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Venture-Capital Dem Geld hinterher

Verliert das Silicon Valley das Monopol auf Start-ups? Forscher beobachten, dass andere Regionen beim Venture-Capital aufholen. Deutsche Städte können aber nicht mithalten.
aus Harvard Business manager 4/2019
Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

Wer als Start-up das große Geld einwerben will, muss in die USA, am besten ins Silicon Valley. Nirgendwo sonst sind die Töpfe der Venture-Capital-Firmen so voll und ist die Auswahl an Finanziers so groß. Gründer klappen ihren Laptop auf, präsentieren ihre Idee und fahren mit Millioneninvestments wieder nach Hause – so die landläufige Vorstellung. Aber das ändert sich laut einer aktuellen Studie allmählich. Andere Länder bringen die USA als Start-up-Zentrum der Welt in Bedrängnis. Die Verfolger kommen vor allem aus asiatischen Metropolen, etwa Peking und Shanghai. Als einzige europäische Stadt taucht London im Ranking der Top-Ten-Städte für Wagniskapital auf. Deutsche Städte spielen global kaum eine Rolle. Auch wenn die Venture-Capital-Branche in Deutschland wächst, haben asiatische Metropolen längst einen großen Vorsprung. Die Studie "Rise of the Global Startup City: The New Map of Entrepreneurship and Venture Capital" hat rund 100.000 Finanzierungen in mehr als 60 Ländern analysiert. Ihr Ergebnis: Die Dominanz der USA bei Venture-Capital ist bedroht. Gründer auf der Suche nach Wagniskapital müssen nicht mehr unbedingt ins Silicon Valley reisen, um hohe Summen einzuwerben, weil auch in anderen Megacitys in Europa, China und Indien viel Geld verfügbar ist.

Der Sog der Megacitys

Vier zentrale Trends sorgen dafür, dass die Verfolger aufholen. Insgesamt beobachten Richard Florida von der Rotman School of Management und Ian Hathaway, Director des Center for American Entrepreneurship, eine Expansion von Venture-Capital. Es wird mehr Geld in Start-ups investiert (Zunahme um rund 230 Prozent von 2010 bis 2017), und die Finanzierungsrunden finden häufiger statt. Investoren und Gründer sind überall auf der Welt anzutreffen, die Globalisierung des Wagniskapitals verschiebt den Fokus. Noch in den späten 90er Jahren fanden laut Studie 95 Prozent aller Finanzierungen mit Wagniskapital in den USA statt. Seitdem hat der Anteil stetig abgenommen, 2012 waren es noch zwei Drittel der Investments, 2017 noch knapp über 50 Prozent. Am stärksten gewachsen ist der Markt für Venture-Capital in China. Mittlerweile wird rund ein Viertel des Gesamtbudgets in chinesische Start-ups investiert.

Gründer und Investoren zieht es in Großstädte – am liebsten in sogenannte Megacitys, wie sie vor allem im asiatischen Raum entstehen. Aber auch andere Regionen profitieren von der Urbanisierung. Die zehn führenden Städte im Ranking von Florida und Hathaway sind: San Francisco, Peking, New York, San Jose, Boston, Shanghai, Los Angeles, London, Hangzhou und Bangalore. Rund 100 Milliarden Dollar werden jährlich allein in diesen zehn Städten investiert. Das Ranking führen mit Abstand San Francisco (27,3 Milliarden Dollar) und Peking (24,3 Milliarden Dollar).

Die Konzentration auf diese Megacitys führt dazu, dass kleinere Städte (die im deutschen Sinne ja eigentlich schon als Großstadt gelten würden) mehr und mehr den Anschluss verlieren. Und selbst innerhalb der Städte ist eine Konzentration auf einzelne Gebiete zu beobachten.

So bleibt das Silicon Valley Mittelpunkt der weltweiten Start-up-Szene – und laut Studie auch weiterhin der beste Ort, um langfristig technologiebasierte Unternehmen aufzubauen. Für Gründer bedeutet die fortschreitende Globalisierung aber, dass viele der Ressourcen auch anderswo zu finden sind. Online lassen sich schnell Prototypen programmieren, Kontakte herstellen und erste Kunden finden. Schnelles Internet, Cloud-Anwendungen und mobile Arbeitsgeräte erlauben eine Gründung an fast allen Orten der Welt. Dafür müssen Gründungswillige nicht mehr unbedingt vor Ort sein und sparen so im Zweifel Reisekosten und umgehen Schwierigkeiten, ein Visum zu bekommen. Sie entscheiden sich vielleicht für einen alternativen Standort oder gründen gleich im Heimatland, weil sie auch dort Investoren antreffen. Die Nachfrage nach digitalen Services, wie sie häufig von Start-ups angeboten werden, wächst überall, besonders auch in Schwellenländern. Viele Länder fördern gezielt Unternehmertum, finanziell oder mit speziellen Bildungsangeboten. Sie werben um Gründer und Fachkräfte.

Den USA bescheinigen Florida und Hathaway eine gewisse Selbstgefälligkeit. Viele Akteure seien sich zu sicher, auch zukünftig das Monopol auf Technologie-Start-ups zu haben, und vernachlässigten dabei den Blick auf die Konkurrenz. Kapitalgeber und Konzerne, die in Start-ups investieren wollen, müssen ihren Fokus erweitern, um die besten Geschäftsmodelle nicht zu verpassen. Wahrscheinlich entsteht die nächste große Innovation nicht in ihrer Nachbarschaft, an den Techstandorten rund ums Silicon Valley, sondern irgendwo anders auf der Welt. Sie brauchen Teams und Manager, die weltweit nach Entwicklungen Ausschau halten.

"Es ist ein Trauerspiel"

Christoph Ostermann, Gründer und CEO des Energiespeicher- anbieters Sonnen, hat für sein Unternehmen in den vergangenen Jahren rund 150 Millionen Euro eingeworben und es gerade verkauft. Ein Gespräch über die schwierige Suche nach Wagnis- kapital und darüber, was sich in Deutschland ändern muss.

Foto:

Pedro Becerra - STAGEVIEW.de

Harvard Business manager: Wie steht Deutschland aktuell beim Thema Venture-Capital da?

Ostermann: Es ist ein Trauerspiel. Es gibt wenige Unternehmen, die professionell am Markt sind. In unserem Sektor, dem Cleantech-Bereich, gibt es maximal eine Handvoll ernst zu nehmender Venture-Capitalists, die über nennenswerte Fonds verfügen, einigermaßen professionell aufgestellt sind und schon eine Zeit lang am Markt sind. Es ist einfach nicht Kapital in dem Umfang verfügbar, wie das zum Beispiel in den USA der Fall ist.

Bleibt Gründern also nur der Weg in die USA?

Wir haben seit einigen Jahren eine Tochtergesellschaft in den USA und hatten es probiert. Einerseits gibt es einen reifen und professionellen Venture-Capital-Markt. Andererseits sind viele Amerikaner erst mal grundsätzlich skeptisch gegenüber allem, was außerhalb der USA vor sich geht. Sie verstehen es nicht und haben meist auch kein Interesse daran. Dazu kommt, dass ein Großteil der US-Fonds auch gar nicht außerhalb Nordamerikas investieren darf. Deshalb ist man als deutsches Unternehmen auf die europäische Venture-Capital-Industrie angewiesen.

Wie ist hier die Entwicklung?

Es ging nach oben in den letzten Jahren. Vielleicht auch, weil vor allem in Europa gerade viel Geld verfügbar ist und nach Anlagemöglichkeiten gesucht wird. Vom Niveau wie in Nordamerika sind wir aber noch sehr weit entfernt.

Was ist Ihr Lösungsvorschlag?

Als deutsches Unternehmen macht es durchaus Sinn, sich europäisch aufzustellen und sich umzuschauen, welche Venture-Capital-Unternehmen es vielleicht auch im benachbarten Ausland gibt. Mittlerweile gibt es ja einige in Frankreich und in den Niederlanden. Unsere Investoren stammten auch aus Tschechien und den Niederlanden.

Und für Deutschland?

Der regulatorische Rahmen in Deutschland muss sich verbessern. Politiker reden immer davon, dass sich etwas tun muss, um den Anschluss nicht zu verlieren. Aber getan wird dann nichts. Dabei gäbe es steuerliche Möglichkeiten, zum Beispiel bestimmte Anlageformen zu fördern. Andere Länder gehen da viel weiter, etwa Singapur mit einem großen Fonds, der unter anderem mit Staatsgeld gefüllt ist. Wenn Deutschland sich als Technologie- und Innovationsstandort beweisen will, dann muss hier mehr passieren.

Sie haben Ihr Unternehmen gerade an Shell verkauft. Wie überzeugt man als Gründer Investoren?

Ein bisschen Glück gehört auch dazu - und eine gute Geschichte. Je früher man sucht, desto schwieriger ist es. Wir haben nach drei Jahren zum ersten Mal Investoren gesucht, da konnten wir schon Umsätze in Millionenhöhe vorweisen, hatten also unser Businessmodell bereits erprobt.

Warum investieren Unternehmen wie Shell in Start-ups?

Im Energiebereich, in dem wir uns bewegen, aber auch in vielen anderen Branchen passiert gerade Revolutionäres. Durch die Digitalisierung ändert sich in sehr kurzer Zeit sehr viel. Konzerne erkennen, dass sie dabei sein müssen, um nicht überholt zu werden. Die Beteiligung an einem Start-up ist dafür eine gute Möglichkeit. Das ist eine starke Motivation. 

Blick auf Deutschland

Auch wenn deutsche Städte im globalen Ranking kaum eine Rolle spielen, können auch hier höhere und häufigere Finanzierungen beobachtet werden. 4,6 Milliarden Euro verzeichnete das Start-up-Barometer der Unternehmensberatung EY 2018, darunter sechs große Finanzierungen mit mehr als 100 Millionen Euro. Aber die sind die Ausnahme. Durchschnittlich werben deutsche Start-ups 3,3 Millionen Euro in Finanzierungsrunden ein. Damit liegen sie weit abgeschlagen hinter der Konkurrenz aus Asien. Und verglichen mit US-Finanzierern sind selbst die größten Fonds in Deutschland zehnmal kleiner.

Rund jeder zweite investierte Euro landet in Berlin (2,6 Milliarden Euro), dem unangefochtenen Start-up-Zentrum Deutschlands. Besonders großes Wachstum weist aber eine andere Region auf: Investitionen in bayerische Gründungen stiegen um 97 Prozent (2018: 802 Millionen Euro).

Neben zu wenigen und zu gering ausgestatteten Wagniskapitalfonds vermutet die Studie "Treibstoff Venture Capital" (unter anderen Roland Berger) auch grundlegendere Hemmnisse auf dem deutschen Markt: Zu wenig institutionelle Investoren wie Versicherungen und Pensionskassen wagen sich an Venture- Capital. Start-ups gelten nicht wie in den USA als Motoren für Innovation, diese Eigenschaft wird eher alteingesessenen Unternehmen zugeschrieben. Steuerlich und bürokratisch sei die Investition zudem zu kompliziert und kaum staatlich gefördert. Sie fordern klare Bekenntnisse aus der Politik und einen Dachfonds, mit dem die Bundesregierung gezielt erfolgversprechenden Neugründungen einen Hebel zum Wachstum bietet. © HBM 2019

Dieser Beitrag erschien in der April-Ausgabe 2019 des Harvard Business managers.

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