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Afrika: Ein Schmelztiegel für Kreativität

Afrikas Probleme haben den Kontinent jahrzehntelang abgehängt. Doch jetzt lösen innovative Geschäftsmodelle und Technologien die Herausforderungen. Nebenbei entsteht ein Versuchslabor für Unternehmer.
aus Harvard Business manager 2/2019

Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

Wie viele Unternehmen in Afrika erzielen jährlich einen Umsatz von einer Milliarde US-Dollar oder mehr? Stellt man diese Frage internationalen Führungskräften, glauben die meisten, es seien weniger als hundert. Bei manchen lautet die Antwort sogar "null". Und die Realität? Es gibt vierhundert solcher Unternehmen – und im Durchschnitt wachsen sie schneller und sind profitabler als ihre globalen Mitbewerber.

Wir haben viele dieser Unternehmen beraten, während sie sich rasant über ganz Afrika und darüber hinaus ausbreiteten. Dabei konnten wir einen unerwarteten Nebeneffekt beobachten: Afrika ist zu einem wichtigen Testlabor für globale Innovationen geworden. Wenn Sie ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Geschäftsmodell entwickeln können, das marktwirtschaftlich ist und robust genug, um in Afrika Erfolg zu haben – dann wird es sich wahrscheinlich auch in vielen anderen Regionen der Welt durchsetzen.

Dabei wollen wir die Herausforderungen für den Markteintritt in Afrika gar nicht kleinreden (Herausforderungen, deren sich erfolgreiche Unternehmer sehr wohl bewusst sind): Unzureichende Infrastruktur kann beispielsweise bedeuten, dass Unternehmen ihre eigenen Lieferketten aufbauen müssen. Mangelnde allgemeine Schulbildung kann heißen, dass sie den Mitarbeitern grundlegende Fähigkeiten und Einstellungen beibringen müssen. Doch derartige Herausforderungen bieten auch die Möglichkeit, Werte zu schaffen. Um internationale Führungskräfte und Unternehmer dabei zu unterstützen, aus Afrika kommende Innovationen zu erkennen, von ihnen zu lernen, mit ihnen zu kooperieren oder in sie zu investieren, haben wir eine Systematik mit sechs Innovationstypen entworfen. Diese werden wir auf den folgenden Seiten darstellen. Technologie zieht sich als roter Faden durch das Gesamtbild: Mehr als wahrscheinlich irgendeine andere Region ist Afrika Vorreiter bei Entwicklungen auf digitaler Basis. Sie können Unternehmen helfen, starre Barrieren zu überwinden und einen sprunghaft wachsenden Fortschritt loszutreten.

Zugang zur Finanzwelt durch Lowtech und Hightech

In den Schwellenländern haben zwei Milliarden Menschen und 200 Millionen Unternehmen keinen Zugang zu Sparplänen und Krediten. Und wenn sie diesen Zugang haben, bezahlen sie oft viel Geld für eine bescheidene Auswahl an Produkten (siehe die Grafik "Ein Leben ohne Konto"). Das Problem ist keinesfalls auf die Schwellenländer beschränkt. In den Vereinigten Staaten besitzt einer von 14 Haushalten – insgesamt sind es etwa 9 Millionen – kein Giro- oder Sparkonto, oft weil es schlichtweg zu teuer ist. Weitere 24 Millionen haben nur eingeschränkten Zugang zu Finanzinstituten: Obwohl sie ein Konto besitzen, greifen sie auf überteuerte Finanzprodukte und Dienstleistungen außerhalb des offiziellen Bankwesens zurück, wie zum Beispiel Payday Loans (Kurzzeitkredite).

Um den vom Finanzsystem ausgeschlossenen Haushalten zu helfen – und dies auf profitable, nachhaltige Weise –, müssen Banken und andere Unternehmen sowohl auf technologiebasierte Lösungen setzen als auch auf einfache Behelfslösungen. Für beides bieten afrikanische Unternehmen überzeugende Beispiele. So hatte die Equity Bank, die 2004 aus einer kleinen Bausparkasse in Kenia hervorgegangen ist, 2017 bereits mehr als zwölf Millionen Kunden in ganz Ostafrika, mehr als fünf Milliarden US-Dollar in Vermögenswerten und wies Gewinne vor Steuern in Höhe von 270 Millionen US-Dollar aus. James Mwangi, der Gründungs-CEO, erzählte uns, Zweck der Bank sei es vor allem, "ein gesellschaftliches Problem zu lösen: den mangelnden Zugang zu Zahlungssystemen". Das Problem hat für ihn eine zutiefst persönliche Bedeutung. "Ich bin in einer ländlichen Gegend aufgewachsen, und meine Mutter hatte kein Bankkonto", erinnerte er sich. "Die nächste Bankfiliale war 50 Kilometer entfernt, und die Mindesteinlage zur Eröffnung eines Kontos entsprach dem Mehrfachen ihres Jahreseinkommens." Also bewahrte sie, wie die meisten anderen Kenianer, ihr Geld unter der Matratze auf.

An der Wende zum 21. Jahrhundert verfügte nicht einmal einer von zehn Erwachsenen in Kenia über ein eigenes Bankkonto. Heute sind es zwei Drittel, was zu einem großen Teil den Innovationen der Equity Bank zu verdanken ist. "Wir wussten, dass wir uns um die Bedürfnisse der Leute kümmern mussten, denen es ging wie meiner Mutter", erklärte Mwangi. Lange bevor das Banking per Smartphone aufkam, führte die Equity Bank etwas ein, das sie mobiles Banking nannte: Minibankfilialen, die auf die Ladefläche eines Land Rover passten und von Dorf zu Dorf gefahren wurden. Die bekannteste Innovation der Bank ist jedoch ihr System des Bankshops: Im ganzen Land wurden mehr als 30.000 kleine Läden als Bankagenturen eingesetzt und bevollmächtigt, Ein- und Auszahlungen durchzuführen.

Neben diesen recht analogen Innovationen hat die Equity Bank auch das exponentielle Wachstum der mobilen Telefonie in Afrika vorangetrieben. Noch im Jahr 2000 gab es in der gesamten Subsahara-Region weniger Telefonleitungen als auf der Insel Manhattan. 2016 gab es über 700 Millionen Mobilfunkgeräte quer über den Kontinent – grob gerechnet eines für jeden Erwachsenen. Die Mobiltelefone haben das Leben der Afrikaner in wichtigen Bereichen verändert, etwa indem sie Bargeldtransaktionen durch schnelle und sichere mobile Zahlungen ersetzten. Inzwischen gibt es 122 Millionen aktive mobile Geldkonten in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara – mehr als in irgendeiner anderen Region der Welt (siehe Grafik "Afrika ist führend im mobilen Banking"). Dieses Wachstum ermöglichte es der Equity Bank, ihre mobilen Land-Rover-Filialen aufzugeben. 2015 führte sie mit Equitel, ihrer Banking-App für Mobiltelefone, echtes mobiles Banking ein. Die große Mehrheit der Barzahlungen und Kreditverträge bei der Bank wird inzwischen über Equitel abgewickelt. Dadurch kann die Bank besonders effizient arbeiten.

Neue Partnerschaften schaffen eine neue Infrastruktur

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