher wenig mit ihm anfangen können. Wenn unsere Umfrage eines gezeigt hat, dann dass Deutschland einen ganz anderen Umgang mit seinen (Wirtschafts-)Eliten pflegt als Amerika.

Daher noch einmal die Frage: Hat Deutschland keine populären Vordenker und keine kreativen Wirtschaftler, keine Gurus? Wir Deutschen geißeln uns ja gern, aber das geht dann doch zu weit. Wie hätte es Deutschland ohne Kreativität, ohne visionäres Denken und Wirtschaften jemals zum Exportweltmeister bringen können? Bei allen aktuellen Problemen - das Land der Dichter und Denker ist keineswegs zu einem Land der kleinen Lichter und Banker verkommen. Anders formuliert: Es gibt durchaus Grund, positiv in die Zukunft zu blicken.

Dass wir keine Gurukultur nach US-Vorbild haben, ist für mich weder erstaunlich noch problematisch. Wir sollten diese Kultur auch nicht einfach nachahmen. Aber Deutschland kann und sollte von den amerikanischen Businessgurus lernen.

Dazu müssen wir erst verstehen, was das amerikanische Guruprinzip ausmacht. Wie entstehen und verbreiten sich im Vergleich dazu Ideen im deutschen Geschäftsleben? Wie lässt sich dieser Prozess weiter verbessern?

Das amerikanische Guruprinzip

Was verstehen die Angloamerikaner unter einem Guru? Carol Kennedy, anerkannte britische Managementjournalistin und Bestsellerautorin erklärt den Begriff augenzwinkernd so: "Timing, Originalität, Stärke; die Gabe, sich selbst zu promoten, und - vielleicht wichtiger als alles andere - die Fähigkeit, prägnant und eindringlich auf den Punkt zu bringen, was andere spontan als richtig anerkennen."

Auch Peter Drucker, der selbst in den Gururanglisten meist weit vorn steht, betrachtet den Begriff mit einer gehörigen Portion Selbstironie: Gurus sind für ihn diejenigen, die Manager nicht Scharlatane nennen mögen. Warum nicht? Weil niemand im Business gern zugibt, sich von solchen beraten zu lassen.

Hiermit erklärt er zugleich, woran die Managementtheorie zuweilen krankt: Sie hat sich bisher noch nicht als fachlich klar umrissene und intellektuell anerkannte Disziplin etabliert, auch wenn sich mittlerweile Heerscharen - oft selbst ernannter - Experten auf diesem Feld tummeln. Immer wieder finden sich zwischen Größen wie Tom Peters, James March und Michael E. Porter Selbstvermarktungskünstler, Schönredner und Bauchpinsler. Sie versuchen, aus dem Kapital zu schlagen, was das amerikanische Guruprinzip antreibt: die Suche nach schnell wirkenden Rezepten für das Krisenmanagement und die ausgeprägte Bereitschaft, diese unmittelbar - und zuweilen auch ungeprüft - umzusetzen.

Diese Trittbrettfahrer sind die wohl unvermeidliche Kehrseite einer großen Offenheit in den USA dem Neuen gegenüber. Das amerikanische Guruprinzip wirkt - wie der Rest der Gesellschaft - als Schmelztiegel für Menschen mit Ideen: die räumliche, soziale und auch geistige Herkunft ist hier weniger wichtig als die richtige Mischung, die bewusste Platzierung und die gezielte Vermarktung.

Letztlich ist das Guruprinzip einfach und zugleich typisch amerikanisch: Nicht hochrangig besetzte und wohl dotierte Kommissionen hinter verschlossenen Türen präsentieren neue Ideen, sondern lebendige Köpfe in der Öffentlichkeit. Das Guruprinzip verbindet Konzepte und Innovationen mit den sie erschaffenden Personen.

Das macht Theoretisches und Abstraktes nicht nur verdaulicher, sondern auch lebendiger und handlicher. Und vermarktbarer: Die klugen Köpfe werden zu Marken und ihre Bestseller zu Bibeln. Manchmal ist es auch nur der Kult selbst, der um sie herum betrieben wird, gelegentlich die unverfrorene und zugleich geniale Einfachheit ihrer Einsichten, die im öffentlichen Bewusstsein hängen bleibt, wie auch die Fähigkeit, Unerhörtes und Unglaubliches zu Ende zu denken und offen auszusprechen.

Gefragte Grenzgänger

Natürlich gibt es nicht den Guru. Zu dieser Gruppe zählen die unterschiedlichsten Köpfe: Peter Drucker, Charles Handy, Michael E. Porter, Tom Peters, aber auch Alan Greenspan, Bill Gates und Michael Dell. Nicht alle sind gebürtige Amerikaner - aber die meisten sind der amerikanischen Geschäftswelt verhaftet.

Sie sind Grenzgänger zwischen den Welten: von den Schalthebeln der ökonomischen Macht in die Hörsäle, auf die Bestsellerlisten und zurück. Vielfalt ist Trumpf, Stromlinienförmigkeit die Ausnahme. Unter den Vordenkern finden sich Vertreter unterschiedlichster Disziplinen: Ökonomen, Historiker, Psychologen, Soziologen und Anthropologen. Selbst Scott Adams, der Erfinder der "Dilbert"-Comics, wird zuweilen als Guru bezeichnet. Das zeigt, wie groß die Spannweite ist. In ihrem Mit-, Durch- und auch Gegeneinander prägen und befruchten sie das Denken, Debattieren und Handeln kreuz und quer durch die Unternehmen.

Als Prachtexemplar der Gattung Guru gilt Robert B. Reich. Der Bestsellerautor hat in seinem Leben mehrmals die Seiten gewechselt: Der amerikanische Ökonom verließ die Wissenschaft, um Arbeitsminister unter Bill Clinton zu werden; später kehrte er in die Wissenschaft zurück, um kurz darauf für den Gouverneursposten in Massachusetts zu kandidieren. Zugleich mischte er sich als Mitbegründer des politischen Magazins "The American Prospect" in öffentliche Debatten ein.

Reich ist mehr als ein Wirtschaftsintellektueller, er ist ein Allrounder, ein öffentlicher Intellektueller, der fachliche Expertise in fachfremden Sphären anwenden und in verständliche Sprache übersetzen will. Er weigert sich, in Schubladen gepresst zu werden. Die Gesellschaft ist offen genug, seinen kämpferischen Impetus und seine Bereitschaft, eindeutig und klar politisch Stellung zu beziehen, als Bereicherung zu begreifen. Unabhängig davon, ob seine Zuhörer ihm nun zustimmen oder nicht - sie sehen ihn als Instanz, die sie anhören sollten.

In Deutschland gelten solche Lebensläufe immer noch als exotisch, nicht selten als Ausdruck von Oberflächlichkeit und Populismus. In Amerika sind sie hingegen alltäglich: Schauspieler werden Präsidenten, Unternehmensgründer Minister, Minister Bestsellerautoren und Akademiker werden populär. Dass diese Experimente nicht immer gelingen, ist nicht der Punkt. Was zählt, ist, dass sie unternommen werden. Wenn Gurus eine Gemeinsamkeit haben, dann, dass sie Unternehmer sind - im eigentlichen Wortsinn.

Deutschland - Konsens statt Querdenker

In Deutschland gibt es wenig, was Kultstatus hat. Sogar im Fußball fällt der Begriff selten. "Der Star ist die Mannschaft", sagte der einstige DFB-Teamchef Rudi Völler. Diese Aussage symbolisiert eine typisch deutsche Haltung. Positiv ausgelegt, steht sie für einen demokratischen Ansatz, für gemeinschaftliche Stärke und Teamwork. Der Satz lässt aber auch einen anderen Schluss zu. Um beim Fußball zu bleiben: Deutschland hat keinen Ronaldo und keinen Zidane.

Auch die Antworten von Fachleuten auf die Frage nach den bedeutenden ökonomischen Vordenkern Deutschlands ergeben nur ein diffuses Bild, wie unsere Umfrage zeigt. Die Erklärung, hier zu Lande gäbe es eben keine großen Wirtschaftsführer und Wirtschaftswissenschaftler, ist zu simpel. Ein Umstand lässt sich nicht durch sich selbst erklären. Das gilt für ökonomische genauso wie für fußballerische Stars: Auch ein Zinedine Zidane wurde nicht als Weltstar geboren, sondern ist das Produkt einer konsequenten und gesellschaftlich gewollten Elitenförderung - ein Begriff, bei dem leider auch heute noch viele Deutsche skeptisch die Augenbrauen hochziehen.

Dabei besitzt Deutschland, gerade was Wirtschaft und Wissenschaft anbelangt, äußerst kreative und erfolgreiche Eliten. Aber sie sind noch zu wenig Deutschlands Eliten, sie sind zu wenig Identifikationsfiguren. Hier zu Lande hat sich ein grundlegend anderes Verhältnis zu Ideen- und Impulsgebern herausgebildet als in den USA. Im Gegensatz zum Guruprinzip würde ich das deutsche Modell als Konsensprinzip bezeichnen. Für Innovationen und neue Ideen sind nicht einzelne Personen verantwortlich, sondern Strukturen, Organisationen oder Institutionen - Körperschaften, nicht Köpfe.

Das deutsche Konsensprinzip hat natürlich einen großen Vorteil. Halbausgegorenes taucht weniger schnell in der öffentlichen Diskussion auf. Bis neue Konzepte und Theorien in die Öffentlichkeit gelangen, werden sie von vielerlei Fachmännern und Expertenkommissionen auf Herz und Nieren geprüft. Negativ formuliert: Sie werden zu Tode geprüft. Zumindest werden der Innovationsfreude Steine in den Weg gelegt - zu oft, für meinen Geschmack. Zudem agieren diese Zirkel oft im Verborgenen als unbekannte, gesichtslose Institutionen. Nicht selten haben sie nur die undankbare Aufgabe, wie sich bei den Rürup- und Hartz-Kommissionen der Verdacht aufdrängt, Reformen wissenschaftlich zu begründen, zu deren Umsetzung die politische Überzeugungskraft fehlt.

Im Zeitalter globalen Wettbewerbs machen aber gerade Flexibilität und Innovationsgeist von Individuen den Unterschied aus. Da hier zu Lande nur selten unabhängige, kreative Geister neue Ideen präsentieren, sondern meist schwerfällige Konsensgruppen, gelten sie als politisch geprägt. Neuerungen werden schnell verdächtigt, Ausdruck von Wirtschafts- oder Machtinteressen zu sein. Anders formuliert: Das Konsensprinzip fordert den reflexhaften Elitenverdacht geradezu heraus.

Deutsche Wissenschaftler oder profilierte Unternehmer äußern sich daher nur selten öffentlichkeitswirksam und im eigenen Namen zu konkreten politischen Fragen - auch wenn sie etwas mitzuteilen hätten. Das Misstrauen ist groß: Berät ein Wissenschaftler politische Prozesse, gilt er schnell als käuflich; mischt sich ein Unternehmensführer ein, gerät er prompt unter Ideologieverdacht.

Fehlende Offenheit

Das alles sind eher strukturelle als grundsätzliche Probleme und Schwächen. Es fehlt den Deutschen also nicht an neuen Ideen, wohl aber die unvoreingenommene Offenheit und auch Selbstsicherheit im Umgang mit neuen Ideen - egal woher sie stammen. Und es mangelt an öffentlichkeitswirksamen und das Denken anregenden Protagonisten eines offenen und offensiven Innovationsklimas.

Eine solche Offenheit lässt sich nicht von heute auf morgen oder gar per Erlass von oben erreichen. Deshalb können wir das amerikanische Guruprinzip nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen, selbst wenn wir dies wollten.

Schon dem Begriff Guru wird hier zu Lande mit Skepsis begegnet: Er gilt eher als zwielichtige Person denn als Lichtgestalt, nicht selten als unseriöser Geschäftemacher und in der Regel als para- oder schlicht unwissenschaftlich. Gurus sind bestenfalls Visionäre wie etwa der Zukunftsforscher Matthias Horx, schlimmstenfalls sind sie Bauernfänger, ominöse Karriereberater oder gar Anführer religiöser Sekten. Entsprechend unpopulär ist der Begriff auch bei denen, die als Managementgurus in Frage kämen.

Während also Peter Drucker den Begriff Guru zwar ironisiert, aber nicht grundsätzlich von sich weist, da er gewisse Aspekte - Ideenreichtum, geistige Flexibilität und Freiheit, Radikalität und selbstbewusste Selbstvermarktung - positiv auf sich bezieht, überwiegt in Deutschland das Misstrauen.

Es fällt auf, dass deutsche Autoritäten nur selten die Fachgrenzen überschreiten und öffentliches Terrain betreten. Sie bleiben lieber unter sich und äußern sich selten über fremde Angelegenheiten. Das ist zwar einerseits wissenschaftlich ehrenwert, andererseits aber ökonomisch wie auch gesellschaftlich bedauerlich. Was innerhalb von Forschung und Bildung richtig ist, nämlich interdisziplinäres Denken, das Verlassen des Elfenbeinturms zu fordern, kann im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft nicht falsch sein.

Die Befürchtung, eine zu weit getriebene Interdisziplinarität und Offenheit führe zu einem Qualitätsverlust - einer der zentralen Vorbehalte gegen das vermeintlich oberflächliche Guruprinzip - geht aber zu weit: Tatsächlich ist eine lebendige und vielstimmige Diskussionskultur Garant dafür, dass Wissen entsteht, sich gegen Aberglauben durchsetzt und ständig verfeinert wird. Amerikas Dynamik im Bereich der Managementtheorie ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass durch offene Türen mehr gewonnen als verloren wird.

Ein offenerer und zugleich intensiverer Austausch zwischen den Führungszirkeln in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft wie auch im Verhältnis zur Gesellschaft könnte außerdem dazu beitragen, die Vorurteile gegenüber den Eliten abzubauen. Diese würden lebendiger und präsenter. Eine sicherlich wichtige Ursache der traditionell großen Skepsis gegenüber Eliten, speziell gegenüber der Wirtschaftselite, ist deren Bestreben, Nachwuchs nur aus den eigenen Kreisen zu rekrutieren. Dies wirkt oft wie bewusste Abgeschlossenheit und gewollte Exklusivität. Es kann als Treppenwitz der Geschichte gelten, dass die deutsche Wirtschaftselite heute sozial undurchlässiger ist als jede andere gesellschaftliche Gruppe - dies nicht auf Grund eines überholten elitären Denkens, sondern auf Grund unzulänglicher gesellschaftlicher wie intellektueller Vernetzung.

Die schrittweise Überwindung des Konsensprinzips wie auch des Kastendenkens könnte in Deutschland enorme Kräfte freisetzen. Die erste gute Nachricht also lautet: Deutschland hat weder zu wenige Vordenker noch zu wenig Expertise. Die zweite gute Nachricht lautet: Deutschland hat begonnen, Denkblockaden zu überwinden, Türen zu öffnen und auch einige überflüssige Trennwände einzureißen.

In der Politik ist dies bereits zu spüren. Die Reform- und Innovationsdebatte gewinnt an Tiefgang. Auch wächst der Einfluss von Wirtschaftsexperten und Wissenschaftlern. Im Bildungsbereich und hier insbesondere in den Hochschulen versuchen die Beteiligten verstärkt, bewährte Traditionen mit positiven neuen Ideen zu kombinieren. Und auch in der Wirtschaft setzen sich innovative Unternehmensstrukturen und Konzepte immer mehr durch.

Um es nochmals fußballerisch auszudrücken: Deutschland ist im Ballbesitz. Aber wir müssen unseren Spielaufbau weiter modernisieren, um einerseits kompakter nach vorn zu spielen und um andererseits unsere Spitzen besser ins Spiel zu bringen.

Was kann Deutschland von den USA lernen?

Gerade im Bereich des Spielaufbaus, also hinsichtlich der Ideenentwicklung und des Innovationsmanagements, kann Deutschland viel von den USA lernen. Weil es hier zu Lande bereits viel durchaus Gutes gibt, das aber verbessert werden kann - und muss -, wäre es falsch, das amerikanische Guruprinzip komplett übertragen zu wollen. Deutschland braucht keine abstrakten Debatten über einen Kulturwandel oder über eine neue Taktik.

Das amerikanische Guruprinzip liefert uns eine ganze Reihe von Anregungen, die wir aufgreifen sollten, als Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer und auch als normale Bürger. Diese Anstöße lassen sich in drei zentrale Bereiche unterteilen.

1. Skepsis gegenüber Eliten abbauen

Der Begriff Elite ist in Deutschland traditionell negativ besetzt. Der Eliteverdacht hemmt Vordenker und dynamische Veränderer. Schnell landen die Ideen kreativer Einzelner in politischen und unternehmerischen Schubladen, weil ihnen der Segen von Konsensrunden und Expertenzirkeln fehlt. Geht es um Politikberatung, wird Unternehmern oder Wissenschaftlern, die sich öffentlich äußern, gern Parteilichkeit unterstellt. Dies alles hält Eliten ab, sich öffentlich einzumischen.

Es kann einfach nicht sein, dass wir nach Karl Marx und Ludwig Erhard keine wirtschaftlich denkenden Köpfe mehr hervorgebracht haben, deren man sich erinnert. Wir brauchen deshalb einen auf wirtschaftlicher wie auf wissenschaftlicher Expertise beruhenden Elitebegriff, der zur Nachahmung motiviert.

2. Vertrauen in die eigene Zukunftsfähigkeit entwickeln

Die Probleme in Deutschland sind von Menschen gemacht, also auch durch Menschen lösbar. Wir Deutsche haben häufig den Hang, das Negative zu übertreiben. Die diesem Streben zu Grunde liegende Kultur des Misstrauens muss überwunden werden. Dazu benötigen wir mehr intellektuelle Beweglichkeit und Neugier. Wir brauchen die Selbstsicherheit, um das Machbare zu erkennen und vom Unrealistischen unterscheiden zu können.

3. Grenzen durchlässiger machen

Deutschland braucht mehr Grenzgänger, die bereit sind, ihre Expertise in andere Bereiche einzubringen (mehr Wirtschaftswissenschaftler in die Politik und mehr Wissenschaftler in die Wirtschaft). Grenzgänger helfen, neue Ideen zu realisieren, und verkürzen die Innovationszeiten. Um ihnen das zu ermöglichen, brauchen wir ein Klima der Offenheit: Wir müssen Mauern zwischen den Fachwelten einreißen.

Fazit

Nicht alles, was aus den Vereinigten Staaten kommt, ist nachahmenswert. Dennoch lohnt ein unvoreingenommener Blick auf die dynamische amerikanische Gurukultur - damit ein fruchtbarer Austausch beginnen kann. n

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Die 50 wichtigsten Managementvordenker der Deutschen

Wir wollten von rund 200 Vertretern der Wirtschaft, Wissenschaft und Medien wissen, welche internationalen und deutschen Forscher, Manager und Denker wirtschaftliches Handeln nachhaltig beeinflusst haben. Zu den Befragten zählten Vorstände der größten deutschen Unternehmen, renommierte Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsjournalisten. Wir haben die Relevanz der genannten Namen mit Hilfe dreier Datenbanken geprüft - nicht ganz der reinen, statistischen Lehre gehorchend: Wir recherchierten in einem Zeitungs- und Zeitschriftenarchiv (Wie oft werden die Personen in Artikeln mit wirtschaftspolitischen Inhalten erwähnt?), im Social Sciences Citation Index (Wie oft werden sie in der Wissenschaft zitiert?) sowie - gewichtet - in der Suchmaschine Google (Wie oft taucht ihr Name im Internet auf?). Wir haben die Namen dann in eine Rangfolge gebracht, je nachdem wie oft diese erwähnt wurden.

Rang Name bekannt als

1 Bill Gates Gründer und Chairman von Microsoft

2 Alan Greenspan Chef der US-Notenbank

3 Jürgen Habermas Soziologe und Philosoph

4 Ludwig Erhard Wirtschaftsminister,

Bundeskanzler (1963-1966,

gestorben 1977)

5 Karl Marx Philosoph, Begründer des

wissenschaftlichen

Sozialismus (gestorben 1883)

6 Jack Welch Langjähriger Chef von

General Electric (bis 2001)

7 Michael Dell Gründer des

Computerherstellers Dell

8 Henry Ford Gründer der Ford Motor

Company (gestorben 1947)

9 Tom Peters Vordenker, Bestsellerautor

10 Steve Jobs Gründer und Chef des

Computerherstellers Apple

11 Warren Buffett Amerikanischer Investor

12 Adam Smith Ökonom und Moral-

philosoph (gestorben 1790)

13 Peter Drucker Begründer der modernen

Managementlehre

14 Friedrich Engels Philosoph, Begründer des

wissenschaftlichen

Sozialismus (gestorben 1895)

15 Michael Hammer Berater, Buchautor, prägte

den Begriff Reengineering

16 Philip Kotler Marketingexperte, Verfasser

wichtiger Lehrbücher

17 Michael E. Porter Vordenker der

Wettbewerbstheorie

18 John Maynard Keynes Mathematiker und Ökonom

(gestorben 1946)

19 Milton Friedman Nobelpreisträger, führender Vertreter

des Monetarismus

20 Jeff Bezos Chef des Internethändlers

Amazon.com

21 Hans-Werner Sinn Präsident des Ifo-Instituts

22 Alfred Herrhausen Vorstandsvorsitzender der

Deutschen Bank

(1989 ermordet)

23 Carl Duisberg Vorstandssprecher von

Bayer (gestorben 1935)

24 Wendelin Wiedeking Porsche-Chef

25 Hasso Plattner Mitbegründer von SAP

Rang Name bekannt als

26 Henry Mintzberg Buchautor und Vordenker

27 Gary Hamel Strategieexperte, Buchautor

28 Erich Gutenberg Begründer der deutschen

Betriebswirtschaftslehre

(gestorben 1984)

29 Ferdinand Piëch Aufsichtsratschef von VW

30 Joseph A. Schumpeter Theoretiker des Unterneh-

mertums (gestorben 1950)

31 Ronald H. Coase Nobelpreisträger, Entwickler

der Transaktionskosten-

theorie

32 Ferdinand Porsche Gründer des Autoherstellers

Porsche (gestorben 1951)

33 C. K. Prahalad Entwickler des Konzepts

der Kernkompetenzen

34 Heinz Nixdorf Gründer des Computerbau-

ers Nixdorf (gestorben 1986)

35 Horst Albach Experte für internationales

Management (WHU)

36 Reinhard Mohn Langjähriger Chef von

Bertelsmann

37 James Champy Bestsellerautor und Berater

38 Herbert Hax Emeritierter Professor für

Betriebswirtschaftslehre

39 Heribert Meffert Erster deutscher Marketing-

professor (emeritiert)

40 Edward de Bono Buchautor und Experte für

kreatives Denken

41 Heinrich v. Pierer Siemens-Chef

42 David Ricardo Schuf die Theorie

komparativer Kostenvorteile

(gestorben 1823)

43 Chris Argyris Begründete die Theorie

der lernenden Organisation

44 Peter Senge Vertreter des Konzepts der

lernenden Organisation

45 Alfred Müller-Armack Vordenker der sozialen Markt-

wirtschaft (gestorben 1978)

46 Stephen R. Covey Organisationsberater, Autor

47 Alfred P. Sloan Langjähriger Chef von Gene-

ral Motors (gestorben 1966)

48 Friedrich von Hayek Nobelpreisträger, Verfechter

des sich selbst regulierenden Marktes (gestorben 1992)

49 Robert Kaplan Erfinder der Balanced

Scorecard

50 Herbert Quandt Wichtigster Anteilseigner

von BMW (gestorben 1982)

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Service

Literatur

Kennedy, C.: Management Gurus, Gabler 1998.

Kennedy, C.: The Next Big Idea, Trafalgar Square 2002.

Reich, R. B.: Die Neue Weltwirtschaft, Fischer 1996.

Reich, R. B.: The Future of Success, Piper 2004.

Kontakt

stephan.scholtissek@accenture.com

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Stephan Scholtissek

ist Sprecher der deutschen Geschäftsführung des Management- und Technologiedienstleisters Accenture.

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© 2004 Harvard Businessmanager

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