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Künstliche Intelligenz Zu lange gewartet

Viele Mittelständler in Europa scheuen vor dem Einsatz künstlicher Intelligenz zurück. Um nicht den Anschluss zu verlieren, müssen sie jetzt schnell umsteuern. Eine Studie zeigt, was passieren kann, wenn nichts passiert.
aus Harvard Business manager 2/2020
Foto: Joey Roulette / X06748 / REUTERS

Der wichtigste Satz zuerst: Ohne den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) werden Unternehmen demnächst nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Punkt. Ist doch klar, wird sich an dieser Stelle so manche Führungskraft denken – vor allem dann, wenn sie in einem umfassend digitalisierten Konzern arbeitet.

Doch für Manager mittelständischer Unternehmen ist das nicht immer klar.Vielen von ihnen gelten künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen noch als teure Technikspielerei mit unklarem Nutzen. Und so warten sie lieber ab, wie sich die Dinge entwickeln, statt schleunigst Geschäftsmodelle und Produktionsmethoden KI-gerecht umzubauen. Diese beunruhigende Tatenlosigkeit belegt eine Studie der Universität des Saarlandes und der Roland Berger Stiftung für europäische Unternehmensführung. Dafür befragten die Wissenschaftler um Ashok Kaul, Professor für Wirtschaftspolitik, 200 mittelständische Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes in acht europäischen Ländern sowie 20 KI-Experten.

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Ihr Fazit: Mittelständische Unternehmen in Europa sind derzeit noch weit davon entfernt, die Möglichkeiten von KI voll auszuschöpfen. Schlimmer noch, es fehlt ihnen in solch gravierendem Maße an Know-how, dass viele Unternehmen KI-Anwendungen derzeit nur mit externer Unterstützung einführen könnten. Die Probleme sind hausgemacht: Gerade mal ein Drittel der befragten Unternehmen (34 Prozent) gibt an, sich schon einmal ernsthaft mit KI beschäftigt zu haben. Nur 32 Prozent verfügen bereits über eine ausgearbeitete KI-Strategie oder sind dabei, eine zu erstellen. Und lediglich 15 Prozent der Mittelständler bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, KI-relevante Qualifikationen zu erwerben. 24 Prozent haben solche Weiterbildungen geplant.

Dass die Technologie enorme Möglichkeiten für neue Geschäftsfelder bietet, ist dem Großteil der befragten Unternehmen offenbar nicht bewusst. "Für die meisten Mittelständler ist KI ein Mittel zur Kostensenkung", betont Studienleiter Kaul. Nur jedes zehnte Unternehmen habe entsprechende Anwendungen in seine Produkte und Dienstleistungen integriert und damit die Weichen für die Transformation des Geschäftsmodells gestellt. "Die von uns befragten Experten sehen hingegen das große Potenzial, das die Technologie auch mittelständischen Unternehmen eröffnet." Laut einer Prognose des McKinsey Global Institute soll der Einsatz von KI in Deutschland jedes Jahr Wachstumseffekte von rund 50 Milliarden Euro bringen. Allein im verarbeitenden Gewerbe könnte das Wertschöpfungspotenzial durch KI von 2018 bis 2023 bei kumulierten 32 Milliarden Euro liegen, berechnete das Bundeswirtschaftsministerium in einer Studie.

Doch das wird nur eintreten, wenn deutsche Mittelständler schnell die Weichen in Richtung KI-Einsatz stellen. Zwei Faktoren sind dafür laut Studie entscheidend: die technisch-ökonomischen Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz und der Rückhalt in der Gesellschaft. Ausgehend von diesen Faktoren entwickeln die Studienautoren vier Szenarien für die KI-Nutzung im Jahr 2030:

KI-Eiszeit. Hier gibt es keine bezahlbaren Standardlösungen und nur wenige Mitarbeiter mit KI-Expertise. Anwendungen funktionieren nur unzureichend und schaffen es nicht, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Zudem hat der Gesetzgeber es versäumt, einen Ordnungsrahmen zu schaffen. Bestehende KI-Lösungen sind so rar und teuer, dass kein Mittelständler sie sich leisten kann oder will. Dadurch schwindet das kommerzielle Interesse an künstlicher Intelligenz in Europa.

KI-Assistenz. In diesem Szenario ist die technische Entwicklung rasch vorangeschritten; es existieren bezahlbare, leistungsfähige Standardlösungen. Allerdings mangelt es an Rückhalt in der Bevölkerung und bei Anwendern. Wie im vorherigen Szenario gibt es keine funktionierenden gesetzlichen Regelungen für KI. Dadurch wächst das Misstrauen bei der Speicherung sensibler Daten. Unternehmen setzen KI-Anwendungen vor allem für assistierende Funktionen oder Routineaufgaben ein, mit stark eingeschränktem Zugriff auf Daten.

KI-Insellösungen. Ganz anders sieht es in diesem Szenario aus. Der Einsatz künstlicher Intelligenz ist gesellschaftlich breit akzeptiert; der Staat hat umfassende gesetzliche Regelungen geschaffen. Gleichwohl kommt die technisch-ökonomische Entwicklung nicht voran. Es fehlen Standardlösungen, die künstliche Intelligenz flächendeckend im Mittelstand verankern. Wer über interne Expertise verfügt, entwickelt individuelle Lösungen für Assistenzsysteme, Teil- oder Vollautomatisierung. So zersplittert die Unternehmenslandschaft: Ein Teil nutzt selbst entwickelte KI-Lösungen, der andere wird immer weiter abgehängt.

KI-Paradies. In dieser idealen Welt sind große Teile der Arbeit mittels künstlicher Intelligenz automatisiert und optimiert. Die Gesellschaft ist von der Leistungsfähigkeit der KI überzeugt; ein funktionierender Ordnungsrahmen sorgt für Akzeptanz. Daher nutzen auch die meisten Unternehmen KI-Lösungen und sehen sie als unverzichbaren Bestandteil ihrer Wertschöpfungskette an.

Auf welches der Szenarien die derzeitige Entwicklung am ehesten hinausläuft, lässt die Studie offen. Die Autoren appellieren jedoch an Politik und Mittelstand, energisch zu handeln, um zumindest eine KI-Eiszeit zu verhindern. "Für mittelständische Unternehmen ist es besonders wichtig, dass bezahlbare Standardlösungen verfügbar werden und sie ihre Mitarbeiter rasch in KI-Technologien schulen können", sagt Manuel Schieler, Koautor der Studie. Zudem seien eine strategische Herangehensweise und der Austausch mit anderen Unternehmen – etwa über KI-Plattformen oder gemeinsame Investitionsprojekte – essenziell.

"Bis 2030 setzen Mittelständler KI flächendeckend ein"

Das Münchener Unternehmen Franka Emika wurde erst 2016 gegründet, gilt jedoch schon jetzt als Shootingstar der Robotikbranche. Zu seinen Kunden gehören auch viele Mittelständler. Ein Gespräch mit Mitgründer und CEO Simon Haddadin.

Herr Haddadin, Ihr Unternehmen bietet unter anderem Leichtbauroboter und Roboter-Apps an. Müssen Sie bei Mittelständlern mehr Überzeugungsarbeit leisten als bei großen Kunden?
Simon Haddadin: Viele unserer mittelständischen Kunden fertigen zum Teil noch hier in Europa. Sie leiden unter immensem Kostendruck und stehen oft vor der Entscheidung, ob sie ihre Produktion in Niedriglohnländer auslagern sollen. Für sie ist die Teilautomatisierung oft die einzige Möglichkeit, ihre europäischen Standorte zu erhalten. Wenn dann im Gespräch klar wird, dass unser Roboter genau das kann, was das Unternehmen umsetzen will, müssen wir meist gar nicht mehr so viel Überzeugungsarbeit leisten.

Ist die Angst vor Arbeitsplatzabbau auch Thema in diesen Gesprächen?
Na ja! Die Realität ist, dass wir in Europa momentan eine Werksschließung nach der anderen erleben. Dabei sollten Unternehmen sich erst mal darauf fokussieren, ihre Standorte hierzulande zu erhalten. Dabei hilft der Einsatz modernster Technologien wie Robotik und KI. Das steigert Effizienz und Planbarkeit der Produktion sowie die Produktqualität. Ein konkretes Beispiel hierfür ist unser Werksstandort in Durach, an dem vorher ein großes deutsches Unternehmen Elektronik fertigte, jedoch aus Kostengründen schließen musste. Unser Produktionspartner hat das Werk mitsamt Personal übernommen und mit unserer Unterstützung die Fertigung hochautomatisiert. Das zeigt, dass es sich lohnt, in Deutschland zu investieren, mit dem Ziel, auch langfristig wettbewerbsfähig zu fertigen.

Warum zögern trotzdem so viele Mittelständler mit der Einführung von KI?
Man muss zunächst zwei Bereiche unterscheiden. Es gibt den Einsatz von KI in der Prozessautomatisierung, etwa beim Einkauf oder in der Lagerhaltung. Viele dieser Prozessschritte werden bereits heute digital abgebildet und von Softwareanbietern mithilfe von KI optimiert. Dass dies bereits mit Prozessdaten passiert, ist dem Mittelstand oft nicht klar. Da es keine großen europäischen Cloud-anbieter gibt, stellt sich die Frage: Wo landen diese Daten, wer hat Zugriff darauf? Der zweite Bereich ist der Einsatz von KI in Produktionsprozessen. Hier gilt es, Aufklärungsarbeit zu leisten, denn vielen Mittelständlern ist noch nicht klar, wie groß das Potenzial von KI ist und was der Umgang mit ihr in den eigenen Produktionshallen bedeutet. Industrieroboter waren bisher Positioniermaschinen, die nach wochenlanger Programmierzeit 20 Jahre lang die gleiche Bewegung von A nach B ausführten, ohne zu wissen, was ihre Aufgabe war. Ihnen fehlten Fähigkeiten, die jeder Mensch besitzt: Tastsinn, Reflexsystem, höhere Intelligenz. Ohne diese grundlegenden Fähigkeiten kann ein Industrieroboter feinfühlige Aufgaben wie Computermontage niemals beherrschen. Tatsächlich sind wir der erste Anbieter von intelligenter Roboterhard- und -software, die wie ein Mensch mit Bauteilen und Werkstücken interagiert und die sich in wenigen Minuten oder Stunden auf neue Produkte umrüsten lässt.

Muss denn jeder Mittelständler künftig ein Digitalunternehmen werden?
Um den digitalen Wandel wird niemand herumkommen. Ein Digitalunternehmen ist jedoch nicht immer mit einem E-Commerce- oder Social-Media-Anbieter gleichzusetzen. Die Themenfelder KI und Digitalisierung sind sehr viel diverser. In Europa beherrschen wir einige Kernbereiche sehr gut – Mechatronik, Sensorik, Antriebe und dazugehörige Software –, um darauf basierend KI-Lösungen in der physischen Welt einzusetzen. Deshalb sollten wir nicht versuchen, den mittlerweile enormen Vorsprung der Internetkonzerne aus den USA und China aufzuholen, sondern unseren eigenen Vorsprung ausbauen. Mittelständler können hier Kernkomponenten liefern, die für die Intelligenz in selbstfahrenden Autos, in Robotern für Unternehmen oder Haushalte verantwortlich sind. Darin sehe ich die Zukunft für KMU.

Wie lange wird es dauern, bis Robotik und KI bei mittelständischen Unternehmen in Europa Standard sind?
Wir erleben in KI und Robotik derzeit eine Entwicklung analog zum Aufkommen der Personal Computer: Nachdem Mitte der 70er Jahre der Apple I auf den Markt gekommen war, dauerte es rund zehn Jahre, bis First Follower ähnliche Systeme anboten. In den 90er Jahren begann der flächendeckende Einsatz, bis zur Komplettabdeckung, wie wir sie heute kennen. Bei der KI sind wir gerade in einer Phase, die sich mit der Situation der PCs Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre vergleichen lässt. Erstmals gibt es Systeme, die in der Lage sind, Aufgaben KI-basiert zu lösen, um den Anwender zu unterstützen. Daher gehe ich davon aus, dass bis 2030 Mittelständler in Europa flächendeckend künstliche Intelligenz in den Produktionsstätten einsetzen werden.

© HBM 2020

Quelle: Ashok Kaul et al.: "Künstliche Intelligenz im europäischen Mittelstand", Universität des Saarlandes im Auftrag der Roland Berger Stiftung, Oktober 2019

Dieser Artikel erschien erstmalig in der Februar-Ausgabe 2020 des Harvard Business manager.

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