Zur Ausgabe
Artikel 9 / 26
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Ideenfindung Kreativität nach Vorschrift

Werden moderne Methoden für die Ideenentwicklung auch angewandt? Eine Studie zeigt, dass wahrhaft innovative Unternehmen in Deutschland rar sind. Die Mehrheit setzt auf klassisches Abarbeiten von Prozessen.
aus Harvard Business manager 8/2011

Illustration: iStock / Getty Images Plus

Nur in jedem dritten Unternehmen gehört Innovation wirklich zum Alltagsgeschäft. Die restlichen zwei Drittel belassen es bei Ankündigungen oder gehen Innovationen halbherzig nach. Diese ernüchternde Erkenntnis ergab eine Befragung von 194 Ideen- und Innovationsmanagern, Verantwortlichen aus den Bereichen Business Development und Produktentwicklung sowie Vorständen und Geschäftsführern deutscher Unternehmen. Wir wollten wissen, ob die seit Jahren empfohlenen Innovationsmethoden wie etwa Experimente wagen, Fehler zulassen oder eigenverantwortliche Teams bilden in den Unternehmen auch angewandt werden.

Um praxisrelevante Antworten zu erhalten, haben wir den Teilnehmerkreis stark eingeschränkt: Die Unternehmen mussten sich aktiv mit dem Thema Innovation befassen und dafür Ressourcen bereitstellen, um teilnehmen zu können. Grundlage des Fragebogens war das KEYS-Modell von Harvard-Business-School-Professorin Teresa Amabile, erweitert und ergänzt um Kriterien aus rund 50 internationalen Studien, die zwischen 1996 und 2010 durchgeführt wurden.

Wer Produktneuerungen verfolgt, stellt schnell fest: Nicht jedes Unternehmen ist innovativ, und nur wenige zeichnen sich durch überraschende Neuheiten aus. Unsere Befragung zeigt: Immerhin die Hälfte der untersuchten Firmen hat eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie innovativ sie sein müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die andere Hälfte aber weiß nicht genau, was sie von Innovationen überhaupt zu erwarten hat. Entsprechend halbherzig gehen die Mitarbeiter dort das Thema an.

Die Macherkultur eingefleischter Innovationsunternehmen, also ein Umfeld, das kreativen Köpfen zwar Ziele und Rahmenbedingungen vorgibt, sie aber ansonsten machen lässt, existiert in nicht einmal jedem sechsten Unternehmen. In drei von vier Betrieben wird Innovation nur gefördert, solange sie nichts kostet. Und schnelles Wagniskapital für überzeugende Ideen - seien es auch nur geringe Summen - stellt lediglich jedes vierte Unternehmen zur Verfügung. Zu allem Überfluss lähmen sich mehr als 80 Prozent durch lange Entscheidungswege selbst. In den meisten Unternehmen ist das Erfinden neuer Produkte streng durch entsprechende Prozesse geregelt. Bei 83 Prozent der Befragten ist der Regelbruch - selbst im begründeten Ausnahmefall - nur sehr eingeschränkt möglich. Und 35 Prozent stimmten der Aussage, dass Regeln und Vorschriften genau eingehalten werden müssen, voll und ganz beziehungsweise größtenteils zu. Regeln dominieren dort so sehr, dass man von "Kreativität nach Vorschrift" sprechen kann. Kreative Mitarbeiter genießen einen geringen Stellenwert: Nur in 28 Prozent aller Unternehmen sind Kreativität und kreatives Denken hoch angesehen. Echte Querdenker einzustellen, das trauen sich nur 24 Prozent.

Vollkaskomentalität

Warum können sich Unternehmen von ihren eingefahrenen Innovationsprozessen so schwer trennen? Ein Grund scheint ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Absicherung zu sein.

Nur knapp jedes fünfte Unternehmen fördert aktiv Experimente, die anderen 80 Prozent sichern sich durch Studien und Analysen ab, bevor sie handeln. Nur 12 Prozent aller Unternehmen akzeptieren schlechte Ideen als Teil des kreativen Prozesses.

Um diese Haltung zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf das Verständnis von Innovation in den Unternehmen. So will nur jedes vierte Unternehmen überhaupt bahnbrechende neue Produkte entwickeln. Der Rest versteht unter Innovation eher eine ständige Verbesserung des Bestehenden. Auf radikal neue Ideen reagieren 70 Prozent der befragten Unternehmen vorwiegend mit Angst.

Unterschiedliches Klima

Daraus folgt, dass es ganz unterschiedliche Innovationskulturen geben muss. Wir haben in den Befragungsdaten nach Mustern gesucht und vier verschiedene Innovationstypen unter den Unternehmen gefunden: aktive, passive, reaktive und Zufallsinnovatoren.

Aktive Innovatoren machen knapp 21 Prozent aller Unternehmen aus. Hier wird Innovation durch großen materiellen und personellen Einsatz in allen Bereichen vorangetrieben. Die Unternehmen haben eine Innovationskultur mit ambitionierten strategischen Zielen etabliert, arbeiten mit Hochdruck an neuen Ideen, setzen dabei Regeln außer Kraft, die dem Erfolg im Weg stehen, und haben eine kreative Kultur geschaffen, die sich mit "Fun & Focus" beschreiben lässt. Das Management ist offen für neue Konzepte, Mitarbeiter initiieren eigene Projekte und treiben sie aktiv voran. Unternehmen dieses Typs machen durch bahnbrechende Neuerungen auf sich aufmerksam.

Passive Innovatoren, zu denen 36 Prozent der Unternehmen gehören, setzen insgesamt weniger Ressourcen ein, die Leistung in den einzelnen Innovationsbereichen ist geringer. Sie treiben Neues ohne wirklich ambitionierte Ziele voran und haben Prozesse etab-liert, mit denen sie Ideen vorschriftsgemäß abarbeiten. In diesen Unternehmen lässt sich weder eine ausgeprägte Leidenschaft noch eine Führungskultur feststellen, die Ideen und Innovation fördern. Zu diesem Typ gehören Unternehmen, die langsam und stetig Produkte und Dienstleistungen verbessern. Solange keine Wettbewerber in den Markt eindringen, liefern diese Unternehmen auf Jahre solide Qualität.

Reaktive Innovatoren verfolgen zwar ambitionierte strategische Ziele, doch gehandelt wird nur auf Impuls von außen. Entweder auf Marktanforderungen oder aber auf Anordnungen der Geschäftsleitung. 27 Prozent der befragten Unternehmen gehören zu diesem Typ. Aktives Verhalten von Mitarbeitern sowie eine kreativitätsfördernde Kultur spielen eine untergeordnete Rolle. Unternehmen mit einer solchen Kultur brauchen eine Führung, die erkennt, was zu tun ist, und die Innovationsstrategie darauf ausrichtet. Das Management muss außerdem die Mitarbeiter zum Handeln motivieren. Fehlt diese visionäre Kraft, droht Markt- anteilsverlust.

Zufallsinnovatoren fehlt dagegen die strategische Ausrichtung, was auf 16 Prozent der befragten Unternehmen zutrifft. Es gibt Mitarbeiter und Teams, die Ideen - meistens in ihrem Wirkungsbereich - entwickeln. Sie sind kreativ, die Prozesse stehen, aber die Vorgaben aus der Chefetage fehlen. Dieser Innovationstypus schöpft das kreative Potenzial nicht aus. Prozesse stehen den Mitarbeitern eher im Weg, als dass sie Innovation fördern, Anreize zum kreativen Denken sind nicht gegeben. Innovation geschieht in diesen Unternehmen nicht aufgrund, sondern trotz der Kultur. Gute Ideen entstehen eher zufällig.

Fazit

Mitarbeitern und Führungskräften muss klar werden, welcher Innovationstyp zur Strategie passt. Dann gilt es, die nötigen Ressourcen konsequent einzusetzen, um die gesteckten Ziele auch zu erreichen. © 2011 Harvard Business Manager

Dieser Beitrag erschien erstmals in der August-Ausgabe 2011 des Harvard Business managers.

Zur Ausgabe
Artikel 9 / 26
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.