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Kolumne In Würde altern

aus Harvard Business manager 7/2011

Das Leitmotiv der nächsten Zeilen erscheint auf den ersten Blick vielleicht ein wenig skurril: Ich propagiere eine neue Bewegung, die Pro-Aging heißen soll. Sie setzt sich zum Ziel, die charakteristischen Eigenarten jedes Alters zu zelebrieren, das wir gerade haben.

Ich bin darauf gestoßen, als mir meine Studentinnen und Studenten, naturgemäß allesamt junge Leute, immer häufiger von einer Zumutung bei den Bewerbungen für ihre ersten Jobs erzählten: Sie sollten weit älter sein, als sie sind; Erfahrungen vorweisen, die sie im geforderten Umfang gar nicht haben konnten - Auslandsaufenthalte, Praxis in Unternehmen, soziales Engagement und dergleichen mehr, sozusagen eine Karriere vor der Karriere, auf dass sie berechenbar die Qualitäten eines alten Berufslebens aufwiesen. "Ich habe mich 40 Jahre älter gefühlt", sagte ein junger Mann, vor allem, weil eine Menge seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen sich freiwillig diesem vorweggenommenen Altersprozess unterwürfen.

Die Herrschaften selbst, so meine jungen Gewährspersonen, gäben sich indes selbst betont jugendlich und verbrächten, um jung zu bleiben, mehr und mehr Stunden ihres freien Lebens auf Fitnessgeräten, deren einziges Ziel möglichst viel Weg sei. Doch was die Sache auf die Spitze treibe, seien die schwelgerischen Erinnerungen der hochklassigen älteren Referenten in den abendlichen Small Talks der Firmenklausuren, wenn sie von ihren jungen Jahren erzählten, von Umwegen, Irrsinn, geschmissenen Studien und karrieretechnisch sinnlosen Abschweifungen.

Dieser seltsame Widerspruch, dass der jugendliche Nachwuchs vom verjüngten Älteren künstlich veraltert wird und dass sich viele junge Leute freiwillig darauf einlassen, älter zu wirken, treibt mich also zur Initiative Pro-Aging. Nicht zuletzt deshalb, weil ich mit älteren Damen darüber geredet habe, mit erfahrenen Frauen, Unternehmerinnen zum großen Teil. Die schüttelten den Kopf über dieses Gebaren, mehr irritiert als resigniert. Das sei wohl männlich, meinten sie und gerade deshalb unverständlich. Immerhin schreibe man doch den faltigen Gesichtern alternder Männer einen gewissen Reiz zu. Wobei der irritierendste Befund allerdings der sei, dass manche jungen Damen, die sich bewürben, mitunter so sein wollten wie die älteren Herren.

Aber, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, auch die zeigten sich irritiert vom Jugendtheater, in dem sie nicht mehr als belächelte Komparsen auftreten wollten. Ich kam mit einigen ins Gespräch, die auf den weitläufigen Hügeln Umbriens rasteten, weil ihre Oldtimer abkühlen mussten, Autos, die sie sich in ihrer Jugend nicht leisten konnten. "Ich wäre sehr beunruhigt", sagt mir einer, während sein Blick wohlgefällig auf den Flanken seines zweifarbigen Austin Healey 3000 Mark III ruhte, "wenn meine Nachfolger so sein wollten wie ich in diesem neuen Wirtschaftgefüge, das sie aufbauen." So saßen sie da, entspannt und in Maßen sportlich, sichtlich in den Schlachten ihrer Karriere gealtert, und leisteten ihren altersgemäßen Beitrag zur Belebung der europäischen Volkswirtschaft, zur Erhaltung kulinarischer und technischer Traditionen, die eine Menge junger Leute ernähren.

Nachdruck

Nummer 201107101, siehe Seite 104 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Manager

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