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Kooperationen Die Chance für Open Innovation

Wenn Unternehmen gemeinsam Lösungen entwickeln, kann dies ungeahnte Kräfte freisetzen. Nie war die Bereitschaft dazu größer als jetzt.
aus Harvard Business manager 8/2020
Aus der Serie „The Art of Chindōgu“

Aus der Serie „The Art of Chindōgu“

Foto: Daniel Gebhart de Koekkoek

In den ersten Krisenmonaten des Jahres 2020 geschah etwas Erstaunliches: Unternehmen legten ihre Scheuklappen ab und öffneten sich der Zusammenarbeit. Es ging nicht mehr um den Gewinn des Einzelnen; im Vordergrund stand, gemeinsam etwas Wertvolles zu schaffen. Siemens öffnete seine 3-D-Druck-Plattform Additive Manufacturing Network, damit Ärzte und Krankenhäuser schnell an Ersatzteile für medizinische Geräte gelangten. In Schweden taten sich der Lkw-Hersteller Scania und das Karolinska-Universitätskrankenhaus zusammen: Scania baute Anhänger zu mobilen Teststationen um und beauftragte 20 seiner Einkaufs- und Logistikexperten damit, Schutzkleidung für Mitarbeiter im Stockholmer Gesundheitswesen zu besorgen. Der US-Autobauer Ford machte mit der Gewerkschaft UAW, dem Medizintechnikunternehmen GE Healthcare und dem Technologiekonzern 3M gemeinsame Sache, um im US-Bundesstaat Michigan Beatmungsgeräte herzustellen. Zum Einsatz kamen Sitzlüfter aus dem Pick-up-Modell F-150, tragbare Batterien und Teile aus dem 3-D-Drucker.

Solche Kooperationen, das wissen wir aus Erfahrung, hätten in normalen Zeiten so gut wie keine Chance. Seit mehr als einem Jahrzehnt forschen wir zum Thema Open Innovation. Wir haben Tausenden von Managern und Studenten beigebracht, wie sie Innovationsprozesse für Externe öffnen, aufteilen und dezentralisieren können. Unsere Kursteilnehmer sind fast immer einer Meinung: "Wir brauchen mehr davon in unserem Unternehmen!" Die Begeisterung ist da. Aber in den Unternehmen bleiben dann die meisten Initiativen schon im Ansatz stecken. Wieder und wieder haben wir gesehen, wie Hackathons und andere Formen von Open Innovation haufenweise kreative Ideen hervorgebracht haben – von denen letztlich keine einzige umgesetzt wurde. Zurück blieben frustrierte Manager, Mitarbeiter und Geschäftspartner.

Bekannt geworden ist der Begriff Open Innovation durch Henry Chesbrough ("Über den Tellerrand schauen", Harvard Business Manager, Oktober 2003), der an der University of California in Berkeley lehrt. In seinem aktuellen Buch "Open Innovation Results" (Oxford University Press 2019) dokumentiert er, wie der Dax-Konzern Bayer Tausende Forscher in der Forschung und Entwicklung beschäftigt, aber nur zwei Leute damit beauftragt hat, Lizenzen für ungenutzte Ideen zu vergeben. Dabei ist das ein wesentlicher Teil von Open Innovation. Ähnliches sehen wir in vielen anderen Unternehmen. Kurz gesagt: Die Hoffnungen, die sich mit offenen Innovationsprozessen verbinden, haben sich bisher nicht erfüllt.

Doch das könnte sich nun ändern. In der Krise legen Unternehmen eine nie gekannte Kooperationsbereitschaft an den Tag. Das deutet darauf hin, dass sich Manager der Chancen offener Innovation bewusst werden. Die Idee ist klar: Wenn Unternehmen ihre Fähigkeiten bündeln, können sie Lösungen finden, auf die sie allein nie gekommen wären. Es geht nicht nur um mehr Wertschöpfung, neue Dienstleistungen oder neue Produkte. Sondern auch um etwas viel Wichtigeres: Open Innovation kann die Basis für eine lange, nachhaltige Zusammenarbeit liefern. Die soziologische Forschung hat gezeigt: Vertrauen entsteht, wenn Partner füreinander die sprichwörtliche Extrameile gehen – sie tun nicht nur das Nötigste, sondern weit mehr.

Sind die Bedenken der Vergangenheit nicht mehr relevant? Offene Innovation, so hieß es, gefährde geistiges Eigentum, lohne sich wirtschaftlich nicht und könne unvorhersehbare Folgen nach sich ziehen. All das bleibt wichtig. Aber Unternehmen sind gut beraten, sich jetzt auf die Chancen zu konzentrieren. Ihnen bietet sich eine einmalige Gelegenheit, neue, vielversprechende Partnerschaften zu schließen, die auch über die Krise hinaus Bestand haben. Hier sind vier Ratschläge, wie Manager die Hürden überwinden können, die Open Innovation bislang im Weg standen.

Kompakt

Das Problem
Open Innovation hört sich in der Theorie gut an: Partner aus unterschiedlichen Bereichen bündeln ihre Fähigkeiten und kommen so auf bessere und kreativere Lösungen. Die Hürden sind jedoch hoch: Unternehmen fürchten den Verlust geistigen Eigentums und scheuen die Kosten. Deshalb bleibt es oft bei vereinzelten Initiativen, aus denen es selbst gute Ideen nicht in die Umsetzung schaffen.


Die Lösung
Die Corona-Krise hat die Kooperationsbereitschaft vieler Unternehmen erhöht. Manager haben jetzt die Chance, offene Innovationsprozesse in ihren Organisationen fest zu verankern. Sie können die Gunst der Stunde nutzen, wenn sie Bedenken und Ängste, was ihr geistiges Eigentum betrifft, hintanstellen. Sie sollten stattdessen auf intrinsische Motivation setzen und sich neuen Geschäftspartnern öffnen.

1. Bedenken ausräumen

Untersuchungen haben ergeben: Viele Unternehmen sorgen sich vor allem darum, dass bei Kooperationen mit externen Partnern Werte aus ihren Organisationen abfließen könnten. Deshalb behalten sie all das, was sie für wichtig halten, für sich und beschränken die Zusammenarbeit auf Randbereiche. Wir kennen einige Chemieunternehmen aus Europa und den USA, die es ihren Open-Innovation-Partnern auf diese Weise so gut wie unmöglich machten, hilfreiche Beiträge zu liefern. Sie wollten ihnen nicht sagen, wo ihre größten Probleme lagen – weil sie befürchteten, das könnte künftige Patente gefährden. Als Folge versank die Partnerschaft in der Bedeutungslosigkeit.

Bedenken mit Blick auf geistiges Eigentum sind natürlich nicht von der Hand zu weisen. Aber sie können Open-Innovation-Initiativen daran hindern, überhaupt erst in Gang zu kommen. In der Corona-Krise kann es sinnvoll sein, erst einmal die Entwicklung eines neuen Angebots anzugehen, statt direkt dessen Kommerzialisierung im Auge zu haben. Unternehmen müssen ihren Partnern dafür einen Vertrauensvorschuss geben. Am besten ist es natürlich, Projekte zu verfolgen, die das eigene geistige Eigentum gar nicht erst in Gefahr bringen. Der Lkw-Hersteller Scania beispielsweise schickte einige seiner Produktionsexperten zur Arbeit nach Stockholm, um dem Medizintechnikunternehmen Getinge beim Aufbau einer Produktion von Beatmungsgeräten zu helfen. Das gefährdete in keiner Weise die eigenen technologischen Werte.

Ähnliches haben wir bei deutschen Start-ups beobachtet. Fintech-Vorreiter wie Finleap, Wefox und andere riefen die Non-Profit-Initiative "GesundZusammen" ins Leben. Ziel war es, technologische Lösungen für die Corona-Krise zu erarbeiten – etwa eine App, mit der sich Ansteckungen nachverfolgen lassen und die den strengen deutschen Datenschutzregeln entspricht. Zu den Partnern gehören prominente Digitalunternehmen wie die Bank N26 und der Lieferservice Delivery Hero ebenso wie Beratungsexperten der Boston Consulting Group und von Deloitte. Vorbehalte, jemand könnte das geistige Eigentum der anderen stehlen, sind uns nicht zu Ohren gekommen.

Vertrauen entsteht, wenn Partner füreinander die sprichwörtliche Extrameile gehen.
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